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Gesichtsblindheit: Immer im Nebel

Wer unter der sogenannten Prosopagnosie leidet, erkennt selbst seine Verwandten nicht, wenn diese unangemeldet vor der Haustür stehen. Betroffene fragen sich oft lange, was mit ihnen nicht stimmt

von Silke Droll, 28.06.2019
Gesichtsblindheit

Wen kenne ich, wen habe ich noch nie gesehen? Das ist bei Gesichtsblindheit kaum zu beantworten


Stellen Sie sich vor, Sie gehen über die Straße. Sie sehen Menschen, können sie aber nicht zuordnen: Die Gesichter sagen Ihnen nichts. Sie wissen nicht, ob es sich um vollkommen Fremde oder Bekannte handelt. Was tun Sie? Vorsichtshalber grüßen? Aber es sind so viele...

Was sich nach einem Albtraum anhört, ist für Menschen mit Prosopagnosie Alltag. Sie können ­andere Personen nicht an ihren Gesichtern erkennen. "Besonders schwierig wird es für sie, wenn sie jemanden zufällig an einem un­erwarteten Ort treffen", sagt die ­Ärztin Dr. Martina Grüter aus Münster, die zu dem Thema promoviert hat. "Dann sind sie ver­loren."

System der Erkennungszeichen

In einer Studie mit fast 700 Oberstufenschülern und Studenten entdeckte sie, dass mehr als zwei Prozent der Bevölkerung unter ­einer angeborenen Gesichtserkennungsschwäche leiden. Die Prosopagnosie macht den Betroffenen das Leben schwer: In Kindergarten und Schule gelten sie oft als auf­fällig. Sie brauchen länger, um sich zu integrieren. Später wirken sie unfreundlich, weil sie nicht grüßen. Dabei fehlt es ihnen nicht an Offenheit oder Empathie. "Wenn sie jemanden vor sich haben, sehen sie durchaus, wie derjenige drauf ist", erklärt die Ärztin.

Das Defizit setzt unter Druck: "Betroffene müssen sich immer aktiv bestimmte Merkmale ein­prägen, um eine bestimmte Person identifizieren zu können", so Grüter. Zum Beispiel Stimme, Brille, Frisur, Kleidung, die Art zu gehen, das Parfüm. Manche können ihre Kollegen nur anhand der Sitzplätze im Büro auseinanderhalten.

Eine neue Frisur verstört

Das Erkennungssystem ist sehr fragil und kann stets zusammenbrechen, etwa wenn jemand Frisur oder Brille wechselt. Allerdings: Wer von klein auf mit dieser Einschränkung lebt, dem kommt oft erst spät der Gedanke, er könne gesichtsblind sein.

Ob die Vermutung stimmt, können Betroffene in Deutschland nur an wenigen Anlaufstellen herausfinden – etwa bei dem Neurologen Dr. Andreas Lüschow an der Charité in Berlin oder bei dem ­Neuropsychologen Professor Boris Suchan an der Ruhr-Universität Bochum. Die Untersuchungen dauern zwei bis vier Stunden. Sie zielen unter anderem darauf, andere psychiatrische oder neurologische Erkrankungen auszuschließen und mögliche Seh-Probleme festzustellen.

Untersuchungen zur Gesichtserkennung

Viele Fragen werden gestellt, wie: Kommen Sie in Filmen durcheinander, wenn die Schauspieler ihr Aussehen ändern? Neuropsychologische Untersuchungen zeigen typischerweise, dass Betroffene Objekte wie Häuser, Figuren oder Tiere problemlos erkennen – nur Gesichter nicht.  Wichtig für die Diagnose ist insbesondere, dass die Probleme lebenslang bestehen. Erscheint eine angeborene Prosopagnosie wahrscheinlich, folgt ein Kernspin des Gehirns, um andere Schädigungen auszuschließen.

Eine solche Diagnostik kostet mehrere hundert Euro. Weil das Wahrnehmungsproblem bislang nicht als Erkrankung anerkannt wurde, übernimmt die Krankenkasse davon nichts.

Trotzdem berichten sowohl Lüschow als auch Suchan, dass sie die Anfragen aus ganz Deutschland kaum bewältigen können. Lüschow würde an der Charité gerne eine Spezialsprechstunde einrichten, doch es hakt an der Finanzierung. "Den Bedarf dafür gibt es", sagt er. Zwar kann Gesichtsblindheit weder ­geheilt noch therapiert werden, "aber die Leute wollen einfach wissen, was mit ihnen los ist", sagt Suchan. "Wenn sie eine Erklärung haben, können sie besser damit umgehen. Es erleichtert sie."

