Offene Fenster bei kalter Außenluft sorgen für Erkältungen - so der Volksglaube. Diese Sorge sei aber unberechtigt, sagt der HNO-Arzt Dr. Bernhard Junge-Hülsing. Es gebe keine Hinweise darauf. Im Gegenteil sei es wahrscheinlicher, sich in einem schlecht gelüfteten Raum bei anderen anzustecken. Stoßlüften bei weit geöffneten Fenstern sorgt für einen schnellen Luftaustausch und hält die Viruskonzentration in der Luft klein.

Zugluft alleine macht also nicht krank. Ganz egal ist es unserem Körper dennoch nicht, wenn ein Luftstrom durch den Raum zieht. Denn auf und unter unserer Haut geschehen einige Dinge, die am Ende doch zu einer Schnupfnase führen können - oder zu einem steifen Nacken. Was genau passiert dann?

Unterschied zwischen gemessener und gefühlter Temperatur

Zunächst ein Blick auf die Theorie - genauer gesagt: auf den Windchill-Effekt. Er beschreibt den Unterschied zwischen der gemessenen und der gefühlten Temperatur, der sich aus der Windgeschwindigkeit ergibt. Auf Deutsch ist von Windkühle oder Windfrösteln die Rede.

„Wenn man bei minus fünf Grad in einer windstillen Ecke steht, bildet sich um den Körper eine kleine Wärmeschicht“, sagt der HNO-Arzt Professor Thomas Deitmer. Diese Wärmeschicht macht das, was ein Neoprenanzug im kalten Wasser tut: Sie schützt uns vor dem Auskühlen.

Schweiß verstärkt das Windfrösteln

Anders sieht es aus, wenn unsere Umgebung nicht windstill ist. Stehen wir im Wind, wird die warme Luft um den Körper ständig ausgewechselt. Die Folge: Der Körper kühlt aus, wir frieren. Verstärkt wird dieser Effekt, wenn unsere Haut feucht ist, zum Beispiel durch Schweiß. Dann ist von der sogenannten Verdunstungskälte die Rede.

Die lässt sich durch ein einfaches Experiment veranschaulichen: Träufelt man etwas Wasser auf den Handrücken und pustet darüber, fühlt sich das kühler an, als wenn der Handrücken trocken wäre.

Soweit die Theorie. Was bedeutet das nun für unseren Körper? Wenn die Körperoberfläche auskühlt, werden auch angrenzende Körperregionen schlechter durchblutet. Das betrifft auch die Rachenschleimhaut, erklärt Deitmer, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie ist.

Durch Zugluft können die Schleimhäute in Nase und Rachen zudem austrocknen. Dadurch büßen sie einen Teil ihrer Infektions- und Immunabwehr ein - Erkältungsviren haben dann leichteres Spiel. Allerdings: Wer gesund ist, wird nicht zwangsläufig krank, nur weil er oder sie mal im Luftzug steht. Um sicherzugehen, kann man sich vor dem Lüften einen Schal um den Hals wickeln oder eine Mütze aufsetzen.

Nicht jeden stört Zugluft

Auch wenn Zugluft nicht zwangsläufig zur Schnupfnase führt - viele empfinden sie dennoch als unangenehm. Die Sensibilität gegenüber Zugluft ist von Person zu Person unterschiedlich.

Das kann mehrere Gründe haben, sagt der HNO-Arzt Dr. Michael Deeg: „Wer zum Beispiel eine eher feuchtere Haut hat, wird auf Zugluft wahrscheinlich sensibler reagieren als jemand mit trockenerer Haut“, erklärt der Vorsitzende der Landesgruppe Baden im Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte.

Denn Menschen mit feuchter Haut erleben den Effekt der Verdunstungskälte besonders stark. Laut Deeg können die Unterschiede auch geschlechtsspezifisch sein. «Bei Frauen ist die Hautfeuchtigkeit eventuell etwas höher als bei Männern», so der Facharzt. Ob die Haut feuchter oder trockener ist und man mehr oder weniger schwitzt, sei aber vor allem genetisch bedingt.

