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Unmittelbar nach der Geburt wird jeder Mensch besiedelt: Vor allem Bakterien, aber auch Viren und Pilze, beginnen, sich im Darm von Neugeborenen niederzulassen. Von diesen Mikroorganismen im Darm – sie werden auch als Mikrobiom bezeichnet – trägt man als Erwachsener schließlich etwa zwei Kilogramm mit sich herum.

Zwei neue Studien haben nun eine Reihe von Erkenntnissen darüber gewonnen, wie die Besiedelung des Darmes im ersten Lebensjahr genau abläuft: Woher stammen die Bakterien, die sich niederlassen? Welche Faktoren wirken sich womöglich hinderlich aus auf die Besiedelung des Darmes? Und was begünstigt eine vorteilhafte Zusammensetzung der Bakterien?

Die Fragen sind wichtig angesichts der Erkenntnisse, die Forscher in den letzten Jahren über das Mikrobiom gewonnen haben. Immer mehr kristallisiert sich heraus: Die Bakterien sind nicht nur für die Verdauung wichtig, sondern auch für die Regulierung des Immunsystems und für unzählige weitere Vorgänge im Körper.

In Studien konnten sogar Auswirkungen des Mikrobioms auf Vorgänge im Gehirn gezeigt werden. Die sogenannte Darm-Hirn-Achse wird intensiv erforscht. Das Mikrobiom spielt für unsere Gesundheit also eine entscheidende Rolle. Umso wichtiger ist es, dass der Darm von Neugeborenen mit Mikroorganismen besiedelt wird, die ihnen gut tun.

Was unterscheidet natürliche Geburt und Kaiserschnitt?

Forscherinnen und Forscher vermuten bereits seit längerem: Die Geburt auf dem natürlichen Wege ist von Vorteil für die Bildung eines gesunden Mikrobioms. Schließlich überträgt die Mutter zahlreiche Mikroorganismen auf ihr Baby, während es durch den Geburtskanal gezwängt wird. Dieser Vorgang heißt Seeding, auf Deutsch: Aussaat. Bei einem Kaiserschnitt entfällt diese Form des Seedings. Der Darm des Babys wird dann auch mit Mikroorganismen besiedelt. Doch die Reifung der Darmflora dauert länger.

Dass sich die Art der Geburt tatsächlich auf das Mikrobiom auswirkt, konnte ein Forschungsteam der Universität Trient in Italien in einer Studie untermauern. Veröffentlicht wurde sie im Fachmagazin „Cell Host & Microbe“. Die Forscherinnen und Forscher entnahmen 34 Säuglingen mehrmals Stuhlproben und führten an ihnen genetische Untersuchungen des Mikrobioms durch: eine Woche, einen Monat, sechs Monate sowie zwölf Monate nach der Entbindung. Dabei zeigten sich bei den Kaiserschnitt-Säuglingen Unterschiede im Mikrobiom im Vergleich zu den Säuglingen, die durch eine vaginale Geburt zur Welt gekommen waren. Das Ergebnis bestätigt frühere Studien.

Wie lässt sich das fehlende Seeding beim Kaiserschnitt nachholen?

Das fehlende Seeding bei Kaiserschnitt-Geburten lässt sich offenbar ausgleichen. Eine Möglichkeit wurde in einer weiteren Studie untersucht. Die Ergebnisse wurden in der gleichen Ausgabe von „Cell Host & Microbe“ publiziert.

Ein Forschungsteam der Sorbonne-Universität in Paris hat nicht nur das Darmmikrobiom von 74 Familien – jeweils Vater, Mutter, Kind – verglichen. Es hat sich auch das Mikrobiom von sieben per Kaiserschnitt geborenen Säuglingen angeschaut, die in den ersten zwei Stunden nach der Geburt mit der ersten Milchmahlzeit eine besondere Zutat erhielten: Die aufbereitete Stuhlprobe der Mutter, gewonnen drei Wochen vor dem geplanten Kaiserschnitt. Die Stuhlprobe enthielt zahlreiche Mikroorganismen aus dem Mikrobiom der Mutter. Ein Verfahren, das im Fachjargon als fäkale Mikrobiom-Transplantation, oder kurz FMT, bezeichnet wird.