Selbstdiagnose online

Immerhin können sich Betroffene inzwischen online informieren, etwa auf www.prosopagnosie.de von Martina Grüter und ihrem Mann Dr. Thomas Grüter, der ebenfalls zu dem Thema forscht und selbst gesichtsblind ist. Im Netz gibt es auch von Universitäten entwickelte kostenlose Selbsttests: Beim "Cambridge Face Memory" müssen Gesichter erinnert werden, beim "Glasgow Face Matching Test" geht es um den Vergleich ähnlicher Gesichter. Beide Tests sind auch für Gesunde eine Herausforderung. Die Experten warnen davor, so eine Selbst­diagnose zu stellen.

Etwa seit der Jahrtausendwende wird verstärkt zur angeborenen Prosopagnosie geforscht. Von zen­traler Bedeutung dafür war eine Entdeckung, die die kanadische Neurowissenschaftlerin Justine Sergent bereits 1992 machte: Es gibt im Gehirn einen Bereich, der speziell für die Erkennung von Gesichtern zuständig ist. Die Neurowissenschaftlerin Professor Nancy Kanwisher bezeichnete ihn 1997 als Fusiform Face Area (FFA). Er ist etwa so groß wie eine Blaubeere und sitzt hinter dem rechten Ohr.

Netzwerk der Erinnerung

Mittlerweile wurden weitere Hirnareale gefunden, die bei der Erkennung von Gesichtern und der ­Erinnerung der jeweiligen Personen eine Rolle spielen. Zusammen mit der FFA bilden sie ein Netzwerk. "Bei Gesichtsblinden sind die ­Nervenzellen in der FFA weniger selektiv als bei anderen Menschen, also sozusagen weniger sensibel für die Unterschiedlichkeit von Gesichtern", erklärt Dr. Maximilian Riesenhuber, Neurowissenschaftler an der Georgetown-Universität in Washington.

Außerdem ist offenbar die Verbindung zum vorderen Schläfenlappen beeinträchtigt. Dort werden Personen Informationen zu Aussehen und Charakter zugeordnet. Kernspin-Tests zeigen, wie stark sich die Aktivität in FFA und vorderem Schläfenlappen ähneln. "Wenn sie sehr verschieden sind, ist das ein Hinweis auf eine schwache Kopplung."

Normalerweise werden 170 Milli­sekunden, nachdem man ein Gesicht gesehen hat, spezialisierte Neuronenverbände im Gehirn ­aktiv. Neurologe Lüschow zeigte in einer Studie mittels MEG-Untersuchungen, also der Messung der magnetischen Aktivität im Gehirn, dass bei Prosopagnostikern diese Aktivität deutlich schwächer ausfällt.

Verletzung und Vererbung

"Das deutet darauf hin, dass bereits auf einer frühen Wahrnehmungsebene bei Personen mit Prosopagnosie ein Defizit vorliegt." Dieses Ergebnis interpretieren die Forscher so, dass angeborene Prosopagnosie eine eigenständige Erkrankung ist. Dafür spricht auch das gehäufte Auftreten in Familien.

Andere Wissenschaftler wie Riesenhuber gehen davon aus, dass die Grenze zwischen Gesunden und Gesichtsblinden fließend ist. Über die genetischen Ursachen weiß man bislang wenig. "Möglicherweise spielen Gene eine Rolle, die auch für das Bindungshormon Oxytocin wichtig sind", sagt ­Neuropsychologe Suchan.

Dass Prosopagnosie erblich ist, zeigte Martina Grüter bereits in ihrer 2004 publizierten Doktorarbeit: Ein Kind wird mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit gesichtsblind, wenn ein Elternteil das Leiden hat. Zuvor kannte man Prosopagnosie nur als Folge von Verletzungen oder Erkrankungen wie Schlag­anfall oder Epilepsie.

Möglicherweise gibt es im internationalen Klassifikationssystem für Erkrankungen bald eine offizielle Diagnose für angeborene Prosopagnosie. "Es ist eine Dysfunktion wie Rot-Grün-Blindheit, und die ist auch als Erkrankung anerkannt", sagt Andreas Lüschow. Die Betroffenen haben oft massive Probleme.

Gespräche helfen

Die Experten kennen viele Schicksale: etwa die Polizistin, die seit Wochen die gleichen verdächtigen Personen observiert, dann aber den falschen Mann festnimmt. Die Frau, die ihren Vater nicht erkennt, als er unangemeldet vor der Haustür steht. Die Lehrerin, die ihre Schüler nicht mit Sicherheit unterscheiden kann. Manche beeindrucken mit kreativen Strategien: Thomas Grüter berichtet von einer Zahnärztin, die ihre Patienten anhand der Zahnstellung erkennt.

Vielen geht es besser, wenn sie enge Freunde und Angehörige ­informieren. So müssen sie nicht mehr befürchten, ihre Lieblingsmenschen vor den Kopf zu stoßen, und diese können seltsame Situationen mit Humor nehmen.