Die schlimmsten Nachrichten, die Christian Lübbers bisher erhalten hat, waren die Morddrohungen: „Einer hat mir kürzlich geschrieben ‚Eure Leichen wird man auf Feldern verteilen’“, so Lübbers. „Aber ich hatte schon öfter strafrechtlich Relevantes im Mail-Postfach: von Beleidigung über versuchte Nötigung, Drohung, übler Nachrede bis hin zur Volksverhetzung war schon alles dabei.“

Lübbers ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Weilheim, Oberbayern – und er impft gegen Covid und klärt in den sozialen Medien über die Gefahren des Coronavirus auf. Solche Drohungen ist Lübbers seit längerem gewohnt. „Ich habe bereits mehr als 100 solcher Nachrichten bekommen“, sagt er. „Und auch viele negative Bewertungen auf Google von Impfgegnern, die niemals meine Praxis betreten haben.“

BKA warnt vor Impfgegnern und Corona-Leugnern

Lübbers ist nicht der einzige Arzt, der solchen Attacken ausgesetzt ist. In den vergangenen Monaten berichteten Mediziner immer wieder, Opfer von Hassnachrichten und Drohungen geworden zu sein. Urheber sind meist Impfgegner oder sogenannte Corona-Leugner. So schreibt die Ärztekammer Berlin auf Anfrage der Apotheken Umschau, dass Ärztinnen und Ärzte in Berlin „zunehmend von Anfeindungen sowie Androhungen von physischer Gewalt bis hin zu Morddrohungen“ berichten, die sie aufgrund ihrer Impftätigkeit oder bei der Durchsetzung der Infektionsschutzmaßnahmen in ihren Praxen erfahren. „So wird zum Beispiel auf die Bitte von medizinischem Personal die Corona-Regelungen einzuhalten, wie eine medizinische Schutzmaske zu tragen, mit Aggressionen oder Tätlichkeiten reagiert“, so ein Sprecher der Ärztekammer Berlin. „Einige Ärzt:innen erhalten zudem Drohbriefe und/oder werden in den sozialen Medien beschimpft.“

Auch das Bundeskriminalamt schätzte im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung im November Impfgegner und Corona-Leugner als „relevantes Risiko“ im Zusammenhang mit Angriffen auf Impfzentren oder Arztpraxen ein. So bestehe für das Personal die Gefahr von „verbalen Anfeindungen bis hin zu Straftaten“ wie Körperverletzung. Wie viele Ärztinnen und Ärzte betroffen sind, wird bisher aber noch nicht erfasst.

Hass trifft auch Mitarbeiter

Solche Attacken verbreiten nicht nur Angst und Unsicherheit, sondern können auch die Arzt-Patient-Beziehung nachhaltig gefährden, wie die Bundesärztekammer (BÄK) auf Anfrage der Apotheken Umschau schreibt. Die Ärztevertretung weist zudem darauf hin, dass der Hass sich nicht nur gegen impfende Ärztinnen und Ärzte richte: „Für viele Mitarbeitende im Gesundheitswesen gehört es zunehmend zum beruflichen Alltag, dass ihnen Aggressivität entgegenschlägt – etwa, wenn sie Patientinnen und Patienten darauf hinweisen, die Corona-Regeln einzuhalten, oder sie nach ihrem Impfstatus befragen“, so ein Sprecher der BÄK.

HNO-Arzt Lübbers verweist beispielsweise darauf, dass seine Praxismitarbeiter meist die ersten sind, die der Hass trifft: „Die öffnen die Mails und nehmen Anrufe entgegen“, so Lübbers. „Manchmal ruft auch jemand in der Praxis an, beschimpft meine Mitarbeiterinnen und legt auf.“

Apothekerinnen und Apotheker haben ebenfalls von Drohungen berichtet, wie auch die ABDA – die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – auf Anfrage der Apotheken Umschau bestätigt. In diesen Fällen war der Anlass gefälschte Impfpässe, die Kunden vorgelegt und Apotheker erkannt hatten. Mehr zum Thema lesen Sie hier.

Corona-Leugner treffen sich im Netz

Was die Urheber der Hassbotschaften antreibt, weiß Pia Lamberty. Sie erklärt, dass viele Impfgegner und Corona-Leugner hinter den Impfungen „Giftspritzen“ vermuten, mit der die Bevölkerung reduziert werden soll. „Es wird behauptet, Ärzte seien von der Regierung bezahlt und hätten kein Gewissen, weil sie diese angeblichen Giftspritzen verabreichen“, so Lamberty. „Aggression und Gewalt sind die Konsequenz von so einem Weltbild“

Lamberty ist Sozialpsychologin und Geschäftsführerin von CeMAS (Center für Monitoring, Analyse und Strategie). Die Denkfabrik beschäftigt sich unter anderem mit Verschwörungsideologien und Desinformation. Sie erklärt, dass solche Attacken vor allem das Ziel haben, die Betroffenen um Schweigen zu bringen – damit sie beispielsweise Impfungen einstellen.

