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Im Fernsehen, in Briefen von der Krankenkasse und auch in der Apotheken Umschau: Immer wieder wird man ermutigt, einen Organspendeausweis auszufüllen oder – seit diesem Jahr neu – sich im Internet in das Organspenderegister einzutragen.

Ohne die eigene Zustimmung – oder im Falle des Todes, der Zustimmung der Angehörigen – ist eine Organspende in Deutschland nicht möglich. Anders als in vielen anderen Ländern mit einer Widerspruchslösung gilt hierzulande die sogenannte Entscheidungslösung.

Um jedem und jeder die wichtige Entscheidung über die Organspende zu erleichtern, informieren Krankenkassen alle zwei Jahre die Versicherten ab 16 Jahren. In einer Umfrage gaben 44 Prozent der Befragten an, den Willen zur Organspende in einem Ausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert zu haben.[1]

Widerspruchslösung in den meisten Ländern Europas

Zuletzt stimmte der Bundestag im Jahr 2020 gegen die Einführung einer Widerspruchslösung in Deutschland.[2] Nun kommt aber wieder Bewegung in die Sache: Mehrere Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein wollen am 14. Juni 2024 in der Bundesratssitzung einen Gesetzesentwurf zur Einführung der Widerspruchslösung vorstellen. [3]

In den meisten Ländern Europas ist die Widerspruchslösung die Regel – siehe Karte. Das bedeutet: Jeder Mensch ist nach seinem Tod automatisch Organspender, es sei denn, er widerspricht aktiv, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister.

Wichtig zu wissen: Bei der Organspende gilt immer die Regelung des Landes, in dem man verstirbt und nicht die des Heimatlandes. Es ist daher ratsam, auch im Ausland einen Organspendeausweis mitzuführen, der den Willen dokumentiert, am besten auch in der Landessprache.[4]

Die Karte zeigt die Verteilung der verschiedenen Regelungen zur Organspende in Europa. Quelle: www.organspende-info.de

Die Karte zeigt die Verteilung der verschiedenen Regelungen zur Organspende in Europa. Quelle: www.organspende-info.de

Organspende-Regelungen in Europa

  • Zustimmungslösung: Organe können nur entnommen werden, wenn die verstorbene Person dem zu Lebzeiten zugestimmt hat. Wurde die Entscheidung nicht dokumentiert, werden in einigen Ländern die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt.
  • Entscheidungslösung: Wie die Zustimmungslösung. Zusätzlich werden Bürgerinnen und Bürger regelmäßig ergebnisoffen und neutral über die Organspende informiert, etwa von der Krankenkasse.
  • Widerspruchslösung: Organe können immer entnommen werden, es sei denn, die verstorbene Person hat dem zu Lebzeiten widersprochen. In einigen Ländern dürfen aber Angehörige einer Organspende nach dem Tod der Person widersprechen, wenn keine Entscheidung vorliegt.
  • Mischsystem: Kombination von Elementen der Zustimmungs- und Widerspruchslösung.

Bringt die Widerspruchslösung mehr Spenderorgane?

Viele erhoffen sich, durch die Einführung einer Widerspruchslösung mehr Spenderorgane zu gewinnen. Denn tatsächlich haben Länder mit Widerspruchslösung tendenziell mehr Organspenden als Länder, in denen sich jede Person aktiv für oder gegen eine Organspende entscheiden muss. [5]

Ob die Widerspruchslösung allerdings tatsächlich zum Erfolg führt, bezweifeln einige Fachleute. So verwies etwa das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen in seiner „Unstatistik des Monats“ kürzlich auf zwei Studien aus denen hervorgeht, dass ein Wechsel zu einer Widerspruchslösung zwar die Zahl der potenziellen Spenderinnen und Spender erhöht, nicht aber die tatsächliche Zahl gespendeter Organe. [6]

Und auch in Spanien, dem „Organspende-Weltmeister“, stieg die Zahl der Spenden nicht nach der Einführung einer Widerspruchslösung so dramatisch an (zumal in Spanien Familienangehörige bis zuletzt der Organspende widersprechen können). Erst eine Umstrukturierung des gesamten Organspende-Systems, etwa die Einführung einer übergeordneten Organspende-Organisation, brachte mit der Zeit den Erfolg.[7]

Kein „Game-Changer“, aber Puzzlestück

„Einen wirklichen Effekt auf die Organspendezahlen haben Aufklärung, die Einführung von Prozessen zum Erkennen potenzieller Spenderinnen und Spender im Krankenhaus, eine einfühlsame Kommunikation mit den Angehörigen, eine angemessene Vergütung der Krankenhäuser – fehlen diese Bedingungen, nützt auch die Widerspruchslösung nicht viel“, gibt die Autorin der „RWI-Unstatistik“, Katharina Schüller von der Statistik-Beratung STAT-UP, zu bedenken.

Auch Dr. Ana Paula Barreiros von der Deutschen Stiftung Organtransplantation sieht die Widerspruchslösung nicht als alleinigen „Game-Changer, der die Zahl der jährlichen Organspenden plötzlich von 800 auf 2000 erhöht“. Dennoch ist sie für eine Einführung: „Die Widerspruchslösung ist ein Puzzlestück unter vielen. Sie hat das Potenzial, eine Kultur der Organspende in Deutschland zu schaffen“, sagt Barreiros „Jeder geht ja davon aus, im Notfall ein Spenderorgan zu bekommen, genauso sollte es der Normalfall sein, Organe im Todesfall zu spenden“.


Quellen:

  • [1] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Wissen, Einstellung und Verhalten zur Organ- und Gewebespende . https://www.organspende-info.de/... (Abgerufen am 10.06.2024)
  • [2] statista: Bundestagsabstimmung zur "doppelten Widerspruchslösung" für Organspenden vom 16. Januar 2020 . https://de.statista.com/... (Abgerufen am 10.06.2024)
  • [3] Deutsches Ärzteblatt: Widerspruchslösung bei Organspende: Gesetzesinitiative im Bundesrat. https://www.aerzteblatt.de/... (Abgerufen am 10.06.2024)
  • [4] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Die Entscheidungslösung in Deutschland und gesetzliche Regelungen in anderen europäischen Ländern. https://www.organspende-info.de/... (Abgerufen am 10.06.2024)
  • [5] Schulze Spuentrup S: Does implementing opt-out solve the organ shortage problem? Evidence from a synthetic control approach. In: ifo Working Paper 01.11.2023, 403: 6
  • [6] Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung: Warum mehr potenzielle Organspender nicht zwingend mehr tatsächliche Organspenden bewirken. https://www.rwi-essen.de/... (Abgerufen am 10.06.2024)
  • [7] Matesanz R, Domínguez-Gil B: Opt-out legislations: the mysterious viability of the false. In: Kidney International: 01.06.2019, https://doi.org/...