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Wie erhofft, konnte die FMT bei den sieben Kindern den Reichtum an Mikroorganismen erhöhen. Der Effekt war auch noch nach einem Jahr in ihrem Mikrobiom nachweisbar. „FMT scheint in der Lage zu sein, den kindlichen Darm mit den Mikroorganismen zu besiedeln, zu denen es beim Kaiserschnitt keinen Kontakt gab“, sagt Dr. Verena Bossung, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie für spezielle Geburtshilfe und Perinatalmedizin in der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsspital Zürich.

Sollte jedes Kaiserschnitt-Kind eine FMT erhalten?

Nicht jedes per Kaiserschnitt geborene Kind sollte eine aufbereitete Stuhlprobe seiner Mutter erhalten. Denn es zeigte sich, dass eine FMT den mangelnden Kontakt mit Mikroorganismen überkompensiert. Denn es wurden auch Keime angesiedelt, die bei den vaginal entbundenden Kindern eben nicht oder erst später im Leben im Darm auftauchten. „Das könnte den positiven Effekt verstärken und vorbeugend gegenüber immunvermittelten Erkrankungen wirken oder aber auch eine zu starke Stimulation darstellen – mit möglicherweise auch negativen Folgen für das Immunsystem. Gegebenenfalls sollte künftig eine FMT mit geringerer Dosis untersucht werden“, sagt Bossung.

Das Verfahren ist also noch noch längst nicht alltagstauglich und muss noch weiter erforscht werden. In jedem Fall sind vor seiner Anwendung ausführliche Stuhluntersuchungen nötig. Und stellt sich dabei heraus, dass die Mütter bestimmte Keime in ihrem Stuhl haben, die dem Kind eventuell sogar schaden, kommt eine FMT nicht infrage.

Darüber hinaus stellt sich generell die Frage, ob das Übertragen von mütterlichem Stuhl dem Kind Vorteile bringt. Denn selbst wenn sein Mikrobiom nach einer Kaiserschnittgeburt langsamer reift als nach einer natürlichen: Es ist noch nicht geklärt, welche Folgen sich daraus für seine Gesundheit ergeben. Hinzu kommt: Der Unterschied in der Zusammensetzung des Mikrobioms scheint nicht dauerhaft zu sein. In der ersten Studie aus Trient war zwischen den vaginal und per Kaiserschnitt Geborenen bereits nach sechs Monaten kein Unterschied in der Zusammensetzung des Mikrobioms mehr nachzuweisen.

Tragen auch Väter zum Mikrobiom bei?

Es gibt noch eine weitere interessante Erkenntnis aus der Studie der Sorbonne-Universität: Zwar ähnelt vor allem in den ersten Wochen das Mikrobiom des Säuglings eher dem der Mutter als dem des Vaters. Bei Kindern, die auf natürlichem Wege geboren und dann regelmäßig gestillt werden, ist das auch nicht anders zu erwarten. Doch im Laufe des ersten Jahres werden die Ähnlichkeiten des kindlichen Mikrobioms mit dem des Vaters immer größer.

Im Alter von zwölf Monaten ist der väterliche Beitrag zum Mikrobiom dann genauso groß wie der mütterliche. Dies sei „eine zentrale Erkenntnis, die das intuitiv richtige Ansinnen unterstützt, dass auch Väter frühzeitig Haut-Haut-Kontakt mit ihrem neugeborenen Baby haben sollten“, meint Professor Christoph Härtel, Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Würzburg und ergänzt: Die neuen Erkenntnisse seien auch anzusehen als „ein ‚Pro‘ für Elternzeit der Väter bereits im Säuglingsalter.“


Quellen:

  • Dubois L, Valles-Colomer M, Ponsero A et al.: Paternal and induced gut microbiota seeding complement mother-to-infant transmission. In: Cell Host & Microbe: 12.06.2024, https://doi.org/...
  • Selma-Royo M, Dubois L, Manara S et al.: Birthmode and environment-dependent microbiota transmission dynamics are complemented by breastfeeding during the first year. . In: Cell Host & Microbe: 12.06.2024, https://doi.org/...
  • Pantazi A C, Balasa A L, Mihai C M et al.: Development of Gut Microbiota in the First 1000 Days after Birth and Potential Interventions. Nutrients: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/... (Abgerufen am 12.06.2024)