Baby und Familie

Zusammenfassung:

  • Als Rhesusfaktor werden bestimmte Eiweiße bezeichnet, die auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen sitzen. Fehlt den roten Blutkörperchen dieses Merkmal, gilt das Blut als Rhesus-negativ.
  • Ist die Mutter Rhesus-negativ und das Baby Rhesus-positiv, kann es passieren, dass der Körper der Mutter Abwehrstoffe gegen den Rhesusfaktor des Babys bildet.
  • Meist wirkt sich das erst ab der zweiten Schwangerschaft aus, dann droht beim Ungeborenen eine Blutarmut, die schwere Schäden oder eine Totgeburt zur Folge haben kann.
  • Um dem vorzubeugen wird heute bei Rhesus-negativen Schwangeren mit negativem Antikörper-Suchtest und unbekanntem Rhesus-Status des Babys oder Rhesus-positivem Kind die sogenannte Anti-D-Prophylaxe durchgeführt.

Das heranwachsende Ungeborene befindet sich 40 Wochen lang im Körper der Schwangeren. Und bleibt doch auch fremd. Denn es trägt zur Hälfte die Gene des Vaters. Damit es der Organismus der werdenden Mutter deshalb nicht abstößt, ist ihr Immunsystem etwas gedrosselt. Doch in manchen Fällen kann es trotzdem Probleme geben: Beispielsweise wenn das Blut der Schwangeren Rhesus-negativ ist, das des Babys aber Rhesus-positiv.

Was ist der Rhesusfaktor?

Neben den Blutgruppen A, B, AB und 0 gibt es noch weitere Blutgruppen-Merkmale, zum Beispiel den Rhesusfaktor, auch Faktor D genannt. Es handelt sich dabei um Eiweiße, die auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen sitzen. Fehlen sie, gilt das Blut als Rhesus-negativ. "Das trifft auf 16 bis 18 Prozent der Bevölkerung in Europa zu", sagt Professor Willy Flegel, Facharzt für Transfusionsmedizin an den National Institutes of Health im US-amerikanischen Bethesda, nahe Washington D.C. "Diese Zahl unterscheidet sich von anderen Bevölkerungen, in den USA sind zum Beispiel weniger Menschen Rhesus-negativ."
Im Alltag spielt das kaum eine Rolle. Aber der Rhesusfaktor wird dominant vererbt. Ist die Mutter Rhesus-negativ und der Vater Rhesus-positiv, besteht die Möglichkeit, dass das Baby Rhesus-positiv ist. Und sich dessen Blut in diesem Merkmal also von dem der Mutter unterscheidet. Das Problem: Tritt Blut des Kindes zur Mutter über, erkennt ihr Organismus es als fremdartig – unter anderem anhand des unbekannten Rhesusfaktors. Die Mutter bildet daher Antikörper gegen den Rhesusfaktor, sogenannte Anti-D-Antikörper.

Sensibilisierung in der ersten Schwangerschaft

In der ersten Schwangerschaft besteht meist keine Gefahr für das Kind. Es gibt nur wenige Situationen, in denen das Blut der Mutter mit dem des Kindes in ausreichender Menge in Kontakt kommt, dass eine Antikörperbildung angeregt wird. "Die Wahrscheinlichkeit einer Blutübertragung ist bei der Geburt am größten", erklärt Professor Klaus Vetter, Frauenarzt und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes-Klinikum in Berlin-Neukölln. Aber auch bei bestimmten Eingriffen, wie einer Fruchtwasseruntersuchung, kann das der Fall sein.

Außerdem benötigt die Bildung von Antikörpern Zeit. Der Organismus der Mutter bildet zunächst Antikörper der Immunglobulinklasse M. Sie können die sogenannte Plazentaschranke nicht passieren, also nicht zum Baby vordringen. Wird die Frau aber später erneut mit einem Rhesus-positiven Kind schwanger, kann ihr sensibilisiertes Immunsystem nach diesem Musterrezept neue Abwehrstoffe der Immunglobulinklasse G bilden. Diese können über die Plazenta zum Kind vordringen.

"Sie greifen die roten Blutkörperchen des Ungeborenen an und zerstören sie", erklärt Flegel. Abbaustoffe der Blutkörperchen sammeln sich im Körper des Babys an. Dem Kind droht eine Blutarmut. In der Folge wird sein Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, den es jedoch für seine Entwicklung dringend braucht. "Je nachdem, in welchem Ausmaß die Blutarmut auftritt, kann der Fetus schwere Schäden davontragen oder sogar absterben", sagt Experte Flegel. Noch vor 60 Jahren war eine Rhesus-Unverträglichkeit eine ernste Gefahr. "Oft ist das erste Kind gesund zur Welt gekommen, beim zweiten Kind traten meist schon Schäden auf und das dritte und alle weiteren waren dann Fehl- oder Totgeburten", sagt Flegel. "Man wusste lange nicht, warum das so war."

