Beim Ektropium unterscheiden Augenärzte verschiedene Formen (siehe auch Kapitel "Überblick"). Zu den wichtigsten nachfolgend noch einige Informationen.

Weit verbreitet: Ektropium im höheren Lebensalter

In jungen Jahren sind die Strukturen (der "Aufhängeapparat") der Lider fest und straff. Dadurch bleiben sie in Form und halten die Stellung. Eine wichtige Rolle spielen dabei stützende Elemente wie die Bindegewebsplatte namens Tarsus in den Lidern und die beiden Lidbändchen im inneren und äußeren Augenwinkel. Sie verbinden die Lider mit der Knochenhaut.

Auch der ringförmige Lidschlussmuskel  (Ringmuskel oder Orbicularis-Muskel) beeinflusst die Lidstellung. Darüber hinaus helfen kleine, an der Bindegewebsplatte verankerte Muskeln namens Retraktoren mit, die Lider in der richtigen Position zu halten, vor allem am Unterlid.

Altersbedingt können sich diese Strukturen verändern. Im höheren Lebensalter ist vor allem die Aufhängung des Unterlides im inneren und äußeren Augenwinkel geschwächt. Ärzte sprechen hier von einer horizontalen (waagrechten) Erschlaffung der Lidbändchen. Auch die Lidhaut gibt nach.

Hinzu kommt ein Spannungsverlust der kleinen Lidmuskeln, der Unterlidretraktoren. Der ringförmige Augenmuskel erhält dann ein Übergewicht. Er verlagert sich nach unten, dabei schiebt er die Unterkante der Bindegewebsplatte nach oben zum Lidrand hin, sie kippt nach außen. Als Folge liegt das Unterlid nicht mehr vollständig dem Augapfel an.

Die Gesichtsäste des Fazialisnerven verzweigen sich in der Ohrspeicheldrüse

Die Gesichtsäste des Fazialisnerven verzweigen sich in der Ohrspeicheldrüse

Ektropium bei Gesichtslähmung

Der Gesichtsnerv oder Fazialisnerv versorgt mit seinem motorischen  Anteil alle mimischen Muskeln und den Ringmuskel am Auge. Die mimischen  Muskeln setzen wir zum Beispiel ein, wenn wir die Stirn runzeln, die  Backen aufblasen, die Lippen schürzen oder ein Lied pfeifen.

Der  Ringmuskel bewirkt den Lidschluss, und wir können mit seiner Hilfe das  Auge auch fest zukneifen. Bei einer peripheren Lähmung des  Gesichtsnervs, einer peripheren Fazialisparese, ist eine Gesichtshälfte  erschlafft.

Typisches Zeichen ist ein auf der betroffenen Seite  herabhängender Mundwinkel. Lidschluss und Stirnrunzeln gelingen nicht.  Der Augapfel wendet sich beim Versuch, das Auge zu schließen, nach oben  und bleibt teilweise sichtbar (Bell-Phänomen). Außerdem bildet sich ein  Ektropium (Lähmungsektropium) des Unterlides. Auch die "Tränenpumpe",  also Muskelfasern, die für den geordneten Abfluss der Tränen sorgen,  arbeitet unter Umständen nicht mehr.

Der Gesichtsnerv vermittelt  aber nicht nur Muskelaktionen, sondern auch Sinneswahrnehmungen und  vegetative Funktionen. Begleitend kommt es häufig zu Schmerzen hinter dem Ohr auf der  betroffenen Seite, vermehrter Geräuschempfindlichkeit und  Missempfindungen an der gleichseitigen Wange.

Zudem ist bei peripherer Fazialislähmung  der Geschmackssinn teilweise aufgehoben, und die Bildung der Tränen-  sowie Speichelflüssigkeit kann vermindert sein. Möglicherweise ist durch  die Schwäche der Wangen- und Lippenmuskulatur auch das Sprechen  beeinträchtigt. Allerdings liegt nicht immer eine vollständige Lähmung  vor. Die Krankheitszeichen hängen auch davon ab, wo der Nerv in seinem Verlauf geschädigt worden ist.

