Baby und Familie

"Sind doch nur Milchzähne …" Nach diesem ­Motto wurde Zahnpflege bei kleinen Kindern früher eher entspannt­ gesehen. Mit unschönen Folgen: Kariesbakterien konnten leicht vom Milchgebiss auf die bleibenden Zähne übertragen werden. Noch Anfang der 1980er-Jahre fand man bei Kindern im Alter von zwölf Jahren bereits mehrere kaputte bleibende Zähne, meist mit ­Karies befallen. Dass dieser Wert heute auf ­einen halben kariösen Zahn pro Kind zurückgegangen ist, verdanken wir vermutlich bewussterer Ernährung, verbesserter Zahn­hygiene und vor allem der Fluoridprophylaxe.­

"Fluorid ist ein Mineralsalz, das die Entkalkung der Zähne reduziert. Das macht die Zähne widerstandsfähiger gegen Säureangriffe und Kariesbefall", ­erklärt Prof. Dr. Christian Splieth, Leiter der Abteilung Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde der Univer­sität Greifswald. Denn Karies entsteht, wenn mit der Nahrung aufgenommener Zucker von Bakterien in Säure umgewandelt wird, was den Zahnschmelz lang­fris­tig entkalkt. In diversen ­­Studien ­konnte der kariesreduzierende ­Effekt von Fluorid gezeigt werden. Daher raten ­Kinder- und Jugend­ärzte sowie Zahnmediziner einhellig zur Fluoridprophy­laxe bereits im Säuglings­alter.

Fluorid als Tablette

Wie das Fluorid in den Körper beziehungsweise an die Zähne gelangen soll, darüber gibt es jedoch ­unterschiedliche Ansichten. So beruft sich Dr. med. Hermann Josef Kahl, Pädiater aus Düsseldorf und Pressesprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte, auf die ­positiven Erfahrungen der Fluoridierung in Tablettenform: "Seit diese Maßnahme von Geburt an als Standard gilt, ist die Karies­entstehung bei Kindern dramatisch zurückgegangen." Man geht davon aus, dass so die Zahnsubs­tanz bereits vor dem Durchbruch, also während der Reifephase im Kiefer, verbessert wird. ­­"Außerdem tolerieren nicht ­alle Kleinkinder sofort das Hantieren mit der Zahnbürste, sodass die Tablette anfangs eine einfache Alternative bietet", meint Kahl.

Wann sollte man auf Fluorid verzichten?

In wenigen Regionen Deutschlands, etwa in der Osteifel, enthält das Trinkwasser sehr viel Fluorid. Dort dürfen Kinder es nicht zusätzlich noch aufnehmen. Konkret: Wird das Kind überwiegend (mehr als zur ­Hälfte) mit Säuglingsmilchnahrung statt Muttermilch ernährt und liegt der Fluorid­-ge­halt im dazu verwendeten Wasser höher als 0,3 mg/l, sollten Babys ­keine Tabletten mit Fluorid bekommen, und es soll nur einmal täglich ­eine reiskorngroße Menge fluoridierte Zahnpasta verwendet werden. Das Wasserwerk vor Ort kann Auskunft geben.

Nur Putzen entfernt Beläge

Kritiker hingegen warnen vor einer möglichen Überdosierung bei sehr kleinen Kindern, da Fluorid zusätzlich über Trinkwasser oder angereichertes Kochsalz aufgenommen wird. Die Gesamtmenge sei daher schwer abzuschätzen. Als Folge einer dauerhaft zu hohen Dosis könnte beim Milchgebiss und auch später bei den bleibenden Zähnen ­eine Fluo­rose auftreten. Dabei verfärbt sich die Zahnoberfläche weiß-streifig, in schlimmen Fällen braun-fleckig. Chris­tian Splieth gibt auch zu bedenken: "Die Tab­lette wirkt im gesamten Körper. Dabei geht es darum, ­einen lokalen mineralisierenden Effekt direkt auf der Zahnober­fläche zu erzielen und dortige Beläge zu entfernen, was nur durch die Putzbewegung funktioniert." Erhält ein Kind die Fluoridtablette, regt er daher an: "Die Tablette mit ein wenig Wasser vermengen und mit ­einer Bürs­te direkt auf die Zähne auftragen, um einen lokalen schützenden Effekt zu erzielen."

Und: Da Säuglinge noch nicht in der ­Lage sind, die Tablette wie vorgesehen zu lutschen, lösen Eltern sie teilweise im Fläschchen oder Brei auf. "Aber das Kalzium in der Milch hemmt die Aufnahme von Fluorid, die Wirkung ist dahin", so Splieth.

