Handgelenksganglion (Überbein)

Plötzlich bildet sich eine pralle, kugelartige Vorwölbung am Handgelenk? Häufig ist das ein Ganglion, auch Überbein genannt. Mehr zu Ursachen, Symptomen und Therapie
von Dr. Dagmar Schneck, aktualisiert am 01.12.2014

Ein Ganglion (Überbein) bildet sich häufig am Handgelenk

W&B/Jörg Neisel

Was ist ein Ganglion?

Ganglien (Einzahl: Ganglion, auch Überbein genannt) machen über 50 Prozent der gutartigen Haut- und Weichteiltumore an der Hand aus.

Es handelt sich um Ausstülpungen der weichen Gelenkhäute, die mit Flüssigkeit aus den Gelenken (Synovialflüssigkeit, "Gelenkschmiere") gefüllt sind.

Am häufigsten entsteht ein sogenanntes Überbein am Handrücken. Es kann aber auch auf der Beugeseite der Hand und an den Fingergelenken auftreten. Nur selten bildet sich ein Ganglion auch an anderen Gelenken.

Handgelenksganglien treten vor allem bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 40 Jahren auf. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. Grundsätzlich können sich Ganglien in jedem Lebensalter bilden, auch bei kleinen Kindern.

Ein Ganglion bildet sich an der Gelenkapsel oder Sehenscheide und enthält Gelenkflüssigkeit (Für die komplette Grafik auf die Lupe oben links klicken!)

W&B/Szczesny

Wie ist ein Gelenk aufgebaut?

In Gelenken sind Knochen miteinander verbunden. Um das Gelenk herum liegt die Gelenkkapsel. Sie besteht aus festem Bindegewebe, das sicherstellt, dass die beteiligten Knochen in der richtigen Stellung zu einander stehen und die Bewegung im Gelenk nur in einer bestimmten Richtung möglich ist.

Innen ist die Gelenkhöhle durch eine weiche Bindegewebsschicht, die sogenannte Synovialmembran ausgekleidet und mit einer klaren, gallertartigen Flüssigkeit (Synovialflüssigkeit, "Gelenkschmiere") gefüllt. Sie verhindert, dass die Gelenkflächen aneinander reiben.

Wie entsteht ein Ganglion?

Man vermutet, dass Ganglien dann entstehen, wenn die Kapsel des Gelenkes eine Schwachstelle hat und gleichzeitig ein Überdruck im Gelenkspalt besteht, zum Beispiel durch besonders viel Flüssigkeit. Dann können sich die weichen inneren Gelenkhäute nach außen stülpen. Es bildet sich eine Zyste – ein flüssigkeitsgefüllter Hohlraum. Diese Zyste ist über einen Stil mit dem Gelenkspalt verbunden und wird darüber mit Gelenkflüssigkeit gefüllt.

Die Größe des Ganglions wird maßgeblich durch die Flüssigkeitsmenge bestimmt. Daher kann die Größe schnell zunehmen – aber auch wieder abnehmen, wenn die Flüssigkeit wieder in den Gelenkspalt abfließt.

Manchmal stülpen sich die Gelenkhäute nicht nach außen sondern nach innen, zwischen die Handwurzelknochen. In diesem Fall können intraossäre Ganglien entstehen ("Knochenzysten").

Warum entstehen Ganglien?

Die Ursachen für diese Vorgänge sind nicht endgültig geklärt. Diskutiert wird eine allgemeine Bindegewebsschwäche. In etwa zehn Prozent der Fälle lassen sich in der Vorgeschichte auch Verletzungen oder Verstauchungen ermitteln, die eine Überdehnung und dadurch eine Schwäche des Kapsel-Band-Apparates bewirkt haben. Ein weiterer Grund kann eine Reizung im Gelenk sein, zum Beispiel bei einer Arthrose. Sie führt zu einer vermehrten Bildung von Flüssigkeit im Gelenk.

Wo können sich Ganglien bilden?

Grundsätzlich können Ganglien an jedem Gelenk auftreten:

  • 70 Prozent der Handgelenksganglien liegen am Handrücken und gehen von dem Gelenk zwischen Kahnbein und Mondbein auf der Außenseite der Hand aus.

  • Bis zu 25 Prozent der Ganglien liegen auf der Beugeseite der Hand oberhalb des Daumens. Sie stehen meistens mit dem Daumensattelgelenk in Verbindung. Bei Kindern unter zehn Jahren ist das sogar der häufigste Ort.

  • An den Fingern können Ganglien an den Ringbändern der Fingergelenke entstehen (Ringbandganglien) oder an den Sehnenscheiden der Strecksehnen (Hygrome). Ganglien an den Fingerendgelenken heißen Mukoidzysten. Sie entstehen oft als Folge von Knochenauswüchsen bei einer Arthrose der Fingerendgelenke.

 

Drückt ein Handgelenksgelenks-Ganglion auf benachbarte Neren können Schmerzen bis in die Fingerspitzen ziehen

W&B/Silvia Lammertz

Welche Symptome verursacht ein Ganglion?