Laut der Psychologin habe es schon vor der Pandemie radikale Impfgegner gegeben. Die hätten sich aber meist im echten Leben getroffen. Durch Corona und das teilweise Ende des öffentlichen Lebens seien aber mehr Netzwerke im Internet entstanden – beispielsweise auf Telegram. „Es gibt Telegram-Gruppen, wo man nur darüber spricht, wer alles an Impfungen gestorben ist – natürlich ohne Belege“, sagt Lamberty. „Hier bekräftigen sich die Leute in ihrem Denken, bis manche glauben, sie seien Widerstandskämpfer gegen eine angebliche Verschwörung von oben.“

Bei Telegram handelt es sich um einen Messenging-Dienst ähnlich WhatsApp: Nutzer können hier Nachrichten, Bilder, Videos oder andere Dateien austauschen. Eine Besonderheit des Dienstes: Nutzer können Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern gründen, oder sogenannte Kanäle mit einer unbegrenzten Zahl an Mitlesenden. Telegram gilt unter Verschwörungserzählern wie Corona-Leugnern darum als gute Plattform zum Austausch – vor allem, da die Telegram-Gründer kaum gegen solche Aktivitäten vorgehen. Gruppen mit Impfgegener bestehen nicht selten aus mehreren tausend oder mehren zehntausend Teilnehmern.

250 Mordaufrufe auf Telegram

Wie ernst die Lage auf Telegram ist, zeigt auch ein Bericht des Medienangebots funk vom Januar: Der zuständige Reporter hatte 230 Kanäle, die rechtsextremen und Querdenker-Kreisen zugeordnet werden, untersucht. Das Ergebnis: Seit Mitte November fand der Reporter in 33 solcher Kanäle mehr als 250 Tötungsaufrufe. Die richteten sich vor allem gegen Politiker, Wissenschaftler, Ärzte, Polizisten, oder Journalisten. Widerspruch gab es da kaum.

Der Politikwissenschaftler Joseph Holnburger von CeMAS warnte im Gespräch mit funk vor dem Gewaltpotential solcher Gruppen: „Menschen mit einem verschwörungsideologischen Weltbild sind eher gewillt, Gewalt einzusetzen – das wissen wir aus der bisherigen Forschung dazu, und zwar schon seit einigen Jahren“, so Holnburger.

Auch Sozialpsychologin Lamberty mahnt vor möglichen Gefahren: „Man sieht schon auf den aktuellen Protesten, dass die Stimmung aufgeheizter ist, als bei den Großdemos vergangenes Jahr“, so Lamberty mit Verweis auf die sogenannten, aktuell stattfindenden „Spaziergänge“. Bei den regelmäßigen Veranstaltungen finden sich – nach deren eigenen Aussagen – Kritiker der möglicherweise kommenden Impfflicht und der Corona-Maßnahmen zusammen. Darunter sind aber auch Impfgegner, Corona-Leugner, Querdenker oder Rechtsextreme, wie Medienberichte zeigen. „Ich befürchte, dass irgendwann eine Person sich bemüßigt fühlt, gewaltvoll gegen die angebliche Verschwörung vorzugehen“, sagt Lamberty. „Und, dass es das zu stärkerer körperlicher Gewalt kommen könnte.“

Das es tatsächlich nicht immer bei Drohungen bleibt, zeigt ein Bericht der Bundesärztekammer (BÄK) von Ende Dezember 2021. Darin schreibt die BÄK mit Berufung auf die Sächsische Landesärztekammer, dass es auch „Morddrohungen gegen Mitglieder der Sächsischen Impfkommission und Sachbeschädigungen an Arztpraxen, die sich am Impfen beteiligen“ gegeben habe. Und im September 2021 meldeten Medien einen versuchten Brandanschlag auf ein Impfzentrum in Sachsen. Auch Attacken gegen mobile Impfteams hat es bereits gegeben.

Drohungen und Beleidigungen ernstnehmen

Lamberty betont darum, dass Betroffene Drohungen oder Beleidigungen ernstnehmen sollten – gleich, ob sie in der realen Welt oder im Internet stattfinden. „Viele Menschen glauben, dass Hetze im Internet nicht so schlimm sei, denn es ist ja nicht die reale Welt“, sagt Lamberty. „Für die Opfer ist das aber real – es macht ihnen Angst und ist psychisch belastend. Denn man weiß nicht: Sagt die Person das nur so, oder steht sie bald wirklich vor meiner Tür?“

Die Sozialpsychologin rät Betroffenen, solche Angriffe anzuzeigen. „Dadurch kann man auch etwas Kontrolle zurückgewinnen und den Angreifern zeigen, dass eben nicht alles geht“ sagt Lamberty. „Denn auch bei einer Beleidigung ist nicht jemand unhöflich: Da begeht jemand eine Straftat.“

