Baby und Familie

Das Kriegsgeschehen in der Ukraine schockiert und besorgt viele Menschen. Eltern fragen sich, wie sie die aktuelle Situation ihren Kindern erklären können. Hier finden sie die wichtigsten Fragen und Antworten von zwei Experten: Dana Mundt, Sozialpädagogin bei der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth und Michael Gurt vom JFF - Institut für Medienpädagogik in München und verantwortlicher Redakteur von FLIMMO, dem Medien-Elternratgeber:

Sollte man Kinder von den Nachrichten fernhalten?

„Bei kleinen Kindern würde ich versuchen, sie so gut es geht von den Fernsehnachrichten und den Bildern fernzuhalten. Am besten schaut man nur dann Nachrichten, wenn die Kinder nicht dabei sind“, sagt Dana Mundt. Wer sich tagsüber oder im Beisein der Kinder informieren möchte, sollte Nachrichten lieber lesen oder anhören. „Für kleine Kinder ist das, was im Fernsehen passiert, sehr nah und auch real“, erklärt die Expertin. „Wir als Erwachsene wissen, dass Kiew 2000 Kilometer weit weg ist und können das Geschehen etwas von uns fernhalten. Für Kinder findet das, was im Fernsehen gezeigt wird, mitten im Wohnzimmer statt.“

Selbst für Kinder im Grundschulalter seien die Fernsehnachrichten ungeeignet, da sind sich beide Experten einig. Sie raten dazu, Kinder nicht diese Nachrichten schauen zu lassen.

Wie wirken sich die Nachrichtenbilder auf Kinder aus?

Die Bilder von Kriegsgeschehen verunsichern und verängstigen Erwachsene, „auf Kinder wirken sie extrem bedrohlich“, sagt Michael Gurt. „Kinder verstehen schon sehr früh, dass Nachrichtenbilder etwas anderes sind als Zeichentrick oder andere Filme“, erklärt der Medienpädagoge. Wenn Kinder Bilder von Bombeneinschlägen, Verletzten oder Flüchtenden sehen, dann wissen selbst Kleine, dass diese Dinge wirklich passieren. „Sie können das Geschehen aber nicht einordnen und das verängstigt sie“, erklärt Michael Gurt. Dazu komme: Die vielen Bilder von Müttern und Kindern auf der Flucht und von Vätern, die in der Ukraine bleiben, berührt Kinder besonders. „Von den Eltern getrennt zu werden und sie zu verlieren, ist die Urangst von Kindern“, sagt der Experte.

Wie kann man kleinen Kindern das aktuelle Geschehen erklären?

„Ich würde mich bei Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter mit Erklärungen erstmal zurückhalten und auf ihre Fragen warten“, meint Dana Mundt. Denn die geben einen guten Hinweis darauf, was das Kind bereits weiß und welche Themen und Ängste es beschäftigen. Die Fragen der Kinder sollten Erwachsene aufnehmen und mit ruhigen Worten beantworten, ohne zu dramatisieren. Auch mit Mutmaßungen können Kinder nichts anfangen. Eltern sollten sich auf das beschränken, was das Kind wissen möchte. „Wer zu viel informiert, kann unnötig verängstigen“, sagt die Erziehungsberaterin. Wichtig sei es, die Gefühle und Sorgen ernst zu nehmen und diese nicht zu beschwichtigen oder abzutun.

„Mit Kindern ab dem Grundschulalter kann man gemeinsam auf Informationssuche gehen“, sagt Michael Gurt. So bekommen sie Antworten auf ihre Fragen und sie spüren, dass ihre Eltern sie ernst nehmen. Das stärkt zudem das Selbstbewusstsein.

Wo finden Familien kindgerechte Informationen zum Krieg in der Ukraine?

„Für Kinder eigenen sich am besten Kindernachrichten, da sie speziell für sie aufbereitet sind“, sagt Medienpädagoge Gurt. Die Redaktionen haben viel Erfahrung damit, Krisen für Kinder zu erklären und arbeiten mit Experten zusammen. Zudem nehmen sie oft Themen in den Blick, die Kinder besonders interessieren, etwa die Situation der Kinder in der Ukraine oder was Kinder tun können.

„Am besten schauen sich Eltern die Kindernachrichten mit ihren Kindern an“, so Dana Mundt. Dann können sie gut auf deren Nachfragen eingehen. Auch wenn es Kindernachrichten seien, so solle man die Kinder damit nicht alleine lassen.

Auf folgenden Seiten können sich Familien zu dem Ukraine-Krieg informieren:

  • Kindernachrichten Logo mit Erklär-Videos und täglichen Updates zum Kriegsgeschehen
  • Sendung mit der Maus mit Themenspezial zum Ukraine-Krieg
  • Hanisnauland - ein Informationsangebot der Bundeszentrale für politische Bildung für Kinder zwischen 8 und 14 Jahren, Hintergründe zu Russland und der Ukraine
  • Kiraka - Kinderradiokanal mit aktuellen Infos und Berichten aus der Ukraine
  • Blinde Kuh - die Online-Suchmaschine speziell für Kinder. Dort finden sich verschiedene Beiträge verschiedener Medien
  • FLIMMO - ein Elternratgeber mit Tipps und Übersicht über kindgerechte Informationsangebote

Was ist, wenn mein Kind nichts fragt oder sagt?

