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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach plant Apotheken ohne Apothekerinnen und Apotheker. Das geht aus einem Referentenentwurf zur Reform hervor, den Lauterbach am Mittwoch zur Abstimmung mit den übrigen Ministerien vorgelegt hat. Das berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die den Entwurf vorab einsehen konnte.

So können Apotheken laut dem Entwurf in Zukunft ohne leitenden Apotheker oder leitende Apothekerin geöffnet sein. Es reiche aus, wenn ein Pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA) beziehungsweise eine Assistentin vor Ort sei. Voraussetzung dafür aber sei, dass ein approbierter Apotheker per Video zugeschaltet werden kann. PTA sollen aber keine Betäubungsmittel herausgeben können. Zudem soll die Apothekenleitung mindestens acht Stunden pro Woche in der Filiale sein.

Veränderte Öffnungszeiten möglich

Künftig sollen zwei Apothekerinnen oder Apotheker eine Filiale gemeinsam leiten können. Das soll Teilzeit ermöglichen. Auch sollen Apotheker dann Filialen außerhalb benachbarter Kreise betreiben können.

Für Kundinnen und Kunden besonders wichtig: Die Öffnungszeiten könnten sich ebenfalls ändern. So soll laut Entwurf die sogenannte „dauerhafte Dienstbereitschaft“ durch eine „Dienstbereitschaft in bestimmten Zeiträumen“ abgelöst werden. Das heißt: Montags bis freitags müssen Apotheken für die Dauer von jeweils sieben Stunden und Samstag für die Dauer von vier Stunden während der üblichen Geschäftszeiten geöffnet sein. Apotheken können so ihre Öffnungszeiten bei Bedarf um bis zu 19,5 Stunden pro Woche reduzieren.

Apotheken können zudem von der Verpflichtung zur Dienstbereitschaft befreit werden – zum Beispiel wegen Urlaubs. Das gehe aber nur, wenn eine andere Apotheke in der Nähe die Arzneimittelversorgung sicherstelle.

Außerdem sollen Apothekenbetreiber für „unterstützende Tätigkeiten“ Personal einstellen können, das keine „apothekenspezifische Ausbildung“ habe. Ausländische Fachkräfte, die noch in der Ausbildung sind, sollen wie pharmazeutische Assistenten eingesetzt werden können. Und approbierte Apotheker ohne deutschen Abschluss sollen eigene Apotheken eröffnen können. Bisher durften sie nur Apotheken übernehmen.

Zweigstellen sollen Versorgung verbessern

Apothekeninhaberinnen und -inhaber sollen zudem sogenannte Zweigapotheken gründen können – quasi eine Apotheke light. Davon sollen vor allem unterversorgte Regionen profitieren. Solche Zweigapotheken müssen nur vier Stunden am Tag besetzt sein. Eine eigene Rezeptur brauchen sie zudem nicht. Eine Rezeptur ist eine Art Labor, in der Apothekerinnen und Apotheker Medikamente herstellen können.

Inhaberinnen und Inhaber können aber nur zwei Zweigapotheken zusätzlich zur Haupt- und Filialapotheke eröffnen. Laut Referentenentwurf sollen 100 Zweigapotheken gegründet werden.

Mehr Impfungen in Apotheken

Wichtig für Kundinnen und Kunden: Apotheken sollen in Zukunft auch mehr Impfungen anbieten können. Bisher kann man in Apotheken lediglich Impfungen gegen Grippe und das Corona-Virus erhalten. Wenn der Entwurf umgesetzt wird, könnten auch Impfungen wie Kinderlähmung, FSME, Tetanus oder Diphtherie hinzukommen.

Zudem soll die Vergütung von Apotheken erhöht werden. Bisher erhalten diese 8,35 Euro pro rezeptpflichtigem Arzneimittel, das abgegeben wird. Der Beitrag soll 2025 auf 8,66 Euro und 2026 auf 9 Euro erhöht werden. Gleichzeitig soll aber die prozentuale Vergütung von drei auf zwei Prozent fallen. Apotheken erhalten pro abgegebener Packung von rezeptpflichtigen Medikamenten eine festgelegte Pauschale sowie einen Prozentsatz des Verkaufspreises.

Etwas besser werden Apotheken in Zukunft für Nacht- und Notdienste vergütet. Pro Packung fließen heute 21 Cent in einen Fonds, aus dem Apotheken für jeden Notdienst eine Pauschale bekommen. Künftig sollen es 28 Cent pro Packung sein. Allerdings will Lauterbach dafür an anderer Stelle kürzen und den Topf für die sogenannten pharmazeutischen Dienstleistungen zusammenstreichen.

Apothekerverband kritisiert Lauterbachs Vorhaben

Die Pläne von Lauterbach sieht der Apothekenverband ABDA kritisch. Eine Apotheke ohne Apotheker nennt Verbandschefin Gabriele Overwiening einen schweren Tabubruch. „Einrichtungen ohne Apothekerinnen oder Apotheker sind keine Apotheken. Da hilft es auch nicht, wenn ein Apotheker oder eine Apothekerin für ein paar Stunden pro Woche vorbeischaut.“ so Overwiening. „Solche Abgabestellen auf niedrigstem Niveau sehen wir mit großer Besorgnis. Minister Lauterbach hatte versprochen, keine Leistungskürzungen vorzunehmen, aber genau das macht er hier. Mit dieser Idee wird die Versorgung bagatellisiert und abgewertet – und mit nicht verantwortbaren Risiken für die Patientinnen und Patienten belastet.“

Zu Änderungen am Honorarsystem sagt Overwiening: „Die Honorierung wird zwar umstrukturiert, aber es kommt kaum weiteres Geld in das bereits seit Jahren unterfinanzierte System der Arzneimittelversorgung über die Apotheken vor Ort. Hier fehlt es an jeglicher schnellen Unterstützung.“

Immer mehr Apotheken schließen

Das Vorhaben insgesamt fasst Overwiening als „Rückschritt in der Versorgung der Patientinnen und Patienten“ zusammen. „Das System der Apotheken vor Ort sichert die wohnortnahe Arzneimittelversorgung der Menschen in Deutschland. Trotz einer betriebswirtschaftlich unzureichenden Honorierung schaffen es die Apothekerinnen und Apotheker, selbst bei den Lieferengpässen immer noch eine unentbehrliche Säule für die Gesundheitsversorgung der Menschen zu sein. Auf eine bessere Honorierung, mehr Entscheidungskompetenzen, weniger Bürokratie und eine digitale Weiterentwicklung der apothekerlichen Aufgaben warten die Apothekerinnen und Apotheker dagegen schon lange“, so die ABDA-Chefin.

Als Folge des Apothekensterbens fehlen besonders im ländlichen Raum Apotheken. Nach Angaben der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA) haben allein im vergangenen Jahr 500 Apotheken in Deutschland geschlossen, so viele wie in ganz Thüringen existieren. „Die Versorgung der Menschen ist in Gefahr“, warnte Verbandschefin Overwiening. Dem Verband zufolge hat innerhalb von 20 Jahren ein Fünftel der Apotheken aufgegeben. Laut Zahlen des Apothekendienstleisters Noventi sind seit Jahresbeginn noch einmal 142 Schließungen hinzugekommen.