{{suggest}}


Ausmisten: Frühjahrsputz beginnt im Kopf

Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen sorgen für viel Zeit daheim. Da nervt eine vollgestellte Wohnung besonders. Haben Sie auch das Gefühl, dass Sie Ballast abwerfen müssen? Dann nichts wie los mit Ausmisten!

von Claudia Doyle, 10.04.2020
Tief Atmen Luftholen Einatmen

Endlich frei: Der Frühjahrsputz macht nicht nur die eigenen vier Wände wohnlicher, sondern auch die Seele leichter


Maja Dvorak hat zum Beruf gemacht, wovor viele sich drücken. Die Münchnerin ist professioneller Aufräumcoach. Gemeinsam mit ihren Kunden entrümpelt sie zugestellte Keller, sortiert Papierstapel, fischt Lieblingsteile aus dem übervollen Kleiderschrank. "Bei meinen Klienten kommen viele Erinnerungen hoch. Der Prozess ist oft emotional, manchmal fließen Tränen."

Platz für das eigene Leben schaffen

Besonders schwer fällt es vielen zum Beispiel, sich von alter Sportausrüstung zu trennen. Die Skier, die im Keller verstauben, sind mit der Hoffnung verknüpft, sich eines Tages wieder auf die Piste zu schwingen. Am Schachspiel wiederum hängt man wegen des verstorbenen Vaters. Ihm war man, ins Spiel versunken, doch einst so nah. Die Gegenstände erinnern an eine Vergangenheit, die man nicht loslassen möchte.

Dvorak fragt dann: "Was gehört jetzt zu Ihrem Leben? Diesen Dingen sollten Sie Platz einräumen." Schließlich wohnen Erinnerungen im Kopf und im Herzen. Und bleiben dort – selbst wenn man sich von Gegenständen trennt.

Sich vom Stress befreien

Dvoraks Kunden möchten etwas ändern. "Oft haben sie einen hohen Leidensdruck. Die Hemmschwelle ist groß, sich mit Angesammeltem, also mit uns selbst auseinanderzusetzen."

Der Prozess des Aussortierens ist anstrengend: behalten oder wegwerfen? Doch die Mühe lohnt sich. Danach fühlt man sich erschöpft, aber unendlich erleichtert. Als wäre nicht nur die Wohnung, sondern auch der Kopf entrümpelt.

"Die Menschen haben sich durch das Ausmisten von einem Stressfaktor befreit", erklärt Corinna Peifer. Die Junior-Professorin für Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum weiß, warum unser Gehirn sich von uner­ledigten Aufgaben ablenken lässt: Wir streben danach, Dinge zu beenden.

Unerledigtes bleibt länger im Kopf

Das hat schon 1927 die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik beschrieben. Sie ließ Studienteilnehmer 18 einfache Tätigkeiten verrichten, etwa Pappschachteln falten oder Ton­figuren formen. Alle Probanden wurden bei ihren Aufgaben unterbrochen. An die unvollendeten erinnerten sie sich danach fast doppelt so gut wie an die erledigten.

Während wir Abgeschlossenes gut vergessen können, entwickeln unerledigte Aufgaben, Sorgen und unterdrückte Gefühle ein Eigenleben. Immer wieder wandern die Gedanken dorthin. Wir lesen ein Buch – und plötzlich ist da der Gedanke an die Kisten im Keller, die man schon längst aussortieren wollte. Wir gehen zum Essen mit Freunden – und müssen den ganzen Abend nur an den Konflikt mit der Kollegin denken, der seit Tagen ungelöst ist.

Sich den Aufgaben stellen

"Mit Unerledigtem schaffen wir es weniger gut, uns komplett in etwas anderes zu vertiefen", so Peifer. Auch Entspannen falle schwerer. Mit Forschern der Uni Trier zeigte sie: Wer seine Ziele in der Arbeitswoche nicht erreicht, schläft am Wochenende schlechter.

Deshalb ist es besser, sich unangenehmen Themen aus der Vergangenheit zu stellen. Zum Beispiel nach ­einem Streit ein klärendes Gespräch zu suchen. Genau wie das Ausmisten der Wohnung kostet auch seelisches Ausmisten Energie. Zur Belohnung können wir uns aber endlich wieder ganz auf Neues einlassen – und darin aufgehen.