Häufig schnappen kleine Kinder mehr auf, als Erwachsenen bewusst ist. „Oft ist es so, dass Kindergartenkinder aber nicht von alleine erzählen“, sagt Michael Gurt. Er empfiehlt, genauer hinzuschauen, was und wie die Kleinen spielen. Denn häufig leben sie ihre Gefühle und Gedanken im Spiel aus. Dann fallen vielleicht auch Worte wie Flucht, Bombe oder töten. Wenn die Kinder etwa von Flucht oder Krieg spielen oder entsprechende Bilder malen, sollten Eltern aufmerksam werden.

Wie können Eltern ihren Kindern helfen?

Am wichtigsten ist es, dass Eltern nun für ihre Kinder da sind. „Kinder benötigen Eltern, die ihnen Sicherheit vermitteln“, sagt Erziehungsberaterin Mundt. Das gelingt vor allem durch Nähe. Manche Kleinen möchten auch mehr Kuscheleinheiten. In jedem Fall sollten Eltern nun vermehrt auf ihr Kind schauen und seine Fragen altersgerecht erklären. Am besten bespricht man diese Themen nicht direkt vor dem Schlafengehen, da bei vielen Kindern sonst die Gedanken kreisen.

Gerade kleinen Kindern kann es helfen, ihre Gedanken und Gefühle aktiv zu bearbeiten, etwa beim Spielen oder Basteln. „Man kann auch gemeinsam eine Kerze anzünden oder eine Friedenstaube malen“, sagt Dana Mundt.

Was brauchen Kinder jetzt?

„Viele Kinder sorgen sich, dass es auch in Deutschland einen Krieg geben könnte“, sagt Dana Mundt. Es sei für sie daher wichtig zu hören, dass ein Krieg nicht einfach so beginnt, sondern dass es eine lange Vorgeschichte gibt und die Ursachen sehr komplex sind. Mit größeren Kindern könne man sich gemeinsam darüber informieren und versuchen, die Hintergründe zu verstehen. Die sind nämlich durchaus so komplex, dass es auch Erwachsenen schwerfällt zu verstehen, weshalb der Krieg in der Ukraine geführt wird.

Was kleinen und großen Kindern guttut: Hoffnung und Zuversicht zu spüren. So kann man dem Nachwuchs erzählen, dass sich viele Politiker besprechen und gemeinsam überlegen, wie man Frieden schaffen kann. Oder dass in vielen Ländern Menschen gegen den Krieg demonstrieren und dass sie den Flüchtenden bestmöglich helfen.

Mit Grundschulkindern und Jugendlichen kann man besprechen, was man selber tun kann und aktiv werden. „Das nimmt die Hilflosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht, das die Nachrichten auslösen können“, sagt Dana Mundt. Man könne gemeinsam auf eine Friedensdemo gehen, eine Friedenstaube ins Fenster hängen oder Kleidung, Lebensmittel oder Geld spenden.

Wie können Eltern Sicherheit vermitteln, wenn sie selber sehr besorgt sind?

Eine schwierige Situation: auf der einen Seite soll man Sicherheit vermitteln und auf der anderen erlebt man Ängste. „Eltern dürfen und sollten sagen, dass sie besorgt sind“, meint Dana Mundt. Kinder kennen ihre Eltern ja sehr genau und spüren, wenn diese etwas belastet. Die Offenheit hilft Kindern, diese Gefühle einzuordnen.

Wenn die eigene Betroffenheit allerdings sehr groß sei oder die Eltern eigene Fluchterfahrungen gemacht haben, sollten Mütter und Väter diese Ängste an anderer Stelle besprechen, etwa mit Freundinnen oder Freunden, in der Familie oder auch mit einer Beraterin oder Therapeutin. „Es ist wichtig, dass Eltern gut für sich selbst sorgen“, sagt Dana Mundt. „Eltern sind die wichtigsten Orientierungspunkte für ihre Kinder. Nur wenn sie selbst stabil sind, können sie ihren Kindern Stabilität bieten“, ergänzt Michael Gurt.

Bei Sorgen finden Eltern Ansprechpartner in den Familienberatungsstellen vor Ort, bei der Eltern-Telefonberatung der Nummer gegen Kummer (Tel. 0800 - 111 0 550) oder bei der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Jugendliche sind viel online und auf Social Media unterwegs. Was brauchen sie?

Jugendliche informieren sich meist eigenständig und beziehen den Großteil ihrer Nachrichten über Social Media. „Man sollte als Eltern mit seinen Teenagern darüber sprechen, wo sie sich informieren“, rät Medienpädagoge Gurt. Denn auf Instagram, YouTube und Co. werden momentan viele Fake News verbreitet. Michael Gurts Rat: Gemeinsam darüber sprechen, woher die Filme und Bilder stammen und wie seriös die Quelle ist. „Anders als bei Nachrichtensendungen sind die Informationen ungefiltert und benötigen einer Einordnung“, erklärt Gurt. Jugendliche sollten wissen, wie sie eine seriöse Quelle erkennen. Tipps dazu finden sie etwa bei Klicksafe.

Eltern sollten darauf achten, wie Teenager mit den Nachrichten umgehen. Gerade über Social Media kann man Clips und Meldungen schnell an andere schicken. „Immer wieder neue, schreckliche Nachrichten zu bekommen, kann psychisch belasten“, sagt Gurt. Er empfiehlt, deshalb auf einen achtsamen Gebrauch hinzuweisen und selbst ein gutes Vorbild zu sein. Klein und Groß helfen Auszeiten von der Nachrichtenflut. „Man darf und soll etwas Schönes machen, damit man gut durch diese Zeit kommt und Energie findet, um anderen zu helfen“, sagt Dana Mundt.

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