Stellen wir uns eine Familie vor, in der fast alle an Covid-19 erkrankt sind. Sie leben in einer mittelgroßen Wohnung: drei Kinder, zwei davon haben Fieber, der dritte, ein Teenager, übergibt sich, die Mutter verlässt das Bett seit zwei Tagen nur, um auf Toilette zu gehen. Ganz anders sieht es beim Vater aus: Er schwirrt emsig zwischen den Kranken umher, kümmert sich um alle, nachts schläft er im gleichen Bett wie seine Frau. Sie sind ja ohnehin alle in Isolierung oder Quarantäne: Dennoch fühlt er sich unverändert topfit. Zwar war er über viele Tage dem Coronavirus ausgesetzt, doch die täglichen Schnelltests und auch zwei PCR-Tests sind bei ihm alle negativ. Bei ihm scheint SARS-CoV-2 keine Chance zu haben.

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Das klingt unwahrscheinlich, doch es gibt solche Fälle - vereinzelt, aber immer wieder. Was haben diese Menschen, was andere nicht haben? Was macht ihren Körper so widerstandsfähig gegen das Virus?

Forscher weltweit suchen nach Antworten auf diese Fragen. Auf die Aufrufe nach sogenannten diskordanten Paaren – in diesem Fall zwei Menschen, die sich ein Bett teilen, einer ist mit eindeutigen Krankheitszeichen an Covid-19 erkrankt, der andere steckt sich trotz des engen Kontakts nicht an – haben sich vielerorts Paare gemeldet. Nun suchen Wissenschaftler nach Gemeinsamkeiten unter den Covid-Immunen.

Die Gene prägen das eigene Immunsystem

„Natürlich schaut man sich vor allem das Immunsystem an, schließlich spielt es eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, ob man gegen SARS-CoV-2 geschützt ist oder nicht“, sagt Professor Peter Palese vom Fachbereich Mikrobiologie an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Vor allem zwei Bestandteile des Immunsystems sind für die Abwehr gegen das Coronavirus verantwortlich: Die Antikörper gegen SARS-CoV-2 und die sogenannten T-Zellen. Zusätzlich spielt auch die sogenannte unspezifische Immunabwehr, an der unter anderem Botenstoffe namens Interferone beteiligt sind, eine Rolle.

Antikörper gegen SARS-CoV-2 sind gezielt gegen das Coronavirus gerichtet. Sie werden gebildet, wenn der Körper mit dem Erreger Kontakt hatte – oder eine Impfung dagegen erfolgt ist. Die Bildung einer schützenden Menge von passenden Antikörpern gegen einen Keim braucht aber etwas Zeit.

Beim ersten Kontakt mit einem Virus ohne entsprechenden Impfschutz stehen solche Antikörper also erst mit einer gewissen Verzögerung zur Verfügung. Die sogenannte T-Zell-Antwort wird ebenfalls bei einem Erstkontakt mit dem Virus aktiv. Dabei reagieren bestimmte Abwehrzellen, die T-Zellen, auf den Erreger, indem sie befallene Körperzellen zerstören und andere Zellen zur Bekämpfung des Virus aktivieren. „Es gibt tatsächlich Menschen, die haben bereits bei einem Erstkontakt mit dem Virus eine starke T-Zell-Antwort“, sagt Palese. Das werde zu einem großen Teil durch die Gene bestimmt.

Es wurden bereits eine Reihe von Genen gefunden, diemöglicherweise Einfluss auf die Stärke der Immunantwort bei Kontakt mit SARS-CoV-2 haben. Doch wie groß der Einfluss jedes einzelnen Gens ist, bleibt ungewiss. „Es sind einfach zu viele verschiedene Gene beteiligt, übrigens auch an der Immunantwort durch Antikörper. Vermutlich hat man von all den Genen bisher nur einen kleinen Teil identifiziert“, sagt Palese.

