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Das Jahr 1923: In Weimar findet die erste Bauhaus-Ausstellung statt. In München misslingt Adolf Hitlers Putschversuch. In Amerika erkämpfen sich die Ureinwohner die US-Staatsbürgerschaft. In Berlin tanzt die Bourgeoisie zur Musik der Goldenen Zwanziger. Es ist die kurze Phase der Entspannung vor der Weltwirtschaftskrise und zwischen beiden Weltkriegen, als Anneliese Werner in Paderborn und Mildred Kirschenbaum in New York (USA) geboren werden.

Heute blicken die beiden Frauen auf über 100 Jahre Leben zurück. Hier erzählen sie davon. Es ist ein weiblicher Blick zurück: Ihre Geschichten handeln vom Ringen um körperliche Selbstbestimmung und der Kraft der Vergebung.

Als die beiden Frauen Teenager sind, gerät die Welt aus den Fugen. Der Krieg und die Entbehrungen dieser Zeit werden ihnen Verletzungen und Traumata zufügen – ihren Lebensmut und Optimismus wird das nicht brechen. Der positive Blick auf das Leben – das scheint etwas zu sein, was viele Hochbetagte eint. Können wir von den Ältesten etwas für das eigene Leben lernen? Darüber, wie es gelingt, Krisen zu meistern und sich einen positiven Blick zu bewahren? Haben die Ältesten vielleicht ein Rezept dafür gefunden, wie es gelingt, glücklich alt zu werden? Wenden wir uns an die Forschung! Denn die Wissenschaft weiß viel über die Strategien der 100-Jährigen.

Welche Lebenseinstellung haben Hochbetagte?

Weltweit gibt es rund 343.000 Menschen, die über 100 Jahre alt sind. Allein in Deutschland leben 17.000 von ihnen – 80 Prozent sind Frauen. Grund zu jammern hätten sie genug. Im Schnitt leidet jede und jeder Hochbetagte an vier chronischen Krankheiten, zeigt die Heidelberger 100-Jährigen-Studie der Psychologin Daniela S. Jopp. Arthrose, das Herz, die Lunge, Diabetes – alles dabei. Jopp forscht mittlerweile an der Universität Lausanne in der Schweiz zu Herausforderungen und Stärken des Lebens im Alter.

Ein weiteres Ergebnis ihrer Arbeit: Trotz der Vielzahl ihrer Gebrechen und Krankheiten sind die Ältesten unserer Gesellschaft erstaunlich zuversichtlich – nahezu glücklich. Sie berappelten sich selbst nach schweren Krisen wie der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Isolationsmaßnahmen vergleichsweise gut. 92 Prozent der von Jopp befragten Hochbetagten stimmten der Aussage zu: „Ich bin mit meinem Leben zufrieden.“ Weitere Studien aus anderen Ländern und Kulturkreisen erzielen ähnliche Ergebnisse. Viele 100-Jährige sind glücklich – allen Widrigkeiten des Lebens, Krankheiten und Schicksalsschlägen zum Trotz.

Mildred Kirschenbaum, 100

Auf einem ihrer letzten Flüge vor einiger Zeit wurde Mildred als begleitete Minderjährige eingestuft, weil das Buchungssystem ihr Geburtsjahr 1923 nicht verarbeiten konnte. Diese Anekdote erzählt die 100-Jährige gern. Auch an eine andere Geschichte erinnert sie sich mit Freude: wie sie und ihre Tochter Gayle „aus Versehen“ zu Influencerinnen wurden.

In sozialen Medien erzählten sie die Geschichte ihrer Versöhnung, die viele Menschen inspirierte. Denn Gayle hatte viele Jahre mit ihrer Mutter gekämpft, als Kind fühlte sie sich von ihrer Mutter emotional missbraucht. Das Verhältnis der beiden war lange Zeit schlecht. „Ich hatte so eine Wut in mir. Bis ich verstanden habe, dass es etwas mit dem Trauma zu tun hat, das meine Mutter in sich trägt“, sagt Gayle heute. Also suchte sie nach den Ursachen für die Schmerzen ihrer Mutter. Die Auswirkung der großen Depression in den Dreißigerjahren, als die Armut grassierte, haben Mildred geprägt. Ihre Familie lebte damals in Brooklyn, New York.