Häufig macht ein Ganglion keine Beschwerden. Es kann aber auch Schmerzen bereiten oder Bewegungen behindern. In vielen Fällen zeigt sich ein Handgelenksganglion als schmerzlose, verschiebliche und prallelastische Schwellung am Handgelenk. Oft beschreiben Betroffene eine Größenzunahme bei Bewegungen der Hand. Handgelenksganglien können mit Durchmessern von über acht Zentimetern sehr groß werden.

Ein Ganglion kann dumpfe, belastungsabhängige Gelenksschmerzen hervorrufen und die Beweglichkeit einschränken. Ein Ganglion im Bereich des Handrückens verursacht typischerweise Schmerzen, wenn sich der Betroffene mit seiner Hand aufstützt – zum Beispiel bei Liegestützen.

Drückt das Ganglion auf umgebende Strukturen wie Nerven oder Gefäße kann zusätzlich ein Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Schwächegefühl in der Hand auftreten. Die Schmerzen strahlen dann eventuell in die Fingerspitzen oder bis zum Ellenbogen aus.

Wenn ein Ganglion eine Sehne quetscht, entsteht womöglich eine schmerzhafte Sehnenscheidenentzündung.

Woher kommen die Beschwerden bei einem Handgelenksganglion?

In den äußeren, festen Bindegewebsschichten der Gelenkkapsel sitzen Schmerzrezeptoren. Deswegen ist ein Ganglion manchmal druckempfindlich. Während das Ganglion wächst, können Teile der äußeren Kapsel gedehnt oder gereizt werden – und das tut dann weh. Oft verursachen allerdings kleine Ganglien mehr Beschwerden als große. Häufig entstehen Schmerzen dadurch, dass ein Ganglion auf die Strukturen in der Umgebung drückt, zum Beispiel auf einen benachbarten Nerv oder auf ein Gefäß.

Was bemerkt man bei Ganglien an den Fingergelenken?

Ganglien an den Ringbändern der Finger (Ringbandganglien) sind oft sehr klein – messen nur zwei bis acht Millimeter. Bei der Fingerbeugung bewegen sie sich nicht mit. Sie können beim Faustschluss und beim Zugreifen auf die Fingernerven drücken und Schmerzen oder Gefühlsstörungen auslösen.

An den Strecksehnen der Finger bilden sich manchmal sogenannte Sehnenganglien (Hygrome), die sich beim Strecken der Finger meist mitbewegen. Sie machen nur selten Beschwerden.

Die sogenannten Mukoidzysten an den Fingerendgelenken sind bis zu 15 Millimeter große, runde oder unregelmäßig begrenzte, glasig aussehnende Schwellungen hinter dem Nagelfalz. Sie können Nagelwachstumsstörungen mit Rillen am Nagel verursachen. In manchen Fällen reißen sie auf und führen zu immer wiederkehrenden Entzündungen an den Fingerendgelenken.

Wie stellt der Arzt die Diagnose eines Handgelenksganglions?

Die Diagnose eines Ganglions stellt der Arzt in erster Linie durch die Untersuchung der betroffenen Hand. Technische Untersuchungsmethoden – wie die Ultraschalluntersuchung – dienen vor allem dazu, andere Ursachen einer Schwellung auszuschließen. In Zweifelsfällen kann auch eine Gewebeprobe angebracht sein.

Wann sind bei einem Ganglion technische Untersuchungen notwendig?

Eine Ultraschalluntersuchung stützt die Diagnose im Zweifelsfall. Sie ermöglicht dem Arzt, die genaue Ausdehnung des Ganglions zu beurteilen. Die Diagnosetechnik liefert Hinweise auf mögliche Ursachen – wie eine Verletzung oder eine Arthrose – und erlaubt den Ausschluss anderer Gründe für eine Schwellung, zum Beispiel Tumore.

In seltenen Fällen kommt eine Kernspinuntersuchung zum Einsatz. Sie zeigt, wie ein Ganglion genau verläuft und mit welchem Gelenk es verbunden ist. Das kann manchmal wichtig sein, wenn eine Operation geplant ist.

Wie stellt der Arzt eine Störung der Nachbarstrukturen fest?

Schließlich muss der Arzt überprüfen, ob Strukturen in der Umgebung des Ganglions in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Die Beeinträchtigung eines Nervs kann durch funktionelle Tests objektiviert werden. Mit Hilfe einer speziellen Ultraschallsonde (Doppler) beurteilt der Arzt den Blutfluss in den betroffenen Gefäßen. Diese Untersuchungen sind häufiger bei Ganglien auf der Beugeseite der Hand erforderlich, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nerven und Gefäßen liegen.

Wann ist eine Gewebeprobe nötig?

Ist die Diagnose trotz all dieser Untersuchungen nicht eindeutig zu klären, kann auch die Entnahme einer Gewebeprobe angebracht sein. So lässt sich im Zweifelsfall ein therapiebedürftiger Tumor entdecken oder ausschließen. Nur selten steht erst nach der operativen Entfernung und feingeweblichen Untersuchung fest, um was es sich handelt.

Der Arzt kann ein Ganglion in einer Operation entfernen

Jupiter Images GmbH/ Photos.com

Wie behandelt der Arzt ein Handgelenksganglion?

