Beim Thema Videosprechstunde denken viele als erstes an die Pandemie: Dank neu geschaffener Angebote konnte man zahlreiche Haus- und Fachärzt:innen auch virtuell konsultieren. Man musste keine Zeit im Wartezimmer verbringen und vermied damit das Risiko einer Infektion. Mediziner:innen, die für das Angebot werben, führen allerdings eine Reihe weiterer Argumente ins Feld. Kurze Wartezeiten und keine Anfahrt etwa. Der Arzttermin könnte in vertrauter Umgebung stattfinden. Sogar vom Urlaubsort aus.

Positive Erfahrungen mit Videosprechstunden

Patient:innen, die schon einmal an einer Videosprechstunde teilgenommen haben, blicken in den meisten Fällen positiv darauf zurück, ergab eine repräsentative Befragung der Stiftung Gesundheitswissen. 84 Prozent finden sie zeitsparend, 82 Prozent zielführend und rund die Hälfte konnte keinen Unterschied zur herkömmlichen Sprechstunde feststellen. Insgesamt nahmen an der Befragung 1.015 Personen ab 18 Jahren teil.

Überraschend vor diesem Hintergrund: Lediglich vier Prozent der von der Stiftung Gesundheitswissen Befragten haben das Angebot der Videosprechstunde bereits genutzt. Bislang gibt es keine exakten Informationen darüber, wie viele Arztpraxen in Deutschland Videosprechstunden anbieten.

Warum nutzen bislang so wenige Menschen Videosprechstunden?

Dr. Martina Bischoff, die sich als Lehrkoordinatorin und Versorgungsforscherin an der Universitätsklinik Freiburg am Institut für Allgemeinmedizin für mehr Digitalisierung im Studium und der Weiterbildung einsetzt, glaubt, dass es in den seltensten Fällen an den Patient:innen liegt, wenn das Angebot jetzt wieder weniger genutzt wird als zu Beginn der Pandemie. Aber woran hapert es dann, wo doch die juristischen und gemeinhin auch technischen Hürden in den allermeisten Fällen genommen sein dürften? Wieso wollen so viele Ärzt:innen das Gegenüber zunehmend wieder „in Echt“ sehen?

Fakt ist: Bei der Behandlung von Depressionen und Angststörungen ist die Effektivität der Methode zwischenzeitlich durch eine Reihe von – zwar kleineren – Untersuchungen belegt worden: Hier steht die digitale Sprechstunde dem Arztbesuch vor Ort wohl in den meisten Fällen in nichts nach. Fakt ist allerdings auch: Im April wurde die Pandemie-Ausnahmeregelungen gekippt, nach der Psychotherapeut:innen die virtuelle Behandlung im unbegrenzten Umfang anbieten konnten. Nur noch maximal 30 Prozent der Gespräche dürfen seitdem nach vorherigem Vor-Ort-Gespräch online laufen. Für die Psychotherapie ändert sich das zum 1. Juli: Therapeut:innen können die Videosprechstunde dann wieder flexibler einsetzen.

Wie eine digitale Untersuchung ablaufen kann:

„Bei vielen Kolleginnen und Kollegen gibt es grundlegend Vorbehalte“, so Martina Bischoff, die neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit als „Teleärztin“ in der Schweiz arbeitet und früher selbst mehrere Jahre in einer niedergelassenen Hausarztpraxis gearbeitet hat.

