Seit Beginn der Pandemie erlebten viele beim Gang in die Natur etwas Überraschendes. Was kommt da auf uns zu? Wie soll das alles weitergehen? Das treibt die Menschen um. Und dann ist wie in jedem Jahr auch im vergangenen der Rasen nach dem Winter grün geworden. Ende April kam der Flieder, schon kurz davor hatten die Zieräpfel geblüht. Im Herbst, vor dem zweiten Lockdown, leuchteten vielerorts die Hortensien. Kurzum: Im Garten herrschte und herrscht Kontinuität. "Sogar aufs Unkraut ist Verlass", hat ein Kunde von Garten-Coach Mirko Surburg unlängst augenzwinkernd gemeint.

Den Lauf der Jahreszeiten beobachten

Was zunächst schmunzeln lässt, beschreibt einen wichtigen Grundgedanken der Gartentherapie: Im Beobachten des Jahresverlaufs und wenn wir mit ihm mitgehen und uns als Teil der Natur erleben, schöpfen wir Vertrauen, kommen in Balance und können innere Ruhe und Frieden finden. Auch Erfolgserlebnisse spielen eine Rolle im Garten: Ich grabe mit den Händen in der Erde, lasse etwas entstehen und werde belohnt. Mit Erdbeeren, die so viel besser schmecken als im Laden. Mit Tomaten, wie man sie von früher kennt.

Stressabbau und Entspannung – was vielen beim Thema Gartenarbeit spontan als wohltuend in den Sinn kommt, ist also nur ein Ausschnitt, es passiert weit mehr. Mirko Surberg erinnert sich an eine Kundin Anfang 60, die unter schweren Depressionen litt. Auslöser war eine bösartige Veränderung der Haut gewesen: Die Verunsicherung blieb, auch als die Ärzte nach der Behandlung Entwarnung gaben. "Es war, als wollte sich die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit mit Wucht in mein Leben drängen", so die Frau. "Und nichts, was diese Auseinandersetzung zurückweisen sollte, half. Kein noch so hoch dosiertes Antidepressivum, keine Therapie."

Im Einklang mit dem Werden und Vergehen der Natur

Wie gehen wir mit dem Wissen um, dass das Leben zeitlich begrenzt ist? Rückblickend sagt die Frau: "Unsere Kultur hält kaum befriedigende Antworten für diese Frage parat." Seit sie mindestens zwei Stunden täglich draußen ist, geht es ihr besser. Leichte, fast meditative Momente beim Wässern oder Blätter-Zupfen wechseln sich mit eher handfesten Phasen, für die man die Ärmel hochkrempeln muss, ab. Dann wird gegraben, gemäht oder geharkt. Und dann sitzt man wieder einfach nur da und beobachtet ein Eichhörnchen, das an Zapfen nagt. Oder spürt den weichen, nachgiebigen Boden unter den Füßen. Einfach so.

Im Garten ist das ganze Leben abgebildet, sagt die Frau, das Wachsen und Werden und Welken, das Dunkle und Helle, Stille und Bunte. Das Leben ist ein Kreislauf - längst ist das für sie keine Floskel mehr. Gefordert und getragen fühlt sie sich von den Rhythmen der Natur. Und damit ist sie in wachsender Gesellschaft. "Der Garten wird derzeit als Therapeutikum neu entdeckt", sagt Andreas Niepel, Präsident der 2010 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Gartentherapie IGGT (www.iggt.eu), bei der bundesweit etwa hundert zertifizierte Gartentherapeuten registriert sind. Corona sei sicher einer der Gründe für den Boom: "Zum Ende des ersten Lockdowns haben viele richtiggehend nach Natur gegiert."

Naturentzug kann krank machen

Menschen sind ökologische Wesen. "Die Studienlage zur Beziehung zwischen Naturentzug und Erkrankung ist eindeutig", sagt Niepel. Genau hier, beim Naturentzug, setzt Gartentherapie an. Und der ist, so der IGGT-Präsident, leider vielfach da zu finden, wo sich Menschen in Einrichtungen der Pflege oder auch der Therapie befinden: in Krankenhäusern, Rehabilitations- und Suchtbehandlungszentren, in Altenheimen oder auch in Behinderteneinrichtungen. Deshalb wird die Gartentherapie hier eingesetzt.

