Damit Körper und Kopf den wohlverdienten Ausgleich erhalten, empfehlen Experten, in der Mittagspause auf das Handy zu verzichten

Damit Körper und Kopf den wohlverdienten Ausgleich erhalten, empfehlen Experten, in der Mittagspause auf das Handy zu verzichten

Erfüllung im Beruf zu finden bereichert das ganze Leben. Und laut Statistischem Bundesamt sind auch fast 90 Prozent der Deutschen zufrieden mit ihrem Job. Ob am Schreibtisch oder an der Kasse – sich gemeinsam mit Kollegen Herausforderungen stellen hält psychisch stabiler. Das Robert-Koch-Institut hat festgestellt: Arbeitslose sind deutlich anfälliger für Depressionen.

Doch natürlich fordert der Berufsalltag uns auch. Je nach Tätigkeit führen zum Beispiel Bewegungsmangel, Über- oder Fehlbelastungen häufig zu Rückenproblemen. Muskel- und Skeletterkrankungen sind hierzulande der Hauptgrund für Krankschreibungen. 60 Millionen Fehltage jährlich zählte zuletzt der Gesundheitsbericht der Techniker Krankenkasse.

Zeit- und Leistungsdruck

Wer sehr viele Wochenstunden arbeitet oder Überstunden macht, schmälert zudem die Zeit für die notwendige Regeneration. "Mit der Dauer der ­­wöchentlichen Arbeitszeit wächst das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlafstörungen", erklärt Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Studien zeigen, dass nach acht Arbeits­stunden das Unfallrisiko exponentiell ansteigt.

Zu viele Überstunden machen krank

Beschwerden der Befragten nach Anzahl der Überstunden pro Woche in Prozent

Viele Berufstätige sehen sich auch mental in der Zwickmühle. Die Angst vor Jobverlust auf der einen und die zunehmende Arbeitsverdichtung auf der anderen Seite führen oft zu Zeit- und Leistungsdruck.

Jeder zweite Deutsche fühlt sich von Burn-out bedroht, zeigt die Umfrage "Betriebliches Gesundheitsmanagement 2018" der pronova BKK. Die Hälfte der Befragten gab an, zu viel über die Arbeit nachzudenken und deshalb schlecht zu schlafen.

Zahl psychischer Erkrankungen nur geringfügig gestiegen

Laut Bundestherapeutenkammer hat sich die Zahl der Krankschreibungen ­wegen Burn-outs in den vergangenen 15 Jahren vervielfacht.

Doch: "Psychische Erkrankungen bei Erwachsenen haben seit 30 Jahren nur geringfügig zugenommen – wenn überhaupt. Deutlich gestiegen ist lediglich die Zahl der Behandlungsfälle und Frühberentungen aufgrund psychiatrischer Diagnosen", sagt Professor Andreas Hillert.

Wenig Freizeit

Überstunden und ein langer Arbeitsweg lassen häufig die Zeit für Familie und Hobbys schwinden:

ca. 44 Min. Arbeitsweg
ca. 4 Std. Arbeit
ca. 50 Min. Mittagspause
ca. 4 Std. Arbeit
                                                                                                          ca. 44 Min. Arbeitsweg

Rest = ca. 13,40 Std (inkl. 11 Stunden gesetzliche Ruhepause und Schlaf)

Durchschnittswerte in Deutschland. Quelle: Bundesarbeitsministerium

Der Chefarzt für Psychosomatik und Psychotherapie an der Schön-Klinik  Roseneck forscht zum Thema Burn-out. Sein Fazit: Es gibt mehr als 140  verschiedene Definitionen, "ein klar umrissenes Krankheitsbild ist es  sicher nicht".

Pausenzeiten werden kaum eingehalten

Laut der Weltgesundheitsorganisation stehen bei den Symptomen Erschöpfung und verringertes Leistungsvermögen im Vordergrund. Viele Betroffene haben das Gefühl, mehr leisten zu müssen – ohne dass dies angemessen anerkannt werde, sagt Hillert. Was Berufstätige heute zusätzlich stresse, sei, dass sie nicht mehr ungestört arbeiten könnten. Ständig gebe es Unterbrechungen.

Neue Medien und Smartphones sind ein Grund. Sie tragen außerdem dazu bei, dass die Grenzen zwischen Privat­leben und Arbeit verschwimmen. Ein Großteil der Berufstätigen ist sogar im Urlaub erreichbar.

Zudem gehöre der Griff zum Handy oft zur persönlichen Pausengestaltung, berichtet Dr. Johannes Wendsche, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der BAuA. Doch Erholung bringe das in der Regel nicht.

Am liebsten mit dem Auto

44 Minuten brauchen Pendler durchschnittlich zur Arbeit, die meisten davon im Sitzen
68% Auto
18% öffentliche Verkehrsmittel
14% Rad/zu Fuß

Quelle: Statistisches Bundesamt

Der Experte hat Studien zum Thema Arbeitspausen ausgewertet: "Oft werden  die gesetzlich vorgeschriebenen Zeiten nicht eingehalten. Viele lassen  Pausen ausfallen oder machen zu kurze Mikropausen." Körper und  Konzentration leiden statistisch nachweisbar. Der Kopf braucht einen  Ausgleich.

Stressoren abschalten

Wer sich fokussiert, mehr auf Pausen und Ausgleich achtet, bleibt auch unter Druck stabil.

Den Fokus nicht verlieren

Druck entsteht häufig durch übervolle Tagespläne. "Hier kann ein Zeitmanagement ­helfen", rät Psychiater Hillert. Dazu zählt etwa eine Prioritätenliste, um wichtige und unangenehme Aufgaben am Anfang abzuarbeiten.

Wichtig ist Fokussierung: Wenn es eng wird, nicht ablenken lassen. Stattdessen einfach mal die Tür schließen und das Handy auf lautlos stellen, damit man nicht zu oft aus dem Gedankenfluss gerissen wird.

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Nachtruhe konsequent einhalten

Schlafmangel ist ein großes Pro­blem", sagt Hillert. Die verlorene Schlafenszeit am Wochenende nachzuholen sei physiologisch nicht möglich. Wesentlich gesünder ist es, die indi­viduell ausreichende Nachtruhe – meist zwischen sechs und acht Stunden – konsequent einzuhalten.

Wer zu den sechs Millionen Schichtarbeitern in Deutschland gehört, sollte nicht zu Alkohol oder Schlaftabletten greifen, um zur Ruhe zu kommen. Besser: mit Ritualen den Rhythmus unterstützen und Störquellen wie Lärm meiden.

Grenzen setzen

Kaum jemanden lässt Ärger im Job kalt. Doch der innere Abstand zu belastenden Problemen ist wichtig. "Es gibt dafür kein Patentrezept", so Hillert. Ob Achtsamkeitsverfahren, Meditation, Hobbys wie Sport oder Musik – jeder müsse für sich herausfinden, was ihm helfe.

Freizeit sollte auf ­jeden Fall frei von Arbeit sein: Dafür gibt es die gesetzlich vorgeschriebene Ruhepause von elf Stunden zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn.

Sich motivieren

Die Sinnhaftigkeit des Tuns ist für die Moti­vation besonders wichtig", erklärt Hillert. Wer trotz Phasen der Mehrarbeit das Gefühl hat, die Leistung wird anerkannt, und sich im Job wohlfühlt, empfindet stressige Zeiten weniger ­­belastend. "Was keinesfalls langfristig gelingt, ist, sich von Urlaub zu Urlaub hinüberretten zu ­wollen", mahnt der Experte.

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