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Broken-Heart-Syndrom: Wenn Herzen brechen

Das Herz kann tatsächlich vor Kummer erkranken. Das äußert sich unter Umständen wie ein Herzinfarkt, ist aber keiner. Nun ­haben sich Experten auf Therapie-Empfehlungen geeinigt

von Dr. Stefanie Reinberger, aktualisiert am 02.08.2019
Gebrochenes Herz: Emotionaler Stress kann sich auf die Pumpleistung des Herzens auswirken. Die Symptome gleichen einem Herzinfarkt, doch im Vergleich dazu tritt das Broken-Heart-Syndrom selten auf

Gebrochenes Herz: Emotionaler Stress kann sich auf die Pumpleistung des Herzens auswirken. Die Symptome gleichen einem Herzinfarkt, doch im Vergleich dazu tritt das Broken-Heart-Syndrom selten auf


Aus Trauer um ihren geliebten Tristan erleidet Isolde in der mittelalter­lichen Legende den plötzlichen Herztod. In Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" verstirbt das Mädchen Mignon an Herze­leid. Auch der Volksmund kennt das gebrochene Herz. Doch erst seit Beginn der 1990er-Jahre ist medizinisch anerkannt: Unser Pumporgan kann vor Kummer erkranken.

Wie es zum sogenannten Broken-Heart-Syndrom kommt, ist längst nicht vollständig geklärt. Doch es gibt neue Erkenntnisse zu den Ursachen. Und im vergangenen Jahr veröffentlichte erstmals ein internationales Expertenteam Empfehlungen zu Dia­gnose und Behandlung.

Vom Stress gelähmt

Natürlich reißt der Herzmuskel normalerweise nicht wirklich entzwei. Doch als Folge von massivem emo­tionalen Stress – in manchen Fällen auch eines überwältigenden positiven Erlebnisses – kann die Pumpleistung akut nachlassen. Im Extremfall führt das zu einem kardiogenen Schock: Der Blutdruck fällt ab, der Körper wird nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Gut fünf Prozent der Patienten sterben, wie die Daten eines großen Registers zeigen.

Prof. Dr. med. Henning Baberg

Verglichen mit anderen Herzleiden tritt das Broken-Heart-Syndrom selten auf. Experten schätzen, dass rund zwei Prozent aller Patienten, die mit Verdacht auf Herzinfarkt in ein Krankenhaus kommen, betroffen sind. Frauen erkranken weit häufiger als Männer, insbesondere nach den Wechseljahren. Warum, ist ein Rätsel.

Professor Henning Baberg, ärztlicher Direktor und Chefarzt der Kardiologie und Nephrologie des Helios-Klinikums Berlin-Buch, möchte jedoch keinesfalls von einer typisch weiblichen Herzerkrankung sprechen: "Die Gefahr wäre zu groß, das Krankheitsbild bei einem Mann zu übersehen."

Atemnot, Engegefühl, Schmerzen

Ohnehin ist das Broken-Heart-Syndrom nicht leicht zu erkennen. Die Symptome ähneln stark denen eines Infarkts: Atemnot, Engegefühl in der Brust, teils massive Schmerzen. Oftmals sinkt der Blutdruck, das Herz rast, den Patienten bricht der Schweiß aus, sie leiden unter Übelkeit und Erbrechen.

Auch die Aufzeichnungen des EKGs ähneln oft denjenigen von Infarktpatienten, bei denen ein Herzkranzgefäß verschlossen ist. "Ich erinnere mich gut an meine Zeit als junger Assistenzarzt", erzählt Baberg. "Da gab es Patienten, die alle Anzeichen eines Infarkts hatten – aber keinerlei Auffälligkeiten an den Herzkranzgefäßen."

Diese Stoffe wirken sich direkt auf die Herzaktivität aus. Steigt der Spiegel der Stresshormone stark an, sind die Herz­­muskelzellen möglicherweise überfordert und quittieren den Dienst. Das "gebrochene" Herz wird deshalb mit Medikamenten beruhigt. Ärzte setzen hierfür verschiedene Wirkstoffe ein.

Herz und Kopf - Ein Zusammenhang

Doch warum erleiden nur wenige emotional belastete Menschen ein Broken-Heart-Syndrom? Wissenschaftler vom Universitätsspital Zürich veröffentlichten kürzlich eine mögliche Antwort. "Wir haben beobachtet, dass im Gehirn von Takotsubo-Patienten bestimmte Bereiche schlechter miteinander kommunizieren", sagt Dr. Jelena Templin-Ghadri.

Die Forscher hatten ihr Augenmerk auf Regionen gelegt, die wichtig sind, um Gefühle zu verarbeiten, und solche, die unbewusste Körperfunktionen steuern – etwa den Herzschlag. "Damit haben wir einen ersten Hinweis gefunden, auf welchem Weg sich überwältigende Gefühle tatsächlich direkt auf die Herzfunktion auswirken können", sagt Templin-Ghadri.

Herz im Stress: Anzeichen, Ursachen, Diagnose, Therapie

Erst in den 1990er-Jahren erkannten japanische Forscher, dass bei einigen dieser Patienten der Herzmuskel teilweise gelähmt ist. Das betrifft meist die linke Herzkammer, die sich aufblähen kann wie ein Ballon. Die Wissenschaftler fühlten sich an eine landestypische Krakenfalle aus Ton erinnert, Tako­tsubo genannt. Das brachte der Krankheit ihren fachlichen Namen ein: Takotsubo-Syndrom.

Arzneien gegen gebrochene Herzen

Auf die Ausbeulung können sich Ärzte bei der Diagnose allerdings nicht verlassen, nicht immer ist sie zu sehen. "Wir gehen daher nach dem Ausschlussprinzip vor", so Baberg. "Wenn ein Patient mit den entsprechenden Symptomen keinen Herzinfarkt hat, müssen wir das Takotsubo-Syndrom in Betracht ziehen."

Wie es zur Lähmung des Herzmuskels kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Eine Forschergruppe aus Göttingen hat festgestellt: Es gibt eine genetische Veranlagung dafür. Außerdem weiß man heute: Die Herzmuskelzellen Betroffener reagieren bis zu sechsmal empfindlicher auf Stresshormone, sogenannte Katecholamine.

Broken-Heart-Syndrom

Die Kardiologin ist Mitglied eines internationalen Expertenteams, das im vergangenen Jahr erstmals Empfehlungen zur Therapie des Takotsu­bo-Syndroms herausgab. "Darin betonen wir, wie wichtig es ist zu prüfen, welche erschütternden oder freudigen Ereignisse möglicherweise das Herz der Patienten in Mitleidenschaft gezogen haben", sagt Templin-Ghadri. Es sei sinnvoll, die Betroffenen psychotherapeutisch zu begleiten, um Rückfälle zu vermeiden.

Ähnlich gefährlich wie ein Herzinfarkt

Ein erneutes Auftreten sei durchaus nicht selten, betont die Expertin. Außerdem könne es zu Komplikationen wie Blutgerinnseln in der Herzkammer oder zu Herzrhythmusstörungen kommen. Daher müssten die Patienten gut überwacht werden, gegebenenfalls auch über einen längeren Zeitraum. "Das ist für mich die wichtigste Empfehlung des Expertenteams", bestätigt der Berliner Kardiologe Baberg.

In der Vergangenheit habe man das Takotsubo-Syndrom unterschätzt. Sein dringender Rat an Betroffene: "Wenn Sie Symptome wie Brustschmerzen und Atemnot haben, unbedingt 112 wählen!" Denn ein Herzproblem aus Kummer ist nicht weniger gefährlich als ein Infarkt.