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Entsprechend der vielen beteiligten Gene gibt es auch viele verschiedene Ausprägungen der Immunantwort. In der Biologie ähnelt das Spektrum laut Palese einer typischen Normalverteilung: „Bei den meisten Menschen ist die Immunantwort in ihrer Wirksamkeit in etwa ähnlich. Dann gibt es aber auch immer ein paar Menschen, deren Immunantwort besonders schwach ist, und ein paar Menschen, deren Immunantwort besonders stark ist.“

Personen mit einer besonders effizienten Immunantwort schauen sich die Forscher nun also genauer an. Bislang ist es aber enorm schwierig, Möglichkeiten abzuleiten, um etwa bei den „Normalen“ die Immunantwort zu verbessern. Auch, weil das Immunsystem in einem sensiblen Gleichgewicht bleiben muss: Denn auch eine zu starke Abwehrreaktion kann den Körper schädigen.

Keine Infektion durch Kreuzimmunität?

Ein weiterer Faktor, der zu einer - wenn auch nur begrenzten - Immunität gegen SARS-CoV-2 führen könnte, ist eine vorangegangene Ansteckung mit verschiedenen Arten von Erkältungsviren, die ebenfalls zur Familie der Coronaviren gehören und SARS-CoV-2 ähnlich sind. Obwohl diese Viren normalerweise harmlos sind, können sie bei manchen, insbesondere bei jüngeren Menschen – auch hier kommt es wieder auf die individuelle genetische Ausstattung des Immunsystems an – zu einer signifikanten Immunantwort führen. Eine solche Immunantwort wiederum führt dazu, dass schneller Antikörper gegen das Erkältungsvirus gebildet werden.

Und diese Antikörper wirken zumindest zu einem kleinen Teil offenbar auch gegen SARS-CoV-2. So konnten Forscher um die Infektiologin Irene Alma Abela vom Institut für Medizinische Virologie der Universität Zürich zeigen, dass diejenigen Menschen, die eine große Menge an Antikörpern gegen die Corona-Erkältungsviren im Blut haben, ein vergleichsweise geringeres Risiko haben, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Zu ähnlichen Befunden kamen auch andere Forschergruppen. Man spricht bei diesem Phänomen von Kreuzimmunität. Doch auch hier zeigt sich bei genauerer Betrachtung der Studien schnell: Der Effekt dieser Kreuzimmunität scheint eher klein zu sein, zumindest nicht so groß, dass er allein zu einer Immunität gegen das Virus führt.

Haben Alter und Geschlecht einen Einfluss?

Ob Gene oder Kreuzimmunität: Alles deutet darauf hin, dass selbst bei den vermeintlich COVID-Immunen in den allermeisten Fällen nicht ein bestimmter Faktor allein dafür verantwortlich ist, sondern viele Einflüsse zusammenspielen. Deshalb scheint es auch kaum ein „vollständig immun“ zu geben, sondern nur einen sehr hohen Schutz. Bei den Faktoren, die Einfluss auf den Grad des Schutzes haben, spielen auch bekannte Aspekte mit hinein.

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Da ist einmal das Alter: Ein vergleichsweise junges Alter geht mit einem deutlich niedrigeren Risiko für eine schwere SARS-CoV-2-Infektion einher. Das liegt auch daran, dass die spontane Antwort des Immunsystems auf neue Erreger im Laufe des Lebens an Kraft verliert. Das Geschlecht: Männer haben signifikant häufiger schwerere Verläufe. Die Sterblichkeitsrate bei Männern liegt mehr als 50 Prozent höher als bei Frauen. Das liegt möglicherweise daran, dass Frauen im Durchschnitt ein etwas stärkeres und leistungsfähigeres Immunsystem haben als Männer. Eine evolutionäre Erklärung dafür wäre, dass Frauen während einer Schwangerschaft mit ihrem Immunsystem auch das ungeborene Kind schützen müssen. Auch wenn dies ihr Risiko für Autoimmunerkrankungen steigert – im Falle von Covid-19 kommt es ihnen möglicherweise zugute.

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Welche Rolle spielt die Blutgruppe?

Schon 2020 tauchten erstmals Vermutungen auf, dass das Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2 und auch für einen schweren Verlauf bei bestimmten Blutgruppen erhöht oder verringert sein könnte.