Lüften lässt Viruslast abnehmen

Egal, ob man nun besonders zugempfindlich ist oder nicht: Zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 empfehlen Experten, das ganze Jahr über regelmäßig zu lüften, egal ob im Büro oder zuhause. Ohnehin würden Räume mit durchschnittlich rund 23 Grad auf eine viel zu hohe Temperatur gebracht, sagt HNO-Experte Junge-Hülsing. Der Mensch könne problemlos auch bei 18 oder 19 Grad zurechtkommen. „Es ist dann so, dass man eben nicht mehr mit einem T-Shirt da sitzen kann, sondern mit einem Pullover“, sagt Junge-Hülsing.

Räume regelmäßig zu lüften, ist auch eine empfohlene Maßnahme im Kampf gegen die Ausbreitung von Sars-CoV-2 etwa an Schulen und in Büros. Wenn man nicht die ganze Zeit lüften könne, weil es zu kalt sei, sei stündliches Lüften für mehrere Minuten zu empfehlen, so Junge-Hülsing. Das Coronavirus überlebe zwar länger bei kalter Luft. „Aber wenn viel Viruslast in der Luft ist, dann wird man sich in kalten wie in warmen Räumen anstecken. Und das Lüften führt ja dazu, dass die Viruslast abnimmt.“ Eine CO2-Ampel kann zum Beispiel anzeigen, wann es Zeit für erneutes Lüften ist.

Nackenverspannung durch Zugluft möglich

Das Thema Zugluft ist auch mit Blick auf ein anderes Problem relevant: Verspannungen im Nacken. Den können kalte Außentemperaturen bei geöffneten Fenstern begünstigen. Professor Bernd Kladny von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) erklärt, wieso: „Durch Zugluft kühlt die Haut an unbedeckten Stellen wie am Nacken aus. Dadurch kann es dazu kommen, dass die Muskulatur darunter verspannt.“ Mittelfristig könne eine gute Muskulatur davor schützen, so der Orthopäde von der Fachklinik Herzogenaurach. Ein Schal um den Hals helfe gegen die lästige Verspannung.

Zugluft führe aber nicht automatisch zu einem verspannten Nacken, betont Kladny. Mitunter trage auch die eigene Sorge vor kalter Luft zu Verspannung bei: „Wenn Sie schon die Erwartungshaltung haben, dass es kalt ist und zieht, dann spannen Sie sich ja schon an und fühlen sich bedroht“, erläutert er. So oder so: In der Corona-Pandemie habe der Infektionsschutz Vorrang vor Problemen an Nacken und Schulter.

Die sind vor allem in der warmen Zeit des Jahres ein Thema. «Wenn man sich in erhitztem Zustand vor einen Ventilator oder in den Zugluftbereich einer Klimaanlage setzt oder bei der Autofahrt das Fenster runterkurbelt, bläst Luft über die warme, oft feuchte Haut. Das kann zu Nackenverspannungen führen», sagt Deeg.

Tipps bei Kälte und bei Hitze

Was können wir also konkret tun, damit uns die Zugluft nicht zusetzt? In der wärmeren Jahreszeit sollte man Ventilatoren nur kurze Zeit laufen lassen und mit ausreichend Abstand aufstellen. Damit uns die Verdunstungskälte nach dem Schwimmen nicht unnötig frösteln lässt, sollten wir nasse Badebekleidung rasch ausziehen.

Im Auto gilt: Auch wenn es verlockend ist, sollten wir die Fenster besser nicht komplett runterkurbeln, wenn wir schwitzen. Klimaanlage und Lüftung sollten uns zudem nicht direkt anblasen.

Und im Winter? Die Experten sagen: Mit einer gesunden Immunabwehr spricht auch in der kalten Zeit des Jahres nichts gegen Stoßlüften. Ein Luftzug ist nun mal unverzichtbar, um verbrauchte Luft auszutauschen. Wer sich kurz etwas überzieht oder den Raum verlässt, kann das Windfrösteln abmildern - oder gar vermeiden.

Lesen Sie auch:

-