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Es gibt Gesünderes als Klimaanlagen-Luft. Dafür hat jeder Mensch ein Gespür, der ein paar Stunden nichts anderes eingeatmet hat – in einem ICE, einem Flugzeug oder Restaurant. Kratzig im Hals und unterkühlt fühlt man sich. Und seit den 2010er-Jahren, als Meldungen über Legionellen die Newsspalten füllten, weiß man auch, dass Klimaanlagen meist Keime beherbergen. Seitdem haben die Hersteller in vielen Fällen nachgebessert und versprechen mit neuer Technologie und besserer Wartung mehr Luft-Hygiene. Allerdings gibt es einen blinden Fleck auf der Keimkarte: Dieser häufig vernachlässigte Ort ist das Auto.

Pollen im Filter der Klimaanlage

In Autos gehören Klimaanlagen mittlerweile in allen Preisklassen zum erwarteten Standard. Der Verband Deutscher Ingenieure hat herausgefunden, dass die Klimaanlagen dem Hygiene-Minimum nicht gerecht werden. Dabei müsste das nicht sein. Es sind unter anderem die Gewohnheiten vieler Autofahrerinnen und -fahrer, die das Keimpotenzial ihrer Klimaanlage erhöhen. Denn: „Im Frühjahr lassen die meisten Autofahrer die Filter in den Klimaanlagen wechseln“, weiß der Experte für Fahrzeugtechnik Christof Kerkhoff vom Verband Deutscher Ingenieure (VDI). Das Hauptproblem für den Filter finde aber erst nach dem Frühjahr statt: der Pollenflug.

Kerkhoff erklärt: „Dann fahren die Wagen monatelang mit Pollen im Filter der Anlage durch die Gegend.“ Deswegen hat der VDI seine Richtlinie für Luftqualität[1] in Fahrzeugen verschärft. Wo vorher zum Filterwechsel im Abstand von zwei Jahren geraten wurde, empfehlen die Ingenieure nun den jährlichen Austausch. Doch Allergiker fahren mit sechsmonatigen Intervallen besonders gut.

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Klimaanlagen pusten Schimmel ins Auto

Hinzu kommt, dass ein neuer Filter alleine nicht ausreicht, um die Gefahr abzuwenden. Denn in so einer nass-kalten und dunklen Kiste wie einer Klimaanlage wächst der Schimmel, dass es eine wahre Pracht ist – und beschränkt sich nicht auf den Filter, so Kerkhoff: „Nicht alles bleibt dort hängen. Vieles sammelt sich vor dem sogenannten Verdampfer, der mit seinen verschiedenen Betriebstemperaturen ein idealer Nährboden für Keime und Sporen ist.“ Es schimmelt folglich dort, wo die Luft den Filter schon passiert hat. Bei Verfallsprozessen zersetzen sich die Schimmelpilze und fliegen den Autoinsassen buchstäblich ungefiltert um die Ohren.

Auf richtige Reinigung achten

Daher raten die Ingenieure neben dem Filterwechsel dazu, den Verdampfer in der Werkstatt zu reinigen und rund um den Filter auch zu putzen. „Wenn Sie einen sauberen Filter in eine schmutzige Klimaanlage stecken, ist das im Grunde, als würden Sie duschen und sich dann schmutzige Klamotten anziehen“, sagt Umweltingenieur Dr. Andreas Winkens. Die Reinigung sollte nicht mit Desinfektionsmitteln erfolgen, sondern nur mit vom VDI empfohlenen Mitteln.

Wer besonders aufpassen sollte

„Gefährdet sind vor allem Allergiker, Asthmatiker oder COPD-Patienten, also chronisch Lungenerkrankte“, sagt Winkens. Auch Raucher und seit der Pandemie die große Gemeinde der Corona-Patienten haben unter Umständen ein „vorgeschädigtes Immunpotenzial. Ebenso rutschen alternde Menschen mit in die Risikogruppe hinein.“ Doch was bisher nur wenig beachtet wurde: Die Klimaanlagen, die in Autos die Bundesrepublik hinauf- und hinunterjagen, blasen ihre Keime vielen Menschen nur kurzzeitig ins Gesicht. Etwa auf dem Weg zur Arbeit, zur Oma oder in den Zoo. Aber für rund neun Millionen Menschen ist das Auto ein Arbeitsplatz.

Erhöhtes Risiko bei Vielfahrern

Vertreter, Taxi- und Fernfahrer sitzen täglich in ihren Fahrzeugen. Ein bedenklicher Punkt, sagt Winkens: „Ich selbst bin gesund und damit eigentlich nicht in einer Risikogruppe. Aber wenn ich stundenlang täglich belastete Klimaanlagenluft einatme, bin ich plötzlich wieder dabei.“ Denn man muss nicht schon lungenkrank sein, um es mit Hilfe einer Klimaanlage zu werden.

Die Forschung legt nahe, dass die pure Dauerbepustung mit Allergenen ausreicht, um auch bei gesunden Menschen Allergien auszulösen. Beispiel Latex: „Wer häufig damit in Kontakt kommt, entwickelt eher eine Latexallergie als andere Menschen“, sagt Winkens. Das haben Daten einer Studie mit Sexarbeitern vom Münchener Straßenstrich ergeben. Hier gehört Latex in Form von Kondomen zum alltäglichen Arbeitsmittel. Und für Millionen Menschen ist diese Arbeitsmittel eben das Auto.

Forderung fürs Handbuch

Deswegen möchten die Experten zusammen mit den Berufsgenossenschaften durchsetzen, dass jährliche Filterwechsel und Reinigungen in die Bedienungsanleitungen der Klimaanlagen-Hersteller kommen. „Knapp 7 Mio Menschen[2] sterben jährlich weltweit an verunreinigter Luft“, sagt Christof Kerkoff. „Luft ist eines der wichtigsten Lebensmittel, die wir haben.“


Quellen:

  • [1] VDI: Gesunde Luft im Auto mit der Richtlinie VDI/ZDK 6032 Blatt 1, Lufttechnik; Luftqualität in Fahrzeugen; Hygieneanforderungen an die Lüftungstechnik; PKW/LKW. Online: https://www.vdi.de/... (Abgerufen am 20.06.2024)
  • [2] Ärzteblatt: WHO: Milliarden Menschen von Luftverschmutzung betroffen. Online: https://www.aerzteblatt.de/... (Abgerufen am 20.06.2024)