Solange ein Ganglion keine Beschwerden verursacht, ist es harmlos. Normalerweise ist dann keine Behandlung nötig. In beinahe der Hälfte der Fälle besteht die Aussicht, dass sich das Ganglion spontan wieder zurückbildet.

Hält sich ein Ganglion hartnäckig, bereitet Probleme – zum Beispiel durch Druck auf Nerven oder Gefäße – oder stört ästhetisch, kann es durch verschiedene Operationsmethoden entfernt werden.

Wie kann der Arzt ein Ganglion entfernen?

Der Arzt kann ein Ganglion mit einer Hohlnadel anstechen und die Flüssigkeit ablassen. Anschließend spritzt er Kortison oder andere Medikamente in den Zystenhohlraum. Diese Wirkstoffe sollen verhindern, dass das Ganglion erneut auftritt. Die Behandlung ist wenig einschneidend und kann durchaus erfolgreich sein. Die Rückfallrate nach der Therapie ist jedoch vor allem bei den Ganglien am Handrücken besonders hoch.

Als Behandlung der Wahl gilt heute jedoch eher, das Ganglion in einer Operation als Ganzes zu entfernen. Am häufigsten werden offene Operationsverfahren angewandt. Diese Operationen sind in der Regel in einer örtlichen Betäubung oder bei gezielter Betäubung des Armes (Regionalanästhesie des Armes) möglich. Damit der Operateur bestmögliche Sicht auf das Operationsgebiet hat, erfolgt der Eingriff unter Lupenvergrößerung und Blutleere in der Hand. Die Rückfallrate nach diesen Operationen liegt bei bis zu 20 Prozent.

Was muss man nach der Operation eines Ganglions beachten?

In den meisten Fällen kann man das Handgelenk nach der Operation gleich wieder bewegen. Nur nach der Entfernung von sehr großen Ganglien oder nach sehr ausgedehnten Eingriffen wird das betroffene Gelenk vorübergehend mit einer Unterarmgipsschiene ruhiggestellt. Dennoch sollte der Patient die Hand in jedem Fall schonen, bis die Wundheilung abgeschlossen und das Nahtmaterial nach etwa 14 Tagen entfernt worden ist. Danach kann eine krankengymnastische Übungsbehandlung notwendig sein, um die volle Beweglichkeit des Handgelenks wiederherzustellen.

Welche Nebenwirkungen sind bei der Operation eines Ganglions möglich?

Nach einer operativen Entfernung kann es zu einer Bewegungseinschränkung im Gelenk und zu Schmerzen kommen. Vor allem bei beugeseitigen Handgelenksganglien besteht die Gefahr, dass die benachbarte Arterie (Radialarterie) verletzt wird. Bei Operationen von Mucoidzysten können Hautdefekte entstehen, die durch Haut- oder Gewebetransplantation behandelt werden müssen.

Kommen Ganglien wieder?

Ganglien können erneut auftreten. Die Rückfallrate ist unter anderem von der Art des Ganglions und vom Behandlungsverfahren abhängig.

Gibt es eine Behandlung ohne Operation?

Wenn ein Ganglion Schmerzen verursacht, kann man – nach Rücksprache mit dem Arzt – einen Versuch unternehmen, es durch Ruhigstellen und vorübergehende Einnahme von entzündungshemmenden Schmerzmedikamenten zu behandeln. Die Erfolgsrate dieses Vorgehens ist allerdings gering.

Beratender Experte: Dr. med. Michael Ruggaber

W&B/Privat

Beratender Experte: Dr. med. Michael Ruggaber

Dr. med. Michael Ruggaber, Facharzt für Plastische- und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie, war nach beruflichen Stationen in Ravensburg (Prof. D. Kistler) und Stuttgart (Prof. M. Greulich) zuletzt als Leitender Oberarzt in der Klinik für Plastische-, Ästhetische- und Handchirurgie – Zentrum für Schwerbrandverletzte – in Offenbach am Main (Prof. H. Menke), tätig. Seit August 2011 leitet er die Sektion für Plastische- und Ästhetische Chirurgie, seit März 2012 zusätzlich die Sektion für Handchirurgie am Klinikum Friedrichshafen. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die rekonstruktive Weichteilchirurgie, die gesamte Ästhetische Chirurgie sowie die Brustchirurgie in Zusammenarbeit mit dem Brustzentrum Bodensee.

Quellen:
Häufige Weichteilgewebe der Hand, eine Übersicht; Taeger CD, Horch RE, CHAZ 13:137-140 (2012)
Ganglien der Hand Ätiologie, Diagnostik und Therapie Teil 1;Grimm A, Bach AD, Kopp J  CHAZ: 5:453-458 (2004)
Ganglien der Hand Ätiologie, Diagnostik und Therapie Teil 1;  Grimm A, Bach AD, Kopp J CHAZ: 6:29-33 (2005)
Vogt: Praxis der Plastischen Chirurgie Springer-Verlag 2011


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: W&B/Szczesny, W&B/Privat, W&B/Jörg Neisel, W&B/Silvia Lammertz, Jupiter Images GmbH/ Photos.com

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