„Bald wird es endlich besser. Die Corona Zahlen gehen runter, der Frühling kommt. Und dann erinnert sich die Politik hoffentlich an ihr Versprechen, sich um uns zu kümmern“: So beschreibt Simon Schnetzer die Stimmung unter jungen Menschen zu Beginn dieses Jahres. Doch dann kam der Krieg in der Ukraine. Und mit ihm eine neue, angsteinflößende und vielleicht sogar lebensbeeinflussende Situation – auch für die Jugendlichen in Deutschland.

Schnetzer ist Diplom-Volkswirt. Zusammen mit dem Sozialwissenschaftler und Bildungsforscher Professor Klaus Hurrelmann führte er die Trendstudie „Jugend in Deutschland – Sommer 2022“ durch. Für sie wurden 1021 junge Leute im Alter von 14 bis 29 Jahren befragt. Die Ergebnisse wurden am 3. Mai veröffentlicht.

45 Prozent der Befragten gaben darin an, große Angst vor einer Ausweitung des Ukraine-Konflikts zu haben. 42 Prozent erwarten, dass ein Leben mit Angst vor Krieg zum Dauerzustand werden könnte. 23 Prozent gehen davon aus, dass es zu einer aktiven Beteiligung von jungen Deutschen als Soldaten und Soldatinnen kommen wird. 13 Prozent der jungen Leute glauben sogar, dass sie möglicherweise von ihrem Wohnort fliehen werden müssen.

Generell scheint die Belastung hoch zu sein: So gaben 45 Prozent an, unter Stress zu leiden. 35 Prozent litten unter Antriebslosigkeit. Und 32 Prozent unter Erschöpfung.

Ukraine-Krieg kommt als Krise on top

„All diese Sorgen legen sich über die noch nicht verheilten psychischen Narben der Corona-Pandemie“, sagt Klaus Hurrelmann. Eine letzte Erhebung im Winter 2021 hätte gezeigt: Fast die Hälfte der jungen Generation hatte sich damals noch nicht von den Belastungen und Einschränkungen erholt. Das bestätigt auch Sozialpädagoge Professor Wolfgang Schröer von der Universität Hildesheim: „Wir haben während der Pandemie drei Studien zum Wohlbefinden junger Menschen in Zeiten von Corona – JuCo – durchgeführt. Im Rahmen der letzten Studien haben die jungen Menschen im hohen und für uns überraschenden Maße gesagt, dass sie sich psychisch belastet fühlen.“

Gerade für diese Altersgruppe sei die Coronakrise ein besonders großer Einschnitt gewesen. Denn Jugend, das bedeute „planen, verwerfen, ausprobieren“, sagt Schröer. Junge Menschen bräuchten die Vielfalt von Erfahrungen und den Wechsel von Erfahrungsräumen, von kleinen und großen Gruppen, von drinnen und draußen, um sich zu finden und die eigene Position zu festigen. „Die wollen nur Spaß haben“ ist deshalb laut Schröer zu kurz gedacht. „Es geht um nichts weniger als ihre psychosoziale Gesundheit.“

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Jugendliche in der Pandemie

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Manche Jugendliche litten besonders unter den jahrelangen Einschränkungen

Während der Pandemie waren die Erfahrungsräume sehr reduziert. Pläne mussten über den Haufen geworfen werden, Träume sind zerplatzt. Der Freiwilligendienst, den man vorhatte? Die Abi-Feier? Die Reise? Der Auszug aus dem Elternhaus, der Beginn des Studiums? Vieles musste kurzerhand abgesagt werden – oder im Digitalen stattfinden. Die besonderen Bedürfnisse der Jugend kamen klar zu kurz, kritisiert der Experte.

Besonders für diejenigen, die es schon vorher nicht leicht im Leben hatten, habe sich das als problematisch erwiesen. „Unseren Erhebungen nach hat etwa ein Drittel der jungen Menschen nicht die Sicherheitsstrukturen und damit die nötige Stabilität, um solche Krisensituationen auszuhalten“, sagt Hurrelmann. Gerade für diese Gruppe dürfte sich die Situation durch die neuerliche Krise noch einmal verschärfen. „Vor allem, wenn es durch die Folgen des Krieges in der Ukraine wirtschaftliche Probleme in Deutschland gibt“, sagt Hurrelmann.

Besser hinhören als labeln

Erst die Pandemie, jetzt der Krieg: Was macht das mit der Persönlichkeitsentwicklung? „So richtig werden wir das wohl erst in einigen Jahren sagen können“, sagt Wolfgang Schröer. Er warnt davor, allzu früh Diagnosen zu stellen. Generation Corona? Oder gar: Generation Krise? „Vorsicht mit Labeln.“ So nachvollziehbar die zunächst auch klingen würden: „Wenn wir eine ganze Generation entsprechend benennen, legen wir sie fest und nehmen ihr damit schlimmstenfalls Chancen“, sagt Schröer.

