Sich einmal pro Woche in einen hautengen Anzug zwängen, mit Elektroden verkabeln und immer wieder Strom durch den Körper jagen lassen. Klingt brutal, machen viele Leute aber freiwillig. Ihr Ziel: in kurzer Zeit fit, schlank und stark werden. Im Jahr 2017 versuchten knapp 190 000 Menschen in Deutschland, mit der EMS-Methode (Elektromyostimulation oder auch elektrische Muskelstimulation genannt) ihren Körper zu stählen. Zumindest waren sie in einem der gläsernern Studios, die seit ein paar Jahren in vielen Großstädten aufpoppen, als Mitglieder angemeldet. Statt für die Strandfigur ständig Hanteln zu stemmen, einfach 20 Minuten stromsporteln: Funktioniert das

Muskeln unter Strom setzen

"Im Hochleistungssport nutzen wir das  EMS-Training schon seit zehn Jahren", erklärt Dr. Heinz Kleinöder,  wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leiter der Abteilung Kraftdiagnostik  und Bewegungsforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln.  Urspünglich kommt die Methode aus der Physiotherapie. "Besonders nach  Verletzungen oder Operationen sollen die Stromstöße dem Muskelschwund  entgegenwirken oder ihm vorbeugen", erklärt Frank-Peter Bossert, Leiter  der Arbeitsgemeinschaft Elektrotherapie vom Deutschen Verband für  Physiotherapie.

Das Prinzip der Methode ist einfach: Wenn wir Sport  treiben, leiten unsere Nerven Impulse an die Muskeln weiter, die sich  daraufhin zusammenziehen. Und Muckis wachsen, je öfter sie gebraucht  werden. Beim EMS-­Training leiten Elektroden, die in Funktionskleidung  eingearbeitet sind, außerdem Strom an die Muskeln. Während man also  verkabelt Kniebeugen oder Sit-ups macht, werden die verschiedenen  Muskelgruppen an Beinen, Bauch oder Rücken zusätzlich zum Nervenimpuls  durch einen elektrischen Reiz stimuliert. Pro Sekunde werden sie so etwa  85 Mal zum Kontrahieren gebracht – ohne Strom könnte man das nicht  erreichen.

Elektroden im Anzug stimulieren mehrere Muskelgruppen

Elektroden im Anzug stimulieren mehrere Muskelgruppen

Besser langsam angehen lassen

Damit der Strom besser zu den Muskeln gelangt, wird der  Trainings­anzug  vorher oft leicht befeuchtet. "Bei der Reizstromtherapie  kommen meist  24 Volt zum Einsatz", erklärt Bossert. "Zum Vergleich:  Eine Nervenzelle  arbeitet mit 70 bis 80 Millivolt." Wer mit dem  Stromtraining beginnt,  sollte es darum langsam angehen lassen. "Man  sollte erst einmal lernen,  mit dem Reiz umzugehen", empfiehlt  Sportwissenschaftler Kleinöder.  "Damit man sich nicht beim ersten Mal  gleich völlig überschätzt."

Nach  und nach könne man dann langsam die  Intensität steigern. Anfangs ist es  ungewohnt, wenn mit einer Übung  durch den Strom mehr  Muskelgruppen  aktiviert werden als bei  herkömmlichen Bewegungen. Selbst einfache  Übungen wie Kniebeugen fühlen  sich dann plötzlich deutlich  anstrengender an. "Zudem ist wichtig, nicht  gleich alle Muskeln zu  stimulieren, sondern schrittweise anzufangen,  zum Beispiel erstmal mit  Bauch und Rücken", sagt Kleinöder.

Trainings-Regeln
• Wer unter Strom trainieren möchte, sollte sich einen geeigneten Trainer suchen und langsam beginnen.
• Nach jeder Trainingseinheit vier Tage Pause einlegen.
• Wer sich unwohl fühlt oder unter Schmerzen leidet, sollte einen Arzt aufsuchen.
• Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzschrittmachern oder Epilepsie sollten ganz auf EMS-Training verzichten.
• Wer sich krank fühlt oder unter einem Infekt leidet, sollte ebenfalls nicht mit Strom trainieren. Dann sind allerdings auch andere Sportarten tabu. Denn es gilt: erstmal auskurieren.
• Der Bundesverband Gesundheitsstudios Deutschland hat in Zusammen­arbeit mit Universitäten Leitlinien für ein sicheres EMS-Training veröffentlicht.

Strom als Motivator

Der   Sportwissenschaftler ist der Meinung, dass  sich das EMS-Training sogar   als Einstiegssportart für echte  Couchpotatoes eigne. "Viele lernen ihren   Körper durch das Training  besser kennen und bekommen dann Lust auf  mehr  Sport," so Kleinöder. Er  betont aber wie wichtig es ist, einen   erfahrenen und gut geschulten  Trainer an der Seite zu haben, der das   Training auf den Zustand des  Kunden abstimmt.

Dazu rät auch die   Deutsche Gesellschaft für  Klinische Neurophysiologie und funktionelle   Bildgebung. Denn das  Training könne schnell dazu verleiten, sich zu   übernehmen. Unwissendes  Personal wie auch die Trainierenden seien oft   damit überfordert, die  Belastung richtig einzuschätzen. Das Problem: Wer   zu stark unter Strom  trainiert, erhöht die Produktion des Enzyms   Creatin-Kinase, welches  auch beim herkömmlichen Sport ausgeschüttet   wird. Das Enzym  unterstützt Muskeln bei der Energieversorgung. Schießen   die Werte in  die Höhe, kann das möglicherweise zu Nierenschädigungen   führen.

Experten wie Dr. Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln sagen: Wird der Stromreiz vernünftig  angewendet, ist das Training sicher

Experten wie Dr. Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln sagen: Wird der Stromreiz vernünftig angewendet, ist das Training sicher

In Maßen ist das Training sinnvoll

In  einer aktuellen Übersichtsarbeit   von  insgesamt 23 Studien zur  Wirksamkeit und Sicherheit des    EMS-­Trainings, die im Fachblatt  Frontiers in Physiology veröffentlich    wurde, stellten Forscher der  Universität Erlangen-Nürnberg, der    Technischen Hochschule  Kaiserlautern und der Deutschen Sporthochschule    Köln fest, dass das  Training unter Strom Muskelmasse aufbaue, die    Fettmasse reduziere und  dabei nicht mit besonderen Risiken verbunden    sei. Kleinöder fügt  hinzu: "Wird der Reiz vernünftig angewendet, ist  das   Training sicher."  Auch Bossert sieht das so: "Sofern die  Muskulatur   gesund innerviert  ist, also keine Nervenschädigungen und  auch sonst   keine  Vorerkrankungen vorliegen, ist EMS für jeden  geeignet."

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