Die Omikron-Variante des Coronavirus breitet sich weltweit aus und lässt auch die Infektionszahlen in Deutschland rasant noch oben klettern. Doch ein Gutes scheint die Variante zu haben. Sie führt offenbar tendenziell zu einem eher milden Verlauf im Vergleich zur Delta-Variante. Doch was bedeutet „mild“ eigentlich und ist „mild“ immer gleich harmlos?

Das Robert Koch-Institut (RKI) unterscheidet verschiedene Schweregrade von Covid-19. Laut RKI erkranken nur die Menschen schwer, die auch eine schwere Lungenentzündung entwickeln. Die Kriterien dafür sind genau festgelegt: Beim Einatmen normaler Raumluft muss die Sauerstoffsättigung im Blut auf unter 90 bis 94 Prozent fallen. Eine weitere Voraussetzung ist bei Erwachsenen eine Atemfrequenz von mehr als 30 Atemzügen pro Minute. Das bedeutet, dass der Körper versucht, den Sauerstoffmangel auszugleichen. Bei einem milden Verlauf hingegen sind zwar vielfältige Symptome möglich – dazu zählen unter anderem Fieber, Durchfall, Husten, eine verstopfte Nase und Abgeschlagenheit. Allerdings keine Symptome, die auf einen schweren Verlauf hinweisen.

Mittelfristige Folgen für verschiedene Organe

Doch so beruhigend sich ein milder Verlauf anhört, eine neue Studie legt nahe, dass er unter Umständen ungünstige Langzeitfolgen mit sich bringen kann. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher um Raphael Twerenbold, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Das Team um Twerenbold nahm mögliche mittelfristige Folgen für Organe wie Lunge oder Herz nach einem milden bis moderaten Verlauf von Covid-19 näher unter die Lupe. Sie untersuchten im Mittel zehn Monate nach einem positiven Corona-Test mehr als 400 ungeimpfte Probanden, die keine, milde oder höchstens moderat schwere Symptome zum Zeitpunkt der Infektion angaben.

Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe stießen die Wissenschaftler bei den Probanden nach überstandener Infektion auf Anzeichen von mittelfristigen Organschädigungen. Die Teilnehmer hatten ein um etwa drei Prozent verringertes Lungenvolumen. Hinzu kam ein leicht erhöhter Atemwegswiderstand. Die Herzuntersuchungen offenbarten eine durchschnittliche Abnahme der Pumpkraft um ein bis zwei Prozent. Die Nierenfunktion war um etwa zwei Prozent schlechter. Zudem ermittelte man mittels Ultraschalluntersuchung zwei- bis dreifach häufiger Zeichen einer zurückliegenden Venenthrombose. Die gute Nachricht immerhin: Die Struktur und Leistungsfähigkeit des Gehirns zeigte im Vergleich nach einer SARS-CoV-2-Infektion keine Schädigungen. Und die Lebensqualität der Teilnehmer war nicht schlechter.

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Herzpumpkraft nach Infektion schlechter

Wie es zur Schädigung der anderen Organe kommt, wissen die Forscher nicht. Ursache könnte eine direkte Wirkung durch das Virus sein. Aber auch eine überschießende Entzündungsreaktion durch das Immunsystems könnte die Schädigung bedingen. Und es gibt noch andere Fragezeichen. Die Forscher haben größtenteils kleine Veränderungen beobachtet. Sind solche Veränderungen überhaupt klinisch relevant?

„Das hängt sehr davon ab, ob diese Veränderungen auch langfristig über Jahre bestehen bleiben“, sagt Raphael Twerenbold. Falls ja, habe das gesundheitspolitisch schon eine Bedeutung. Eine Verschlechterung der Herzpumpkraft um ein bis zwei Prozent könne langfristig das Risiko einer Herzinsuffizienz erhöhen. „Falls tatsächlich Millionen von Deutschen nach einer Infektion langfristig eine um etwa zwei Prozent schlechtere Herzpumpkraft haben, ist das in etwa so als würden Millionen Deutsche innerhalb kurzer Zeit vier Kilo zunehmen. Und diese auf Dauer nicht mehr verlieren.“ Langfristig könne diese Zunahme aber, obwohl für den Einzelnen wenig bedeutsam, in der Gesamtbevölkerung zu mehr Herzinfarkten führen.