Darüber hinaus ist die Gartentherapie ein effektives Instrument im Bereich der Demenzbetreuung und bei Trauma-Behandlungen

Auch Mirko Surburg plant und realisiert Therapiegärten. Surburg ist gelernter Landschaftsgärtner und Gärtnermeister. Er war einige Jahre in der Erwachsenenbildung tätig und kümmerte sich um die Ausbildung von Umschülern zum Landschaftsgärtner. Es ist für ihn immer wieder bewegend zu sehen, wie demenziell erkrankte Menschen im Garten aufleben. Da ist das kleine Heidebeet, das vielleicht an schöne Ausflüge mit Blick auf lila Blütenteppiche erinnert. Nicht nur optisch, die Erinnerung wirkt vielfach auch über Gerüche. Struktur und Wegführung sind weitere wichtige Elemente. Egal, wie man geht: Man kommt immer zum Ausgangspunkt zurück. Nach einem Aufenthalt im Therapiegarten wirken Menschen mit Demenz oftmals ruhiger und ausgeglichener. Auch Mitarbeiter und Angehörigen profitieren von schönen gemeinsamen Erlebnissen.

Coaching beim Gärtnern

Neben den gartentherapeutischen Schulungen, für die Mirko Surburg Einrichtungsleitungen und Mitarbeitende berät, hat sich das individuelle Garten-Coaching "für Otto Normalverbraucher" zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit entwickelt. "Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass ich dafür in Gärten komme und versuche, ihre Besitzer zu durchleuchten", stellt er klar. Auch wenn im Verlauf des Coachings tiefgründige Fragen und Themen berührt werden: Zunächst steht fast immer die Gartengestaltung im Vordergrund.

Der Garten ist schön, aber irgendwie fehlt was – dieser Satz ist meist der Einstieg. Als gelernter Landschaftsgärtner und Gärtnermeister weiß Mirko Surburg sicher, was zu tun ist, meinen viele. Aber er bremst dann: "Es geht nicht um den perfekt inszenierten Garten, wie er in Hochglanzmagazinen vorkommt. Es geht um Ihren Garten."

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Über beiläufige Bemerkungen zur Selbsterkenntnis

Was treibt die Menschen, die seine Beratung suchen? Was direkt, was vielleicht eher indirekt? Die weitere Annäherung geschieht über Fragen und aufmerksames Zuhören. Oft sind es beiläufige Bemerkungen, die die Richtung weisen. "Ich bin ein bisschen zu perfektionistisch" heißt es zum Beispiel. "Das ist zu allgemein, da hake ich nach", sagt Surburg. Stellen Sie sich vor, das Laub wird in diesem Jahr mal liegen bleiben, hat er zu einer Kundin gesagt. Würden Sie sich darüber freuen, den Vögeln beim Aufpicken der Würmer und Käfer zuzusehen? Oder schreckt Sie die Vorstellung von liegen gelassenem, welkem Laub eher ab? Im besagten Fall gab es einen Mittelweg: Das Laub blieb in einer Ecke des Gartens liegen.

Oder das Paar, dass sich eine naturnahe Gartengestaltung wünschte. Der Coach betrat die Terrasse. Aus gartengestalterischer Sicht wäre seine Einschätzung klar gewesen: Der riesige Bambus passt hier überhaupt nicht rein. Es ist so toll, hier zu sitzen und dieses Gewächs zu sehen, schwärmte die Frau. Der Bambus war für sie so etwas wie der Fels in der Brandung, erzählt Surburg. Gleichmäßige Blätter, kompakter Wuchs. "Naturnähe" war für die Frau nur rings um diesen Ruhepol vorstellbar. Der Coach atmete auf: Zum Glück hatte er sich zurückgehalten!

Den Garten mit allen Sinnen genießen

"Im Garten gibt es idealerweise keine Fremdwertung, auch das erklärt die therapeutische Wirkkraft", sagt Andreas Niepel. Keine Likes, kein Wettbewerb – wo hat man das heute noch? Dafür bietet der Garten reichlich Anlass zum Genießen. Riechen, Fühlen, Schmecken… Man muss nur die Augen schließen und befindet sich inmitten eines Sinnesreigens. In einer immer genussfreier werdenden Welt muss Genießen vielfach erst wieder gelernt werden, gibt Niepel zu denken. "Zu sehr sind wir in Planungsdenken und Selbstoptimierungszwängen gefangen." Gärten aber folgen eigenen Gesetzen. Alles ist bestens organisiert - und dann machen die Schnecken einen Strich durch die Rechnung.. Oder der Nachtfrost.

