Senioren Ratgeber

Fliehende Menschen, zerbombte Häusern, Panzer im Einsatz ­– und das mitten in Europa. Die Bilder erschrecken uns alle. Bei älteren Menschen wecken sie aber auch Erinnerungen. Vor mehr als 70 Jahren haben sie selbst erlebt, was Krieg bedeutet. Professorin Christine Knaevelsrud ist psychologische Psychotherapeutin und hat Erfahrung in der Behandlung älterer Menschen. Sie erklärt, was Betroffene selbst gegen ihre Ängste tun können und wie man sie als Angehörige und Pflegekräfte am besten unterstützt.

Frau Knaevelsrud, wer in Deutschland heute 80 Jahre und älter ist, hat meist noch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Was löst es in den Menschen aus, wenn sie die aktuellen Bilder aus der Ukraine sehen?

Mein Eindruck im Kontakt mit älteren Betroffenen ist, dass in vielen so ein Gefühl aufsteigt wie: „Jetzt geht’s wieder los. Ich wusste es doch.“ Manche waren seit dem Zweiten Weltkrieg ihr Leben lang innerlich auf der Hut. Sie haben dem Frieden nie ganz getraut. Und jetzt fühlen sie sich darin bestätigt. Das kann große Ängste auslösen.

Hat jemand im Krieg ein schweres Trauma, also eine schwere psychische Ausnahmesituation, erlitten, kann dies durch die aktuellen Bilder wieder aktiviert werden. Das heißt: Die Gefühle und Gedanken von einst erwachen erneut. Erinnerungen kommen hoch, von Zerstörung, von Bomben. Bilder von Toten, der eigenen Flucht. Schnell entsteht ein übermannendes Gefühl von Ausgeliefertsein, von Hilflosigkeit. Als wäre der Krieg hier.

In den vergangenen zehn Jahren haben wir auch schon andere Kriege erlebt, etwa im Nahen Osten oder in Syrien. Was ist für die Betroffenen jetzt anders?

Die Situation im Russland-Ukraine-Krieg ähnelt der, die viele im Zweiten Weltkrieg gemacht haben, viel stärker als vergangenen Kriege. Zum einen ist da die räumliche Nähe: Der Krieg ist in Europa.Videoausschnitte in Diskussionen sind auf einmal auf Russisch. Die Menschen sehen aus wie hierzulande, auch die Architektur in der Ukraine ist ähnlicher. Das zusammen mit Bildern von zerbombten Häusern erinnert sehr an die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg.

18679259_24b9b5200f.IRWUBPROD_5V5T.jpeg

Von Kriegsangst überwältigt: Warum das passiert und was man tun kann

Viele beobachten dieser Tage fassungslos das Geschehen in der Ukraine. Manche bekommen dabei regelrecht Angst. Solche Angst sei aber verständlich und normal, sagen Psychologen

Jüngere Generationen können mit der Situation offenbar besser umgehen. Warum?

Zum einen sicherlich, weil sie eine solche Situation noch nie selbst erlebt haben. Dann stehen jüngere Menschen oft voll im Beruf, müssen ihren Alltag bewältigen und haben gar nicht die Zeit, sich Tag und Nacht mit den Bildern aus der Ukraine zu beschäftigen. Das ist bei Älteren oft anders. Darüber hinaus ist es aber auch nachgewiesen, dass die Fähigkeit, Dinge auszublenden mit fortschreitendem Alter nachlässt. Erinnerungen drängen sich teils stärker auf und lassen sich nicht mehr so gut regulieren.

Was können Betroffene gegen die Angst tun?

Es ist wichtig, dass man sich klarmacht: Unruhe, Angst und das Gefühl von Betroffenheit sind erstmal eine normale Reaktion auf die aktuelle Situation. Außerdem ist es wichtig sich zu überlegen, was man anders machen kann: Wie viel Nachrichten möchte ich anschauen? Wann möchte ich mich über die Situation informieren? Abends vor dem Schlafengehen sind Nachrichten für niemanden eine gute Idee. Darüber hinaus ist es wichtig, eine Tagesstruktur zu haben, die einen ablenkt und einen im Alltag verankert. Damit immer wieder klar wird: Der Krieg ist nicht hier bei mir. Dabei helfen Kontakte zu Freunden, Verwandten, Pflegenden.

Silbernetztelefon

Wer keine Kontakte durch Angehörige oder Pflegepersonal hat, kann sich beispielsweise über das Kontakttelefon Silbernetz Unterstützung holen. Hier hat man die Möglichkeit kostenlos und anonym von 8.00-22.00 Uhr mit Menschen über alltägliches, aber auch über Belastendes zu sprechen.

Wie können Angehörige und Pflegende die Betroffenen unterstützen?