Tatsächlich haben Wissenschaftler immer wieder Hinweise darauf gefunden. So haben etwa deutsche Forscher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe aus Norwegen in 5000 Blutproben von Infizierten die Varianten der Blutgruppengene bestimmt. Und es zeigte sich: Ein überdurchschnittlicher Anteil der Coronakranken – teilweise waren es 10 Prozent mehr als zu erwarten – hatte die Blutgruppe A, und ein unterdurchschnittlicher Anteil hatte die Blutgruppe 0. Die Forscher errechneten daraus, dass man mit Blutgruppe 0 womöglich einen leicht erhöhten Schutz vor einer Infektion haben könnte – und dass Menschen mit der Blutgruppe A womöglich etwas anfälliger sind gegenüber SARS-CoV-2.

Es gibt einige Studien, die diese Beobachtung bestätigen – es gibt aber auch Studien, die keinen Einfluss der Blutgruppe auf die Anfälligkeit gegenüber einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 gefunden haben. Eine im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie kam zum Beispiel zu dem Ergebnis, dass bei Blutgruppe A das Risiko für einen schweren Verlauf niedriger sein könnte als bei anderen Blutgruppen. Eine französische Studie wiederum zeigte, dass man sich möglicherweise weniger leicht bei Personen ansteckt, deren Blutgruppe nicht zur eigenen passt.

Noch kann aus wissenschaftlicher Perspektive keine eindeutige Aussage über den Einfluss der Blutgruppe auf die Anfälligkeit gegenüber Ansteckungen und schweren Verläufen mit SARS-CoV-2 getroffen werden. Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang – doch wenn, dann scheint ihr Einfluss eher gering zu sein.

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Die Impfung als Schritt Richtung Immunität

Und dann ist da noch die Impfung. Zwar hat sich besonders bei der Omikron-Variante von SARS-CoV-2 gezeigt: Eine Impfung schützt nur begrenzt vor einer Infektion, selbst viele Geboosterte haben sich in letzter Zeit angesteckt. Aber es konnte auch nachgewiesen werden, dass eine Impfung das Risiko einer Infektion eben doch ein Stück weit senkt.

Das bedeutet nichts anderes, als dass die Impfung den Körper einen Schritt in Richtung Immunität rückt. Dieser Effekt betrifft im Grunde alle: Diejenigen, deren Immunsystem ohnehin recht gut gegen SARS-CoV-2 reagiert, bekommen einen noch robusteren Schutz. Diejenigen, deren Immunsystem wenig gegen SARS-CoV-2 reagiert, sind durch eine Impfung besser geschützt. Und, das dürfte für alle Gruppen entscheidend sein: „Wenn es doch zu einer Infektion kommt, dann senkt eine Impfung signifikant das Risiko eines schweren Verlaufs“, sagt Palese.

Kann man aktiv etwas für die Immunität tun?

Für den Einzelnen bedeutet jede Veränderung eines der genannten Faktoren in Richtung Verstärkung der Immunität einen besseren Schutz. Doch Aspekte wie die genetische Grundlage des Immunsystems oder das Geschlecht lassen sich nicht einfach verändern. In zwei Bereichen kann man jedoch aktiv etwas tun. Erstens den Impfempfehlungen folgen. Zweitens lässt sich die Viruslast bei Erstkontakt in vielen Fällen reduzieren, indem man einen Mund-Nasen-Schutz verwendet. Mit anderen Worten: Weiter eher etwas vorsichtiger zu ein, führt dazu, dass die Wahrscheinlichkeit sinkt, sich mit dem Virus zu infizieren.

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Quellen:

  • Franke, A.: Genomewide Association Study of Severe Covid-19 with Respiratory Failure. The New England Journal of Medicine: https://www.nejm.org/... (Abgerufen am 25.04.2022)
  • Zietz M, Zucker J, Tatonetti N P: Associations between blood type and COVID-19 infection, intubation, and death. Nature Communications: https://www.nature.com/... (Abgerufen am 25.04.2022)
  • Boukhari R, Breiman A, Jazat J et al.: ABO Blood Group Incompatibility Protects Against SARS-CoV-2 Transmission. Frontiers in Microbiology: https://www.frontiersin.org/... (Abgerufen am 25.04.2022)