Patient:innen müssten mit allen Sinnen wahrgenommen werden können, hört sie oft. „Auch die Telemedizin ist ein Patientenkontakt mit allen Sinnen“, wiederspricht sie dann. „Ich höre dem Patienten zu, sehe ihn, lasse mir Gerüche beschreiben und lasse mir Beschwerden zeigen und kann mit der Hand des Patienten die Nasennebenhöhlen untersuchen lassen.“

Wer Halsschmerzen hat, wird von der Medizinerin dazu ermuntert, sich im Badezimmer vor den Spiegel zu stellen und den Rachen mit einer Taschenlampe oder dem Handy auszuleuchten oder ein Foto zu schicken. Ich habe das noch nie vorher gemacht, heißt es oft. Ähnlich bei Bauchschmerzen. Legen Sie sich hin, sagt Martina Bischoff dann und beschreibt, wie die Hand im Halbkreis vom linken Unterbauch in den Oberbauch, quer über die Magengrube nach rechts wandern soll. Oft sind die Patient:innen überrascht, wenn sie am Rippenbogen zum ersten Mal ihre Leber spüren. Bischoff stellt Fragen wie: Wo genau sind die Schmerzen? Und: Wie stark sind sie auf einer Skala von eins bis zehn? Sie leitet das Gegenüber an, erst leicht und dann tiefer ein- und aus zu atmen. Manchmal, wenn jemand unsicher ist, demonstriert sie die einzelnen Schritte am eigenen Leib.

Welche Risiken birgt die Videosprechstunde?

Dass die Videosprechstunde auch Risiken birgt, ist Telemediziner:innen wie Dr. Bischoff bewusst. Gerade, wenn es darum geht, Untersuchungsbefunde zu erheben. Im Zweifel gilt es, auf Nummer sicher zu gehen und besonders deutlich nachzufragen – oder die Patient:innen doch einzubestellen. Wo kommt das Verfahren noch an Grenzen? Dass die Videosprechstunde aus Schamgründen nur eingeschränkt möglich ist, scheint jedenfalls nicht das Thema zu sein. Im Gegenteil: „Niederschwelligkeit und Anonymität – der Arzt sieht mich nie mehr – sind eher hilfreich, frühzeitig einen Arzt zu konsultieren“, so Bischoff. Über sensible Themen wie Erektionsstörungen spreche manch ein Mann eher mit einem nicht im Ort bekannten Arzt. Hier kann Telemedizin eine Erleichterung sein.

Eine klare Grenze der Telekonsultation ist erreicht, wenn Untersuchungen wie Blutentnahme, Vaginalabstrich oder auch Ultraschall notwendig sind. Für den Bereich Dermatologie muss man differenzieren. „Hier braucht es zusätzlich ein Foto der erkrankten Hautstelle, das zeigen auch Studien,“ so Bischoff.

Bild-Text-Verfahren spart Zeit

Dr. Alice Martin bietet als Partnerin einer digitalen Hautarztpraxis eine weitere telemedizinische Maßnahme an: das sogenannte Bild-Text-Verfahren. „Dafür füllen die Patientinnen und Patienten im Vorfeld einen Fragebogen aus und laden Fotos hoch“, so die Dermatologin. Die Ärztin oder der Arzt geht in einen digitalen Behandlungsraum, öffnet das Dashboard, sieht sich die Informationen an, beurteilt sie. Während die Patient:innen auf einen regulären Termin in der Praxis im Schnitt sechs bis acht Wochen warten müssen, halten sie beim Bild-Text-Verfahren bereits wenige Stunden nach der Anmeldung einen ärztlichen Befund in den Händen.

Allerdings muss die Leistung, die mit 25 Euro zu Buche schlägt, privat bezahlt werden. „Anders als für Videosprechstunden gibt es für „Bild-Text“ noch keine Ziffer, über die wir abrechnen könnten“, sagt Dr. Alice Martin. Dabei hätte die Methode für die dermatologische Praxis von Gürtelrose bis Haarausfall klare Vorteile: „Online sehen die Gesichter bekanntlich faltenfreier aus, die Haut wirkt ebenmäßig.“ Fotos würden hier einen deutlich authentischeren Eindruck liefern. „Es kommt auf jedes Pixel an“, so Martin, die den Service seit gut zwei Jahren anbietet, als eine von bundesweit zwei Praxen. Die Rückmeldungen aus dem Kundenkreis seien begeistert. Vor allem die Zeitersparnis ist es, die viele überzeugt.