Gärtnern heißt flexibel reagieren und improvisieren. Und auch, sich dabei immer wieder fragen: Wo will ich eigentlich hin, was ist mir wichtig? "Menschen setzen hier unterschiedliche Schwerpunkte", sagt Mirko Surburg. Manch einer will im Garten vor allem entspannen. Andere wollen schöpferisch tätig sein. Oft wünschen die Menschen sich ein Wechselspiel aus Inspiration, kreativem Tun und meditativem Innehalten. Meist genügt eine einzige Beratung, um hier klarer zu sehen. Oft ist das Coaching Teil eines Prozesses, ein Herantasten und Ausprobieren, das einige Wochen dauern kann. Vorstellungen werden hinterfragt, Bedürfnisse erkannt. Die des Gartens. Und die des Lebens.

Vom Grillplatz zur Wohlfühlecke

Mirko Surburg erinnert sich an einen Mann, der von seiner Frau zum Geburtstag einen Coaching-Gutschein geschenkt bekam. Das einzige, was du für mich einplanen kannst, ist ein Grillplatz, stellte er dem Gartenmeister gegenüber klar. Am Ende wurde aus dem Grillplatz eine üppig eingewachsene Wohlfühlecke mit einem kleinen Wasserspiel. Der Mann staunt bis heute, was die Umgestaltung angeschoben hat. "Ich lebe jetzt insgesamt bewusster." Früher hätte er im Frühling eher beiläufig aus dem Fenster geschaut. Heute sieht er Frühblüher wie die Zaubernuss oder den Winterschneeball – all das, was er Monate zuvor gepflanzt hat. Wunderbare Momentaufnahmen, die schon bald von weiteren abgelöst werden.

Das kann jeder selbst ausprobieren – auch ohne eigenen Garten

(Tipps von Mirko Surburg)

1. Ziehen Sie sich die Schuhe aus, und gehen Sie barfuß über den Rasen. Spüren Sie, wie die Halme an den Sohlen kitzeln und die Gedanken den Alltag loslassen.

2. Aktivieren Sie Ihren Hörsinn. Insektenfreundliche Pflanzen bringen Leben in den Garten oder auf den Balkon. Beobachten Sie das bunte Treiben an und um die Pflanzen, lauschen Sie dem Brummen und Summen.

3. Nutzen Sie den Blütenkalender, damit zu jeder Zeit Farbe im Garten oder auf dem Balkon herrscht. Der Blütenkalender verrät, welche Farben kombiniert werden können und wann die ideale Zeit für Aussaat oder Pflanzung ist. Ein bunter Garten ist übrigens nicht nur ein Fest für die Sinne. Auch die Tiere freuen sich über die Vielfalt.

 4.Platzieren Sie Duftpflanzen wie Duftflieder, Lavendel oder, wenn sie geschützt steht, auch die mexikanische Orangenblume an Stellen, an denen Sie regelmäßig vorbeigehen: eine herrliche Art, die Sinne aufleben zu lassen und den Stress zu vergessen.

5. Auch kulinarische Genüsse dürfen nicht zu kurz kommen. Wenn Sie bislang keinen trainierten grünen Daumen haben, tun Sie sich einen Gefallen mit Pflanzen, die schnell wachsen, pflegeleicht und damit "erfolgversprechend" sind. Radieschen, Möhren oder Erdbeeren zum Beispiel. Auch die berühmte "Kindergarten-Kresse" ist gut für einen Start.

6.Wo würde ein Sitzplatz hinpassen? Vorsicht mit allzu schnellen Antworten. Wer alle paar Tage mit einem Stuhl durch den Garten geht, sich an verschiedenen Plätzen niederlässt und die Umgebung auf sich wirken lässt, hat die besseren Ideen.

Sie scheuen sich vor großen Projekten? Manchmal inspirieren schon kleine Veränderungen. Die Ruheinsel im hinteren Bereich des Gartens. Die Kraftecke. Der angelegte Weg statt des Trampelpfads. Oder umgekehrt: naturbelassene Wege mit Rindenmulch statt Schotter.

Sie haben weder Garten noch Balkon? Nicht verzagen, es gibt viele Möglichkeiten. Hängen Sie Balkonkästen ans Fenster. Bepflanzen Sie sie zum Beispiel mit Hängeerdbeeren oder säen Sie Wildblumensaat ein. Öffnen Sie das Fenster, wenn es warm genug ist, und schauen Sie nach, was in den Kästen passiert.

Sie können auch versuchen, einen Schrebergarten zu mieten oder "Gartenpate" werden. Schrebergärten findet man auf www.kleingarten-bund.de. Auf www.gartenpaten.org kann man eine Anzeige aufgeben, wenn man eine Gartenbeteiligung sucht oder Menschen zum Mitgärtnern in den eigenen Garten einladen möchte. In vielen Städten gibt es außerdem "Urban-Gardening"-Projekte  und die Möglichkeit, sich im Bereich der solidarischen Landwirtschaft zu engagieren.