Fluorid und Vitamin D vor dem ersten Geburtstag:

Das Netzwerk "Gesund ins Leben" des Bundeszentrum für Ernährung empfiehlt:

  •  Säuglinge sollten von der Geburt bis zum Zahndurchbruch täglich ein Kombinationspräparat mit 0,25mg Fluorid und 400–500 I.E. Vitamin D in Tablettenform erhalten.
  • Vom Zahndurchbruch bis zum ersten Geburtstag gilt: Entweder täglich 1 Tablette mit 400–500 I.E. Vitamin D und 0,25mg Fluorid und Zähneputzen ohne Zahnpasta oder mit geringer Menge fluoridfreier Zahnpasta. Oder täglich 1 Tablette mit 400–500 I.E. Vitamin D und bis zu zweimal täglich Zähneputzen mit jeweils einer bis zu reiskorngroßen Menge Zahnpasta mit 1000 ppm Fluorid.

Auf keinen Fall Fluorid-Tablette und -Zahnpasta gleichzeitig

Was also tun? Doppelt ab­sichern und Tablette plus angereicherte Zahn­pasta ver­wenden? "Bloß nicht", warnt Zahnarzt Splieth, "viel hilft nicht viel, sondern kann, wenn eine Fluorose entsteht, zum kosmetischen Problem werden." Wer sich für das Putzen mit Fluorid-Zahnpasta entscheidet, sollte auf die Tabletten verzichten – und umgekehrt. Wichtig, wenn Eltern lieber mit Fluorid-Zahnpasta die Kinder­zähne putzen: Die Fluoridmenge muss alters­­gerecht sein, weshalb Kinderzahnpasten etwas niedriger dosiert sind. Laut aktueller Empfehlung soll die Kinderzahnpasta 1000 ppm Fluorid (ppm: parts per million) enthalten. Damit sollte ab zwölf Monaten zweimal täglich mit einer reiskorngroßen Menge geputzt werden. Ab dem Alter von zwei Jahren sollte die Zahpasta-Menge angepasst werden: Von Reiskorn- auf Erbsengröße. "Dass Kinder kleine Mengen verschlucken, ist unproblematisch, wenn sie noch nicht zuverlässig ausspucken. Das ist in der niedrigen Dosierung berücksichtigt", sagt Kinder- und Jugendarzt Kahl.

Flouridlack beim Zahnarzt auftragen lassen

Seit Juli 2019 bezahlen die Krankenkassen regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen ab dem sechsten Lebensmonat sowie das Auftragen von Flouridlack zweimal im Kalenderhalbjahr bis zum 34. Lebensmonat. Danach besteht ein Anspruch auf Flouridierung nur bei hohem Kariesrisiko. Der Flouridlack stärkt den Zahnschmelz und hilft dabei, Karies vorzubeugen.

Wichtig: Zähne putzen und auf die Ernährung achten

Beide Experten sind sich einig: Karies­prophylaxe braucht mehr als nur Fluorid. "Wer seinem Kind ständig die Nuckelflasche überlässt, ­sü­­ße­ Getränke gibt und die Zähne nicht ordentlich putzt, riskiert trotz Fluo­­ridierung Karies", so Kahl. Und Christian Splieth fasst zusammen: "Zucker nur in Maßen, Zahnbelag regelmäßig entfernen und mit dem Kind so früh wie möglich ein angenehmes Ritual aus dem Zähneputzen machen." Dann hat der Zahnarzt bei den halbjährlichen Kontrollen im besten Fall ­­außer Nachschauen gar nichts zu tun.

Der Zahnputzplan

  • Ab dem ersten Milchzahn empfiehlt der Berufsverband der Kinderzahnärzte eine weiche Kinderzahn­bürste mit kleinem Kopf oder Fingerhütchen mit Kunststoffborsten.
  • Sobald das Kind nach der Zahnbürste greift, darf es selbst probieren. Aber: Eltern müssen bis zum Schul­eintritt gründlich nachputzen.
  • Neutrale Zahnpasta ver­leitet weniger zum He­r­unterschlucken als eine mit Fruchtgeschmack.
  • Milchschneidezähne ein- bis zweimal täglich für etwa zwei Minuten putzen. Ab dem ersten­ Backenzahn oder spätestens wenn das Kind zwei Jahre ist: zweimal pro Tag mindestens zwei, besser drei Minu­ten lang bürsten. An Backen­zähnen setzen sich Nahrungsreste leichter ab.
  • Manche Kinder finden es viel attraktiver, mit ­einer elek­trischen Zahn­bürste zu putzen. Ab etwa drei, manchmal schon zwei­einhalb Jahren ist ­dies möglich, davor ist die Ver­­letzungsgefahr zu hoch.
  • Bewährt hat sich die KAI-Technik: Erst Kauflächen vor und zurück schrubben, dann Außenflächen kreisend säubern, schließlich Innen­flächen mit senkrecht ge­haltener Bürste ausfegen.
  • Eine lustige Sand- oder Eieruhr erleichtert das Durchhalten.

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