„Ich habe meine Schwester an eine Lungenentzündung verloren, als sie zwei Jahre alt war. Ich war sieben Jahre alt. Wir hatten keine Antibiotika“, erinnert sich Mildred. Überhaupt war das Geld knapp. Mildreds Vater unternahm einen Suizidversuch. Die Mutter übernahm die Rolle der Versorgerin und konnte mit ihrem Geschäft die Familie ernähren. Mildred heiratete, bekam drei Kinder und gründete eine Reiseagentur. Sie begegnete interessanten Menschen und bereiste die Welt. „Ich erinnere mich nicht“, ist ein Satz, den Mildred Kirschenbaum häufig sagt. Dabei ist für Zuhörende nicht ganz klar, ob Mildred sich nicht an ihre Vergangenheit erinnern kann – oder sich nicht erinnern will.

Gayle setzte sich intensiv mit der Vergangenheit ihrer Mutter auseinander und überredete sie, an psychotherapeutischen Sitzungen teilzunehmen. Die beiden fingen an, miteinander zu reden, sie schrien, weinten und hörten sich zu. Als Midred ihre Tochter endlich um Verzeihung bat, war sie 98 Jahre alt. Gayle erinnert sich gut daran: „Ich hatte ihr schon lange vergeben. Ich habe das nicht mehr gebraucht.“

Heute telefonieren Gayle und Mildred täglich, ihre Geschichte haben sie in dem autobiografischen Film „Sieh uns jetzt, Mutter“ verarbeitet. Mildred vermutet, dass ihr hohes Alter mit ihrer Art zu tun hat, wie sie durchs Leben geht: Ihr Humor, ihre positive Lebenseinstellung und ihre Selbstständigkeit sind ihr wichtig. „Ich bin sehr glücklich, dass ich schon so lange lebe und noch, wie man bei uns sagt, ‚alle Murmeln beisammenhabe‘ und fit im Kopf bin“, lacht sie.

Im August feiert Mildred ihren 101. Geburtstag. Die Jahre, die ihr noch bleiben, will sie mit ihrer Tochter genießen. Auch ihre Gesundheit ist Mildred wichtig. Sie achtet auf eine gesunde Ernährung und geht schwimmen – so bekam sie ihren Bluthochdruck in den Griff. Generell findet sie, dass junge Leute heute viel mehr Möglichkeiten hätten als die Jugend zu ihrer Zeit: Es sei eine große Chance, tun zu können, was einem Freude bereite. Es gäbe im Leben immer Dinge, mit denen man nicht zufrieden sei. Sich darüber aufzuregen ist nicht Mildreds Ding: „Reine Zeitverschwendung.“

Was bewirkt eine positive Lebenseinstellung?

Wurden diese Menschen vielleicht auch deshalb so alt, weil sie glücklich und zufrieden auf ihr Leben zurückblicken? Diese Frage treibt Prof. Dr. Dolores Merino um. „Wenn wir mehr über ein glückliches Leben wissen wollen, müssen wir 100-Jährige befragen“ – davon ist sie überzeugt. Die Psychologin an der Universität Madrid untersucht die psychischen Ressourcen der Ältesten. Ihre Erkenntnisse seien aber für alle Menschen relevant, sagt die Forscherin.

Mildred Kirschenbaum wird im August 101 Jahre alt.

Mildred Kirschenbaum wird im August 101 Jahre alt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Altern als einen Prozess definiert, der das ganze Leben andauert und den man in jeder Phase beeinflussen kann. „Unsere Erkenntnisse können also Menschen egal welchen Alters helfen“, so Merino. 100-Jährige seien resilient und hätten den Widrigkeiten des Lebens getrotzt, erklärt sie. Nach Leid seien sie in der Lage, nach vorne zu schauen und sich anzupassen – ohne ihr Leiden zu leugnen. „Diese Menschen versuchen, eine positive Lehre aus dem Ereignis zu ziehen.“

Dr. Markus Wettstein sagt, das gefühlte Alter kann im Tagesverlauf um plus/minus drei Jahre schwanken.