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In politische Entscheidungen mit einbeziehen ­– und das Gespräch suchen

Deutlich besser als pauschal zu bedauern sei es, ins Gespräch zu gehen. Schröer: „Wir sind an einem Punkt, an dem es dringend starke jugendpolitische Impulse braucht. Die Belange einer ganzen Generation dürfen nicht wieder nach hinten gedrängt werden, so wichtig außenpolitische, energiepolitische oder verteidigungspolitische Impulse natürlich aktuell sind.“ Gerade zum letzten Punkt, wenn von enormen Ausgaben für die Bundeswehr oder gar von einer Wiedereinsetzung der Wehrpflicht gesprochen wird, gehören junge Menschen aus Sicht des Wissenschaftlers unbedingt einbezogen: „Sie wären von solchen Überlegungen schließlich am meisten betroffen.“

Auch Klaus Hurrelmann plädiert dringend für eine stärkere Einbeziehung junger Menschen in aktuelle Entscheidungen ­– nicht nur in der Politik. Für Familien und Schulen spiele es jetzt genauso eine große Rolle, Bereitschaft zum Austausch zu signalisieren. Beschwichtigungen, so gut sie auch gemeint sein mögen, sind nach Auffassung des Bildungsforschers die denkbar schlechteste Art des Umgangs. Denn Ohnmacht und Angst vor Kontrollverlust blieben trotzdem bestehen. Aktivität hingegen hilft laut Hurrelmann beim Umgang mit der wahrgenommenen Bedrohung. Sie macht selbstwirksam.

Demonstrationen organisieren, Plakate kleben, Diskussionsveranstaltungen anleiten – wo Eltern und Lehrer so etwas fördern, tun sie aus Sicht des Wissenschaftlers genau das Richtige. Klar: Der Krieg endet deswegen nicht schneller, wohl aber das Gefühl, dem Ganzen tatenlos ausgeliefert zu sein.

Gemeinsam reflektieren, auch wenn es keine Lösung gibt

„Wenn Lehrkräfte und Eltern erst mal nicht wissen, wie sie das Thema Krieg in der Ukraine gemeinsam mit jungen Menschen thematisieren sollen, finde ich das erstmal sehr verständlich“, betont Hurrelmann aber auch. An dieser Stelle solle man sich vom Gedanken verabschieden, bei Gesprächsbeginn bereits Lösungen parat haben zu müssen, rät der Wissenschaftler. Oder auch nur eine grobe Idee für einen möglichen Gesprächsverlauf.

Es gibt etwas, was beiden Seiten hilft: dem Wahrgenommenen in der gemeinsamen Reflexion ein Stück weit eine Ordnung zu geben. „Dabei müssen gar nicht unbedingt die konkreten Geschehnisse der Aufhänger sein“, sagt Hurrelmann. Man könne zum Beispiel auch erst mal über frühere kriegerische Ereignisse in Europa sprechen.

Die Bedürfnisse und Wünsche von Jugendlichen ernst nehmen

Das Gegenüber fürchtet wie die Menschen damals Einbußen beim Lebensstandard, hat vielleicht Angst um die eigene berufliche Zukunft? „Bitte unbedingt ernst nehmen“, sagt Hurrelmann. Er warnt davor, solche Gedanken vorschnell als egoistisch abzutun: „100 Milliarden Euro sollen für Aufrüstung und Verteidigung ausgegeben werden. Während Corona hat es nicht einmal genug Geld für Laptops für alle Schüler gegeben. Da muss man sich solche Fragen gefallen lassen.“

Der Jugend und ihren Anliegen auf Augenhöhe begegnen: Das findet auch Simon Schnetzer wichtig. „Hören wir ernsthaft hin“, plädiert er. Ziele zu visualisieren – darum sollte es im Austausch mit jungen Menschen aktuell schwerpunktmäßig gehen. „Junge Menschen gehören eingebunden.“

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Kein schlechtes Gewissen machen, sondern ermutigen

Was droht, was wird bald alles nicht mehr möglich sein? Wer allein in diese Richtung denke, läuft laut Schnetzer Gefahr, in einen gedanklichen Negativ-Strudel zu geraten. Und schwäche sich damit immer weiter selbst. „Nehmen Sie Ihrem Nachwuchs das schlechte Gewissen, wenn er sich in diesen Tagen Gedanken über den nächsten Urlaub, einen Auslandsaufenthalt oder auch nur das kommende Wochenende mit Freunden macht“, rät er. Mehr denn je bräuchten junge Menschen in diesen Tagen Ermutigung, mit voller Kraft ins Leben zu gehen und an eine gute Zukunft zu glauben. Von jungen Menschen, denen man Problemlösungen zutraut und die man entsprechend teilhaben lässt, könnten auch die Erwachsenen profitieren.