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Trautes Heim: So fühlt man sich zuhause wohl

Wie wir wohnen, beeinflusst das psychische Wohlbefinden. Oft genügen kleine Veränderungen, um sich besser zu fühlen

von Ute Essig, 11.04.2020
Trautes Heim, Glück allein: 42 Prozent schätzen die eigenen vier Wände als wertvollen Rückzugsort

Heim für die Seele: 42 Prozent schätzen die eigenen vier Wände als wertvollen Rückzugsort


Zwei Zimmer, Küche, Bad oder ein großzügiges Landhaus mit Garten? Kaufen oder mieten? Neu- oder Altbau? Egal für welches Wohnmodell Sie sich entscheiden, im eigenen Zuhause suchen die Menschen alle dasselbe: Geborgenheit, Selbstbestimmtheit und Sicherheit, wie eine Umfrage zeigt.

Für 42 Prozent ist ihre Wohnung demnach in erster Linie ein Rückzugsort. "Mein Zuhause muss meine Sinne berühren. Mich mit offenen Armen empfangen und mich zur Ruhe kommen lassen", sagt Katrin Täubig, Inneneinrichterin aus Hamburg. Wenn sie ein Haus betritt, sind der Expertin angenehme Eindrücke besonders wichtig. Viel Licht, weiche Materialien, helle Farben, klare Strukturen. Das erinnere sie an ihre Heimat an der Ostsee.

Räumlichkeiten ihrer Funktion anpassen

Wo sich jemand wohlfühlt, ist immer auch individuell. Wohnexperten sind sich aber einig, dass ein Raum dann besonders harmonisch wirkt, wenn seine Gestaltung auf seine Funk­tion abgestimmt ist. "Grundriss, Möbel, Farben und Leuchten können das unterstreichen", sagt Täubig.

Ein Wohn-Ess-Bereich für gesellige Abende mit Freunden etwa sollte so eingerichtet sein, dass alle Laufwege einen weichen Fluss ermöglichen, ohne spitze Ecken und Kanten. Eine grellrot gestrichene Wand im Schlafzimmer lässt einen nicht wirklich Entspannung finden. Täubig schlägt eher gedämpfte und kühle Farben vor. "Zum Beispiel graublau oder Sand. Keine lauten Farben, sondern Töne, die einen zur Ruhe kommen lassen."

Raumgestaltung - Eine Wissenschaft für sich

Seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesem Gebiet existieren allerdings kaum. Die Wohnpsychologie ist eine relativ junge Disziplin. In Deutschland gibt es keine standardisierte Ausbildung. Meist sind Innenarchitekten oder Psychologen mit entsprechender Weiterbildung auf diesem Feld tätig. Die Architekturpsychologie erforscht dagegen weniger private Wohnbedürfnisse als die Wirkung von öffentlichen Gebäuden und ihren räumlichen Strukturen.

Eine entsprechende Professur gibt es hierzulande aktuell nur in München. Mit der im Oktober vorigen Jahres gegründeten Fachgesellschaft für Architekturpsychologie will die Vorstandsvorsitzende Professorin Tanja Vollmer von der Technischen Universität München den Weg für Nachwuchs bahnen und das Bewusstsein für die Bedeutung der eigenen Lebensumgebung stärken. Die erste Jahrestagung findet am 3. April 2020 in Weimar statt.

Spiegel der Persönlichkeit

Wie Katrin Täubig suchen die meisten Menschen in ihrem Umfeld ein Stück Heimat – und ihre Wurzeln. Die amerikanische Professorin Clare Cooper Marcus sagt, dass unsere Kindheitserfahrungen prägen, welche Art von Zuhause wir später bevorzugen. Vor allem die ersten Lebensjahre spielen demnach eine große Rolle dafür, wo sich jemand wohlfühlt.

Kinder zum Beispiel, die auf dem Land aufwachsen, werten als Erwachsene eine natürliche Umgebung besonders positiv. Das Versteckspiel in der dichten Hecke und das stetige Quaken der Frösche hinterlassen Spuren im Unbewussten. In einem Haus oder einer Wohnung ohne Garten werden sich diese Personen möglicherweise nie richtig zu Hause fühlen. In einem ihrer Bücher bezeichnet Cooper Marcus ein Haus denn auch als "Spiegel des Selbst".

Räumlichkeiten wirken auf die Stimmung

Doch ein Raum ist nicht nur Symbol und Spiegel der Persönlichkeit oder der momentanen Stimmung. "Beides beeinflusst sich gegenseitig. Fühlbar und messbar", sagt Tanja Vollmer. Die Architekturpsychologin nennt ein Beispiel: "Sicher kennen Sie den Ausspruch ‚Mir fällt die Decke auf den Kopf‘."