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Weiterbildung für Mediziner:innen nötig

Überhaupt: Videosprechstunden werden das klassische Arzt-Patienten-Gespräch in der Praxis bestimmt nie komplett ersetzen. Und doch: „Die Digitalisierung in der Medizin hat das Potenzial, die medizinische Versorgung zu revolutionieren“, sagt Prof Dr. Georg Ertl, Generalsekretär der Kommission Digitale Transformation in der Innere Medizin (DTIM). Für eine erfolgreiche Umsetzung müssten Ärzt:innen auf allen Ebenen aktiv am Wandel beteiligt sein. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen braucht es Ertls Einschätzung nach eine Facharzt-Weiterbildung für digitale Medizin. Dr. Martina Bischoff sieht das ähnlich.

Im Moment hätte die Ärztekammer bei der Weiterbildung vor allem technische Aspekte und den Datenschutz im Blick. „Dabei braucht es dringend Module, die die Ärzte besser auf den Ablauf der digitalen Untersuchung vorbereiten.“ Auch der zu erwartende Rollenwechsel – hin zu „mehr Augenhöhe mit dem Arzt“ – muss laut der Fachfrau weiterentwickelt werden.

Wobei sie an dieser Stelle gleichzeitig ein paar Einschränkungen für die Nutzung der Methode machen möchte: „Wer sich ungern aktiv ins Beratungsgespräch einbringt, ist in einer Videosprechstunde vermutlich weniger gut aufgehoben.“ Auch bei Menschen mit mangelnden Deutschkenntnissen und solchen, die Seh- oder Hörprobleme haben, sind Expert:innen grundsätzlich eher skeptisch. Was das Alter der Patient:innen angeht, so ist es Dr. Bischoff hingegen ein Anliegen, mit einem Vorurteil aufzuräumen: „Als Versorgungsärztin berate ich keineswegs schwerpunktmäßig ein junges Publikum. Die Alten können das genauso gut!“

So wie wir in vielen Lebensbereichen längst völlig selbstverständlich digital unterwegs sind, werden wir es bald auch in der ärztlichen Beratung sein, prophezeien manche. Das E-Rezept, das noch in diesem Jahr kommen soll, könnte hier ein Stück weit beschleunigend wirken: Milde akute Erkrankungen können dann per Video nicht nur diagnostiziert, sondern auch behandelt werden. Das heißt: Patient:innen können sich den Gang in die Praxis ganz sparen.

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Und wie sieht es auf Seiten der Ärzteschaft aus? „Jemanden zur Selbstuntersuchung anzuleiten, braucht Zeit“, gibt Martina Bischoff zu bedenken. Vorurteile abbauen, die Palette der zahlreichen Vorteile ins Bewusstsein holen, gemeinsam aktiv die Transformation gestalten, darum gehe es jetzt.

Wie sicher ist das Verfahren?

Dr. Martina Bischoff, Lehrkoordinatorin und Versorgungsforscherin an der Universitätsklinik Freiburg am Institut für Allgemeinmedizin beruhigt: die Gespräche finden ausschließlich End-zu-End verschlüsselt statt und nur durch zertifizierte Anbieter, die von der KV zugelassen sind. Es gelten auch bei der Videokonsultation die Datenschutzbestimmungen, die Schweigepflicht und Sicherheit in der Datenverarbeitung. Die Anwendung ist in aller Regel auch für technisch wenig Bewanderte kein Hexenwerk. Patientinnen und Patienten benötigen neben dem Internetzugang einen PC, ein Tablet oder Smartphone mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher. Auf den Seiten diverser telemedizinischer Anbieter werden die einzelnen Schritte gut verständlich erklärt. Die KV hat Patienteninformationen verfasst, die für alle Praxen und Patienten nutzbar sind. Niedergelassene Ärzte verschicken vor dem Termin meist Infos zu technischen Voraussetzungen und Ablauf.

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