„Sich jung zu fühlen ist gesund“

Ist Altern auch eine Frage des Gefühls? Eine Forschungsgruppe der Berliner Humboldt-Universität um den Psychologen Dr. Markus Wettstein sagt: ja, ganz eindeutig. zum Artikel

Welchen Einfluss haben kleine Freuden im Alltag?

Mit ihrem Team befragte Merino 19 Menschen aus Spanien, die über 100 Jahre alt waren. „Sie erzählten uns Dinge wie: ‚Ich habe es geliebt, den Tag mit meinem Mann zu genießen‘ oder ‚Ich habe immer ein sehr erfülltes Leben gehabt.‘“ Genuss, besonders im Kleinen, spiele für die Ältesten eine besondere Rolle, beobachtete die Forscherin. Der Duft einer Blume, ein leckeres Essen oder gute Gesellschaft verankern die positive Erfahrung im Hier und Jetzt und schaffen Achtsamkeit.

Auch Privilegien bewusst wahrzunehmen, die nicht allen vergönnt sind – wie Gesundheit, ein Haus, sichere Arbeit, eine Familie –, hätten die Befragten dankbar und erfüllt gestimmt. Ob diese Dankbarkeit eine angeborene Charaktereigenschaft ist? Wohl eher nicht, glaubt Merino. Denn Dankbarkeit, Achtsamkeit, eine positive Lebenseinstellung und Genuss seien Eigenschaften, die man wie Muskeln ein Leben lang trainieren könne. „Genuss und Dankbarkeit beeinflussen unsere Fähigkeit zum Glück erheblich.“ Und Psychologin Merino weiß auch, wie man diese mentalen Muskeln trainieren kann: etwa mit einem Tagebuch, in das man jeden Abend kurz notiert, für was man am zurückliegenden Tag Dankbarkeit empfindet. Auch ein bewusstes Training der Sinne kann helfen, die kleinen Kostbarkeiten des Lebens schätzen zu lernen. Beispielsweise, wenn man ein leckeres Essen richtig genießen könne.

Anneliese Werner, 100

„Meine Eltern haben 1911 geheiratet“, erzählt Anneliese Werner. Sie kam 1923 zur Welt, als siebtes von elf Kindern. Morgens vor der Schule musste sie ihre kleinen Geschwister fertig machen, die Kühe melken und zusehen, dass sie pünktlich in die Messe kam. „Bei uns gab es nur beten und arbeiten“, sagt sie heute.

Ein Erlebnis hat sich bei der 100-Jährigen besonders eingebrannt. „Eines Tages, ich war schon verheiratet, stand plötzlich meine Mutter vor der Tür. Ihr lief das Blut an den Beinen herunter.“ Die Mutter flehte: „Ach Mädchen, hilf mir doch! Ich verliere meine Eingeweide.“ Die Mutter wusste nicht, dass sie im Begriff stand, ihre Gebärmutter zu verlieren. Damals wurde noch nicht operiert, die Scheide wurde einfach zugenäht. Annelieses Vater musste unterschreiben, dass er keinen Sex mehr mit seiner Frau haben durfte. Ihr Unterleib war schließlich zerrissen. Aber der Pastor hatte ja gepredigt: Zwölf Kinder auf dem Kissen sind besser als eins auf dem Gewissen.

Frauen mussten tun, was Männer wollten – diese Erfahrung prägte Annelieses Leben. „Papa war nicht schlecht, aber er war sehr religiös. Zu Mama habe ich mal gesagt: Wenn Anton mir elf Kinder angedreht hätte, ich hätte ihm den Schniedel lang gezogen!“ Anton, ihren Mann, lernte Anneliese auf einer Feier kennen. Kurze Zeit später war sie schwanger: „Das war eine schwere Zeit. Kein Mensch durfte es wissen, ich war mutterseelenallein.“ Und Anton? „Ich wollte ihn nicht. Aber er ließ nicht locker und wir haben geheiratet.“ Die Eheleute streiten häufig. „Einmal habe ich die Koffer gepackt und wollte weglaufen mit dem Kind.“ Später wächst das Paar doch ein Stück weit zusammen.