Die  Ursache der peripheren Fazialislähmung ist vielfach unbekannt. Dann  sprechen Ärzte von einer idiopathischen Fazialislähmung. Die Häufigkeit  nimmt mit dem Lebensalter zu. Teilweise gehen offenbar symptomlos  verlaufene Virusinfekte voraus. Tatsächlich wird derzeit eine Entzündung  mit erneut aktivem Herpes-simplex-Virus (es bleibt nach der  Erstinfektion im Körper) als wichtige Ursache der idiopathischen Form  angenommen.

Darüber hinaus gibt es periphere  Gesichtsnervlähmungen, die nicht zur idiopathischen Gruppe gehören. Sie  treten vor allem bei Herpes-zoster-Infektionen des Ohres, bei anderen  Virusinfektionen, die zum Beispiel zu einer Mitttelohr- oder Hirnhautentzündung geführt haben, oder im Rahmen einer Borrelieninfektion auf.

Seltener sind sie Folge eines Tumors  der Ohrspeicheldrüse.  Manchmal liegt ein Schädelbruch (sogenannte Felsenbeinfraktur) zugrunde.  Sehr  selten kommt eine periphere Gesichtslähmung bei immunologischen Erkrankungen wie zum  Beispiel Sjögren-Syndrom oder Sarkoidose vor.

Durchblutungsstörungen können mitunter ebenfalls eine Rolle spielen.  Daneben gibt es weitere Ursachen wie etwa ein sogenanntes Cholesteatom  (chronisch-eitrige Mittelohrentzündung mit Knochenzerstörung).

Ein Teil der Betroffenen hat einen Bluthochdruck oder Diabetes.

Die Folgen für das betroffene Auge: Durch  das herabhängende Unterlid und den unvollständigen Lidschluss  entwickelt sich schnell ein trockenes Auge. Verschiedene Schutzmaßnahmen  können mögliche Komplikationen wie Entzündungen der Bindehaut und  Hornhaut vermeiden helfen.

Keineswegs selten: Ektropium durch Narben

Auch Gesichts- und Lidverletzungen führen manchmal zu einem  Ektropium. Es entsteht dann durch eine vermehrte Spannung des Gewebes,  ausgehend von Narben oder Hautverdickungen.

Mechanisch, entzündlich oder durch einen Lidtumor bedingtes Ektropium

Als mechanische Ursachen eines Ektropiums kommen Lidschwellungen oder entzündliche Hauterkrankungen (Dermatosen) in Betracht, die das  Lid mit einbeziehen. In erster Linie spielen hier Dermatosen eine Rolle,  die mit  Verhornungsstörungen einhergehen oder zu den entzündlichen  Ekzemen  gehören. Manchmal verlagern schlecht sitzende Brillengläser das  Lid nach unten und außen. Gelegentlich kann eine Geschwulst (ein Tumor)  zu einem Ektropium führen.

Unterschiedlich häufig: Ektropium nach Lidoperation

Mit der Größe eines Eingriffs am Lid nimmt das Risiko zu, dass das  Lid anschließend in eine Auswärtsdrehung gerät. So kommt ein  postoperatives Ektropium häufiger nach ausgedehnten Operationen am Lid  vor, zum Beispiel wegen eines Tumors.

Sehr viel seltener tritt es nach Korrekturen anderer Lidfehlstellungen auf, etwa eines einwärtsgedrehten Lides (Entropium).

Selten: Angeborenes Ektropium

In sehr seltenen Fällen ist diese Fehlstellung des Lides angeboren.   Die Auswärtsdrehung des Unterlides kann sich spontan zurückbilden.   Teilweise sind aber noch weitere Fehlbildungen des Lides, des Gesichts   oder der Haut vorhanden.