Das dürfte den wenigsten Menschen schon passiert sein. Dennoch wissen wir alle, was damit gemeint ist: Eine negative Grundstimmung schärft die Wahrnehmung, sodass wir deshalb einen eher niedrigen Raum plötzlich als sehr bedrückend empfinden – was wiederum die ­negative Stimmung noch verstärkt. Ein Teufelskreis.

Heilsame Umgebung

Vollmer vermutet, dass Menschen, deren Wahrnehmung krankheitsbedingt verändert ist, dies noch viel stärker erleben. Dass ihr Angst- und Stressniveau in unfreundlicher Raumumgebung mit langen Fluren und dunklen Ecken steigt.

Mit ihrer wissenschaft­lichen Arbeit will die Expertin erreichen, dass die ­Architektur zum Beispiel in onkologischen Kliniken dazu beiträgt, "die Betroffenen zu entstressen und damit die Verträglichkeit der Therapien und das Wohlbefinden der Patienten zu erhöhen". Doch wie können Räume aussehen, die Ängste nehmen und Schmerzen reduzieren sollen? Wie lässt sich eine heilsame Umgebung schaffen?

Der Anti-Warteraum

Seit 2017 führen Vollmer und ihre Mitarbeiter am Comprehensive Cancer Center der Charité Universitätsmedizin in Berlin ein Pilotprojekt durch, das Antworten auf diese Fragen sucht. Mit dabei sind Experten unterschiedlichster Disziplinen – neben Architekten auch Vertreter aus Medizin und Pflege.

Für die Universitätskinderklinik in Freiburg entwickelten Vollmer und ihr Team ein Konzept, das aktuell bereits in die Praxis umgesetzt wird: den sogenannten Anti-Warteraum. Die neue Ambulanz der Kinder- und Jugendklinik wird so gebaut, dass sie die kleinen Patienten und ihre Eltern aktiv dabei unterstützt, Ängste ­abzubauen.

Luftig, offen und transparent soll das Angebot sein. Kinder bis 16 Jahre finden eine riesige Spielfläche inklusive Herzenssache-Wald. Er wurde von der Architektin Gemma Koppen entworfen. Darin wachsen zum Beispiel ein Flüster-, ein Traum- und ein Wunschbaum, die sich die Sorgen und Wünsche der Kleinen anhören. Die Eltern können sich in der Zwischenzeit bei einem Kaffee austauschen oder an eigens eingerichteten Arbeitsplätzen E-Mails checken und am Computer arbeiten.

Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter fördern

Ähnliche Projekte existieren für die Berufsumgebung. Im Symposium "Menschen in Räumen" des Fraunhofer Instituts für Bauphysik in Stuttgart etwa gingen Wissenschaftler vor Kurzem der Frage nach, welche Umgebung die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden von Arbeitnehmern fördern kann.

Arbeits- und Organisationspsychologen erläuterten, wie Wegeverbindungen, Raumgrößen und Rückzugs­möglichkeiten das Stressrisiko und das psychische Wohlbefinden von Büroarbeitern beeinflussen. Eine besondere Rolle spiele das Licht: "Höhere Beleuchtungsstärken steigern die Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung", heißt es in einem der Vorträge.

Aufräumen kann helfen

Auch im privaten Bereich genügen oft schon kleine Veränderungen, um sich in den eigenen vier Wänden wohler zu fühlen. Liegen viele Gegenstände herum, bindet das den Blick – und nach der Auffassung von Katrin Täubig letztlich auch die Energie des Betrachters.

"Aufräumen und Ausmisten schafft ein ruhigeres Gesamterscheinungsbild." Ein weiterer Tipp der Experten: Zonen für die individuellen Wohnbedürfnisse schaffen, beispielsweise eine Leseecke mit ­einem bequemen Sessel und einer Stehleuchte.

Spiel mit der Optik

Manchmal kann es auch helfen, die Funktion von Räumen zu tauschen. Aus dem Arbeitszimmer in Ostlage etwa ein Schlafzimmer zu machen, in dem einen künftig die Morgensonne aus den Federn kitzelt. Bei baulichen Schwächen lässt sich ebenfalls tricksen.

Zum Beispiel bei dem berühmt-berüchtigten "Hamburger Knochen", dem Täubig immer wieder begegnet. Gemeint ist der lange, schmale Altbauflur. Täubig rät, die Wand am "Ende des Tunnels" in einer dunklen, warmen Farbe zu streichen, um sie optisch heranzuholen. Die einzelnen Wohnbereiche wirken dadurch weniger auseinandergezerrt.

Beim Einrichten der eigenen vier Wände auch an Schadstoffe denken, die aus Teppichen und neuen Möbeln dünsten können. Infos zum gesünderern Wohnen online unter www.apotheken-umschau.de/wohnen


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