61 Jahre sind sie verheiratet, bekommen noch ein zweites Kind. Nach der Rente, so Antons Plan, will er seiner Frau die Welt zeigen. Doch dazu kommt es nicht. Kurz nachdem er in Rente geht, wird Anton krank – Krebs. Auch Anneliese erkrankt 1990 an Gebärmutterkrebs. „Da sagte der Doktor: Ich nehme alles raus, Kinder brauchst du ja nicht mehr.“ 1993 erlitt Anneliese einen Schlaganfall, 1996 folgte die Diagnose Brustkrebs. „Es war kein leichtes Leben“, zieht sie Bilanz. „Ich habe viel gearbeitet. Ich habe Verwandte gepflegt, als Schneiderin genäht, das Haus gebaut.“ Aber sie erinnert sich auch an Schönes: „Feste haben wir ordentlich gefeiert, besonders Karneval.

Noch heute hält die Musikkapelle beim Rosenmontagsumzug vorm Haus und spielt mir ein Ständchen.“ Wenn sie ihren Enkel- und Urenkeltöchtern etwas mit auf den Weg geben würde, dann das: „Nicht gleich am ersten Mann hängen bleiben. Das müssen sie ja auch nicht, sie sind frei. Das sollten sie schätzen.“ Zu ihrem jüngst diagnostizierten Hautkrebs sagt sie: „Ich werd’s überleben.“

Welche Rolle spielen Freundschaften?

Anneliese Werner kam 1923 als siebtes von elf Kindern zur Welt.

Anneliese Werner kam 1923 als siebtes von elf Kindern zur Welt.

Noch etwas scheint den 100-Jährigen Glück zu schenken: Freundschaften und tiefe Bindungen, in die sie ein Leben lang investiert haben. „Ältere Menschen wollen gerne zurückgeben, Liebe empfangen und Liebe weitergeben“, erklärt Merino. Die Alten sind Teamplayer, verbringen gerne Zeit mit anderen und haben das Bedürfnis, gebraucht und geliebt zu werden. „Sie lieben mich sehr hier“ ist ein Satz, den die Forscherin bei ihren Befragungen häufig gehört hat – auch bei Menschen im Altenheim.

Gesunde Beziehungen zu anderen, die in jedem Alter entstehen können, erweisen sich offensichtlich als Jungbrunnen. Die Studie von Merino zeigt außerdem: Die Ältesten unserer Gesellschaft sind intelligente Menschen, wenn auch nicht zwingend im akademischen Sinn. Sie sind eher Problemlöserinnen und -löser, haben sich Dinge selbst beigebracht, nehmen mit Durchhaltevermögen und Selbstwirksamkeit Herausforderungen an und haben das Gefühl, Kontrolle über eine Situation zu haben. Lebenslanges Lernen scheint etwa ein wichtiger Faktor zu sein, um auch im hohen Alter ein gutes Gedächtnis zu haben.

„Glas eher halb voll als halb leer sehen“

Wie gesund wir im Alter bleiben und wie lange wir leben, hängt von vielen Faktoren ab. Wir wissen nicht, welche Schicksalsschläge uns treffen werden; auch an unseren Erbanlagen können wir nichts ändern. Unsere Lebensweise, die Einstellungen und die Sicht auf die Welt können wir jedoch jeden Tag aufs Neue zum Positiven verändern. Was wir vor allem von 100-Jährigen lernen können: „Es hat viele positive Effekte, das Glas eher halb voll als halb leer zu sehen. Das ist ein wichtiger Faktor für erfolgreiches Altern und für ein langes Leben“, fasst Psychologin Jopp ihre Erkenntnisse zusammen. Die 100-Jährigen können uns zeigen, was wirklich wichtig ist im Leben: Sie haben das Spiel des Lebens fast durchgespielt.


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