Erstmal indem sie einfach da sind. Dafür ist es auch keine besondere Ausbildung oder Qualifikation nötig. Wenn man Angst hat, braucht man Rückversicherung. Man braucht körperlichen Kontakt, Präsenz von einem Menschen, der einem nahe steht, man braucht Trost, Zweisam- oder Mehrsamkeit. Nötig sind auch keineswegs immer lange Gespräche. Zu sagen: „Oma, ich übernachte heute bei dir“ oder „Komm, wir gehen jetzt eine Runde raus und spazieren“, sowas hilft oft schon. Dann sieht sie, dass draußen der Frühling anfängt und vom Himmel keine Bomben fallen. Dabei sollte man die Angst aber nicht wegdrücken, sondern eher sagen: “Du hast was Schlimmes durchgemacht, aber ich bin jetzt bei dir und ich lasse dich nicht alleine.“

Kommen Erinnerungen hoch, kann es manchmal auch hilfreich sein, darüber zu sprechen, was damals passiert ist. Wir erleben bei älteren Patienten oft, dass sie sich von ihren belastenden Gedanken distanzieren können, wenn sie sie ausgesprochen haben. Als Angehöriger oder Pflegende darf man gerne fragen: Möchtest du mir davon erzählen? Man muss dabei keine Angst haben, dass man dadurch das Trauma wieder weckt.

18919229_17fdb7fe4d.IRWUBPROD_5W7B.jpeg

Neun Strategien gegen Angst

Viele Menschen sind in diesen Tagen in großer Sorge. Verständlich, finden der Leiter der Deutschen Angst-Hilfe Christian Zottl und die Trauma-Expertin und Psychotherapeutin Dr. Marion Koll-Krüsmann. Tipps, die gegen die Ängste helfen

Manche Senioren beginnen aus Angst, vorsorglich ihre Lebensmittel- oder Holzvorräte aufzustocken. Was raten sie hier Betroffenen und Angehörigen?

Wenn es um etwas Holz oder ein paar Konserven geht, ist das völlig in Ordnung. Das kann beruhigend wirken und man sollte mit Verständnis reagieren. Schließlich hat die Generation erlebt, was es bedeutet, wenn lebenswichtige Dinge knapp werden. Eine gewisse Notvorrat entspricht ja auch den gängigen Empfehlungen des Bundesamtes für Katastrophenhilfe. Doch sollte man das Verhalten als jüngerer Mensch nicht unterstützen, indem man zum Beispiel anfängt, Lebenmittel zu horten. Das führt tatsächlich dazu, dass Dinge knapp werden und verstärkt das Gefühl des Mangels.

Wenn Beistand und Zuhören nicht ausreichen, sollte man dann einen Arzt hinzuziehen?

Wenn man trotz Gesprächen und Zuwendung merkt: Die Angst wird über Wochen nicht weniger oder die Belastung nimmt sogar zu, dann ist es sicher sinnvoll, hausärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch wenn die Betroffenen unter anhaltenden Schlafstörungen leiden, sich Gedanken und Bilder immer wieder ungewollt aufdrängen, und körperliche Symptome auftreten, sollte man handeln.

Macht eine Psychotherapie im hohen Lebensalter noch Sinn?

Absolut, es ist nie zu spät für eine Psychotherapie. Es gibt Behandlungsansätze, die auch bei Älteren sehr wirksam sind. Man muss dabei auch nicht seine gesamte Biografie aufarbeiten, sondern kann konkrete Themen angehen. Für die Betroffenen beginnt danach teils noch einmal ein neues Leben, gerade wenn sie schon länger mit einer Sache kämpfen. Allerdings sind die Wartezeiten für Therapieplätze teilweise erheblich. Es kann daher auch sinnvoll sein, dass die Hausärztin zum Beispiel erstmal medikamentös unterstützt. Sieht sie die Notwendigkeit, kann sie den Weg zum Psychotherapeuten unterstützen.

25477145_6a40115277.IRWUBPROD_5TMH.jpeg

Ukrainekrieg: Wie Sie Hilfsorganisationen jetzt unterstützen können

Wo kann man spenden? Wie können sich Freiwillige melden? Hier finden Sie Infos über wichtige Anlaufstellen

24539703_6d689f5f61.IRWUBPROD_5VVX.jpeg

Wie sieht die medizinische Versorgung in der Ukraine aus?

Der Krieg in der Ukraine ist auch eine Herausforderung für medizinisches Personal. Über die medizinische Versorgung vor Ort und was deutsche Ärztinnen und Ärzte tun können.

15872377_aacc49f549.IRWUBPROD_5G7Q.jpeg

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Was ist das?

Eine Posttraumatische Belastungsstörung entsteht durch ein traumatisches Erlebnis, zum Beispiel eine Vergewaltigung, Krieg, einen schweren Unfall. Was hilft