Influenza könnte ähnliche Folgen hervorrufen


 Unklar ist bislang auch, ob die Organveränderungen wirklich alle auf das Konto von Covid-19 gehen. Oder ob sie nicht teilweise auch nach anderen viralen Infektionen wie Influenza auftreten. „Wir schauen jetzt alle wie mit einem Brennglas auf mögliche Folgen von Covid-19“, sagt Twerenbold. „Und wir führen dann leicht negative Organveränderungen nur auf Covid-19 zurück.“

Trotz offener Fragen bestätigt die Studie aus Hamburg, was Ärzte auch im klinischen Alltag beobachten. „Es sind milde Akutverläufe, die oft mit einem zeitlichen Versatz von ein bis zwei Monaten dann in Long-Covid-Symptome übergehen“, sagt Jördis Frommhold, Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie, Notfallmedizin und Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien an der MEDIAN Klinik Heiligendamm. Der Begriff „Long-Covid“ umfasst Symptome, die mehr als vier Wochen nach Beginn einer Erkrankung an Covid-19 fortbestehen oder neu auftreten: Zum Beispiel Müdigkeit, Atembeschwerden, Herzrasen und neurologische Beschwerden.

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Die Infektion ernst nehmen

„Gerade wenn man auch als junger, gesunder Mensch Wochen oder Monate nach einer Corona-Infektion Symptome wie ständige Erschöpfung an sich feststellt, sollte man das ernst nehmen“, so Frommhold. „Das ist nicht alles nur Einbildung.“ Es gebe eben Spätfolgen. Wie viele Menschen nach einer überstandenen Infektion Long-Covid entwickeln, weiß man bislang noch nicht. Die Werte liegen in manchen Studien bei zehn Prozent der Infizierten. Andere Studien gehen sogar von 40 Prozent aus.

Was bedeutet das alles nun für Ungeimpfte und Geimpfte – auch mit Blick auf die Omikron-Variante? „Viele Menschen denken, dass sie sich mit der vermeintlich harmloseren Variante durchseuchen können und es dann hinter sich hätten“, sagt Raphael Twerenbold. Doch auch Omikron mit milderen Verläufen könne möglicherweise zu den Organveränderungen führen, die er und seine Kollegen in ihrer Studie gesehen haben. Ob eine Impfung vor den Veränderungen schützen könnte, weiß Twerenbold nicht. Sein Team hatte ausschließlich ungeimpfte Probanden untersucht.

Geimpfte leiden seltener unter Long-Covid

Auch Jördis Frommhold schließt nicht aus, dass nach einem milden Verlauf einer Infektion mit Omikron Spätfolgen auftreten. Gerade viele ungeimpfte Menschen hätten offenbar noch nicht verstanden, dass es zwischen den beiden Extremen „milder Verlauf“ und „Tod“ noch eine Grauzone gebe: eben Long-Covid. „Und wenn man Long-Covid entwickelt, muss man sich in seinem Leben komplett umorientieren. Man kann oft keinen Sport mehr treiben und nicht mehr arbeiten.“

Eine klare Empfehlung sieht sie daher für die Impfung. „Aus der klinischen Erfahrung wissen wir, dass Long-Covid bei Geimpften deutlich seltener vorkommt.“ Aber auch als Geimpfter sollte man sich nicht in Sicherheit wiegen. „Wir wissen derzeit einfach nicht, ob und wie stark es bei der Omikron-Variante zu Spätfolgen kommen kann."

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