Baby und Familie
Kinderherzspezialist Daniel Vilser von der Universitätsklinik Jena.

Kinderherzspezialist Daniel Vilser von der Universitätsklinik Jena.

Kinderherzspezialist Daniel Vilser leitet an der Universitätsklinik Jena eine Post-/Long-Covid-Ambulanz speziell für Minderjährige. Von Long Covid sprechen Experten bei Beschwerden, wenigstens vier Wochen nach der Infektion, von Post Covid bei Symptomen nach zwölf Wochen und darüber hinaus. Vilser wünscht sich, es gäbe in Deutschland mehr solcher Einrichtungen für schwer betroffene Kinder und Jugendliche.

Kinder erkranken vergleichsweise selten an Covid-19, wie viele haben längerfristig zu kämpfen?

Dr. Daniel Vilser: Das wissen wir noch nicht genau. Es gibt zu wenige Daten. Bei Erwachsenen kann man das gut einordnen. Rund zehn Prozent haben 12 Wochen nach der Infektion gesundheitliche Probleme. Bei Kindern rechnen wir mit einem deutlich niedrigeren Anteil.

Warum die Wissenslücken speziell bei Kindern?

Viele akute Sars-Cov-2-Infektionen verlaufen unauffällig und bleiben deshalb oft unbemerkt. Die Eltern kommen also gar nicht auf den Gedanken, Beschwerden ihrer Kinder könnten etwas mit Covid-19 zu tun haben. Typische Long-Covid-Symptome wie Erschöpfung, Glieder-, Kopf- und Bauchschmerzen, Störungen beim Lernen und bei der Aufmerksamkeit können ja alle möglichen Ursachen haben. Insbesondere Kleinkinder können ihre Beschwerden nicht beschreiben. Das macht die Verbindung mit Covid-19 bei ihnen besonders schwierig.

Was sollen Eltern tun, wenn sie Auffälligkeiten bei ihren Kindern bemerken?

Zum Kinderarzt gehen. Oft haben die Beschwerden ganz andere Gründe. Zu uns in die Post-Covid-Ambulanz kommen auch nur Patienten und Patientinnen mit einer nachgewiesenen Corona-Infektion.

Waren die Kinder zuvor schwer an Covid-19 erkrankt?

Im Gegenteil. Die meisten hatten einen zunächst symptomlosen Ver­lauf und entwickelten erst später Beschwerden.

Es kann also jeden treffen. Auch Kleinkinder, bei denen Infektionen besonders oft unbemerkt bleiben?

Ja genau. Wir haben in unserer Ambulanz circa 60 Patientinnen und Patienten behandelt, rund jedes fünfte Kind war jünger als sechs Jahre alt.

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Und was machen Sie in Ihrer Post-/ Long-Covid-Ambulanz?

Zu uns kommen vor allem schwer betroffene Kinder mit unklaren Symptomen, bei denen die niedergelassenen Kollegen nicht weiterkommen. Wir überprüfen in erster Linie, ob eine Organerkrankung vorliegt, um Folgeschäden zu vermeiden. Ich als Kardiologe untersuche die Kinder zum Beispiel auf eine Herzmuskelentzündung. Wenn ich die diagnostiziere, muss das Kind sich schonen und darf sich keinesfalls anstrengen. Das wäre sogar gefährlich.

Und was untersuchen dann Ihre Kollegen und Kolleginnen?

Was wir in welcher Abfolge durchführen, hängt von den Beschwerden ab. Ist das Kind beispielsweise erschöpft, schlecht belastbar und klagt über Bauchschmerzen, kommt es bei uns zuerst in die kardiologische Sprechstunde, dann zum Lungenfacharzt, dann zum Magen-Darmspezialisten und schließlich zum Neurologen oder Psychologen, um auch die mentalen Beschwerden abzuklären. Die Kollegen führen dazu verschiedene psychologische Leistungstests durch. Das ist sehr anstrengend für die Kinder. Wir versuchen, alles an einem Tag durchzubekommen.

Und bleiben die Kinder im Anschluss bei Ihnen?

Nein. Wir stellen die Diagnose und bieten Therapien gegen die Symptome an. Bei einer eingeschränkten Lungenfunktion zum Beispiel ein Spray zum Inhalieren. Stehen die mentalen Probleme im Vordergrund, empfehlen wir beispielsweise Ergotherapie oder eine Rehabilitation. Die weitere Behandlung erfolgt dann durch niedergelassene Ärzte und weitere Therapeuten.

Wo finden denn schwer betroffene Kinder Hilfe, die uneindeutige Symptome haben und nicht in der Gegend Ihrer Klinik leben?

Am besten eigenen sich Zentren, die alle Organsysteme untersuchen können. Das wäre zum Beispiel in Universitätskinderkliniken möglich. Aber die wenigsten bieten das bisher an. So erleben viele Familien einen kleinen Marathonlauf. Sie werden von Fachkollege zu Fachkollegin geschickt, um die Symptome zu klären. Das wollen wir mit unserer Ambulanz den Betroffenen ersparen. Ich freue mich, dass nun die Universitäten von München, Köln und Essen auch eine Long-Covid-Ambulanz für Minderjährige eingerichtet haben. Ich wünschte mir, es gäbe in Deutschland mehr solcher Einrichtungen.

Können denn die Kinder mit einer vollständigen Genesung rechnen?

Die allermeisten schon. Nur beim sogenannten Pädiatrischen Inflammatorischen Multiorgan-Syndrom, kurz Pims, müssen rund sechs Prozent mit bleibenden Schäden rechnen, die oft auch das Herz betreffen. Es handelt sich um eine schwere Entzündung meh­rerer Organe ein paar Wochen nach einer Sars-Cov-2-Infektion. Pims trifft fast nur Minderjährige. Über die Hälfte benötigt eine Behandlung auf der Intensivstation. Für mich ist Pims die größte Gefahr, die Kinder von einer Covid-19-Erkrankung zu befürchten haben. Glücklicherweise ist in Deutschland noch niemand daran gestorben. Und Pims ist sehr selten. Bislang gab es hierzulande weniger als 400 Erkrankungen.

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Wie kann man sich bestmöglich vor langfristigen Folgen schützen?

Die Eltern sollten sich in jedem Fall impfen lassen. So minimieren sie das Risiko, ihre eigenen Kinder anzustecken. Nach Einschätzung der Ständigen Impfkommission sollen sich 12- bis 17-Jährige impfen lassen, wenn sie bestimmte Vorerkrankungen haben. Für Jüngere gibt es ja noch keine Impfung.

Auch deshalb befürchten Experten für den Herbst viele weitere Infektionen bei Kindern. Hinzu kommt, dass bald schon die deutlich ansteckendere Delta-Viren-Variante dominieren wird. Was raten Sie also?

Alle sollten weiterhin die Abstands- und Hygieneregeln einhalten. Ich halte allerdings nichts davon, seine Kinder komplett abzuschotten. Sie sollten ihre Freunde und Familienangehörigen treffen und auch in den Kindergarten gehen, wo Hygieneregeln natürlich nicht komplett einhaltbar sind. Nach meiner Meinung überwiegen die schädlichen Auswirkungen einer Isolation deutlich die möglichen Folgen einer Infektion.

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