Tatsächlich können Verbreitern von Hassbotschaften bis zu zwei Jahre Gefängnis drohen: Die Große Koalition hatte 2019 ein entsprechendes Gesetz erlassen. Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch HNO-Arzt Lübbers geht regelmäßig gegen Drohungen und Beleidigungen vor. Derzeit verbringt der Arzt mindestens zwei Stunden wöchentlich mit Beweissicherung und dem Gang zur Polizei, wie er erzählt. Das sei zwar zeitintensiv, und bisher gab es noch keine Urteile, laut Lübbers kann sich die Arbeit aber lohnen: „Es ist befreiend, wenn man diese Hass-Botschaften zur Anzeige gebracht hat und man sich nun nicht mehr selbst darum kümmern muss“, so der Arzt. „Dies tut einem selbst und auch der Seele gut.“

Wohin sich Betroffene wenden können

Lübbers rät Betroffenen, eilig zu handeln und Beweise so schnell wie möglich zu sichern und an die Polizei weiterzuleiten. Denn nur so kann die Polizei entsprechende Daten anfordern und die Täter ausmachen. Wer Hilfe bei einer Anzeige braucht, kann sich an unter anderem an Opferberatungsstellen wenden, wie Psychologin Lamberty erklärt. So eine Beratungsstelle ist beispielsweise HateAid. Die unterstützt Opfer von Hass und Hetze im Netz und bietet in geeigneten Fällen eine Prozesskostenfinanzierung.

So haben sich tatsächlich bereits Ärzte bei HateAid gemeldet, wie Betroffenenberaterin Claudia Otte von HateAid auf Anfrage der Apotheken Umschau schreibt. Auch hier war der Grund unter anderem die Covid-Impfungen. „Die Betroffenen berichteten von unzähligen Telefonanrufen sowie verbalen Angriffen von einzelnen Personen, zum Teil auch Patient:innen, in der Praxis“, sagt Otte. „Digital äußerte sich der Hass unter anderem mit hunderten negativen Google-Rezensionen, Drohmails, Kommentaren und Privatnachrichten auf weiteren Social-Media-Plattformen wie Facebook. In einem Fall wurde explizit ein offener Kanal auf der Plattform Telegram genutzt, um zu tätlichen Angriffen gegen einen Arzt aufzurufen.“

Otte rät Betroffenen unter anderem, sich an Menschen in ihrem Umfeld zu wenden und über die Geschehnisse zu sprechen. „Gut ist auch, seine Social-Media-Konten erstmal von einer Person des Vertrauens betreuen zu lassen, die Beweise sichert“, so Otte. „Lesen Sie sich auf keinen Fall alles durch, sondern suchen Sie Abstand.“

Psychologin Lamberty sagt Ähnliches und fügt hinzu, dass Betroffene Attacken nicht zu persönlich nehmen sollten: „Bei Shitstorms geht es nicht um einen als Person, man ist Stellvertreter für den Hass“, so die Psychologin. „So schlimm es auch ist: Das nimmt in der Regel auch wieder ab.“

Was Nutzer tun können

Wer nicht selbst von Hass und Drohungen betroffen ist, kann ebenfalls helfen. Experten raten bei der Aufklärung zu der Methode des sogenannten Faktensandwich: Wenn jemand Falschinformationen verbreiten, solllten Sie zuerst die Fakten nennen und erst danach über die Desinformation sprechen. Beenden Sie das Gespräch wieder mit der Richtigstellung. Der Grund: Wiederholungen machen Informationen für Menschen vertrauter. Sie werden so als wahrheitsgetreuer empfunden.

Und wer beispielsweise einen Bekannten hat, der Morddrohungen verschickt, sollte ihn zur Rede stellen: „Konfrontieren Sie das Unrechtsbewusstsein dieser Person“, sagt Psychologin Lamberty. Im schlimmsten Fall sollte man überlegen, das Ganze der Polizei zu melden.

Zudem können Nutzer bei Hass-Postings im Internet – beispielsweise auf einer Social-Media-Seite eines Arztes oder bei unnötig negativen Bewertungen auf Google – die Beiträge der Plattform melden. Alle großen Anbieter wie Facebook, Twitter oder Google bieten solche Funktionen. Lamberty verweist auch auf die Plattform „Hassmelden.de.“. Hier können Nutzer Links zu Hass-Beiträgen teilen – die Plattform prüft das Ganze, sichert Beweise und zeigt den Beitrag an, falls er strafrechtlich relevant ist.

Und was sowieso jeder im Alltag tun kann, um Betroffene zu untersützen: „Zeigen Sie einfach allen Menschen, die den Laden am Laufen halten, mehr Wertschätzung – egal ob Arzt, Apotheker oder Kassierer im Supermarkt“, sagt Lamberty. „Die alle können Opfer von Hass sein und da hilft es sehr zu verdeutlichen, dass nicht alle mit so was einverstanden sind.“

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