Falls Blutgruppe und Rhesusfaktor einer Schwangeren noch nicht bekannt sind, bestimmt sie der Arzt heute bei der Erstuntersuchung zusammen mit anderen Blutwerten.

Wie funktioniert die Anti-D-Prophylaxe?

Schon seit Längerem wird bei Rhesus-negativen Schwangeren die sogenannte Anti-D-Prophylaxe vorgenommen. Meist geschieht das in der späteren Schwangerschaft in Vorbereitung auf die Geburt. In manchen Fällen – zum Beispiel, wenn es bei einer Fehlgeburt, einer Chorionzottenbiopsie oder einer Fruchtwasseruntersuchung zu einem Kontakt zwischen dem Blut der Schwangeren und dem des Ungeborenen kommt – kann das aber auch schon früher nötig sein.

Dazu bekommt die Schwangere eine Spritze mit Anti-D-Immunglobulinen. Das sind Antikörper gegen den Rhesusfaktor, die aus Spenderblut gewonnen werden. Sie sollen die vom Kind stammenden Rhesus-positiven Blutkörperchen besetzen, bevor sie das Immunsystem der Mutter sensibilisieren können.

Bis vor einiger Zeit konnte der Rhesus-Faktor des Kindes nur durch invasive Methoden wie eine Fruchtwasseruntersuchung bestimmt werden. Diese gehen mit einem Fehlgeburtsrisiko einher. Deshalb bekamen alle Rhesus-negativen Schwangeren ohne entsprechende Antikörper die Prophylaxe, die ein sehr geringes Risiko für die Übertragung von Infektionen birgt. Vor der zweiten Dosis nach der Geburt wurde dann die Blutgruppe des Kindes bestimmt. War das Kind Rhesus-negativ konnte diese entfallen.

Doch eigentlich ist die Anti-D-Prophylaxe auch in der Schwangerschaft nur dann nötig, wenn die Rhesus-negative Frau ein Rhesus-positives Baby bekommt. Seit einiger Zeit können Labore aus dem Blut der Mutter den Rhesusfaktor des Ungeborenen bestimmen. Durch diesen Test brauchen etwa 30 bis 40 Prozent der Rhesus-negativen Frauen keine Prophylaxe mehr, da sie ein Rhesus-negatives Kind erwarten – seit Juli 2021 ist dieser Test auch Kassenleistung.

Warum ist die Anti-D-Prophylaxe erst im letzten Schwangerschaftsdrittel vorgesehen?

"Weil sich die Blutkörperchen beim Ungeborenen erst relativ spät fertig ausbilden", sagt Flegel. Außerdem überdauern die gespritzten Immunglobuline lediglich rund zwei bis drei Monate. Bei allen Schwangeren macht der Arzt zu Beginn der Schwangerschaft und noch einmal zwischen 24 und 28 Schwangerschaftswochen einen Antikörper-Suchtest. Dieser zeigt, ob der Körper der Schwangeren bereits Abwehrstoffe gebildet hat. Ist ihr Blut frei von Anti-D-Antikörpern, spritzt ihr der Arzt zwischen 28 und 30 Schwangerschaftswochen Immunglobuline. "Bei der Geburt sind nur noch wenige Antikörper vorhanden", sagt Vetter. Deshalb bekommt die Mutter ein weiteres Mal Abwehrstoffe gespritzt. Bei der nächsten Schwangerschaft verfährt der Frauenarzt nach demselben Schema.

Trotzdem solle die Immunisierung nur bekommen, wer sie unbedingt brauche. "Etwa fünf Prozent der Rhesus-negativ-getesteten Frauen sind eigentlich sogenannte weak-D-Typen", erklärt Flegel. "Sie bräuchten die Prophylaxe nicht." Die Blutkörperchen dieser Frauen tragen den Rhesusfaktor – allerdings nur so wenig davon, dass der übliche Test dies nicht erfasst. Ein zweiter, genauerer Test – aus derselben Blutprobe, die der Schwangeren bei der Erstuntersuchung abgenommen wird – könne dies laut Flegel leicht zum Vorschein bringen. "Er wird von den Laboren zwar schon häufig mitgemacht, ist jedoch leider noch nicht in den Mutterschafts-Richtlinien vorgeschrieben", sagt Flegel.

Was passiert bei einem positiven Antikörper-Suchtest?

Dass Ärzte im Blut einer Rhesus-negativen Schwangeren bereits Antikörper gegen den Rhesusfaktor finden, ist eher selten. "Wahrscheinlich ist die Frau dann schon einmal mit Rhesus-positivem Blut in Kontakt gekommen", sagt Flegel. "Oft findet man aber gar nicht heraus, wie es passiert ist."

Klar ist aber: In diesem Fall nützt eine Prophylaxe nichts mehr. Ist das Ungeborene Rhesus-negativ, besteht keine Gefahr. Ist es Rhesus-positiv, überwacht der Arzt genau, wie es sich im Mutterleib entwickelt. Tritt die gefürchtete Blutarmut tatsächlich auf, kann es sein, dass der Fetus Bluttransfusionen im Mutterleib benötigt.