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Zahnspangen: Medizinisch nötig?

Die Kassen bezahlen mehr als eine Milliarde Euro im Jahr für Gebisskorrekturen durch Kieferorthopäden. Der medizinische Nutzen wird jedoch stark bezweifelt

von Henning Engelen, 06.05.2019
Zahnspangen

Gerade ausgerichtete Zähne zählen zu unserem Schönheitsideal. Ob die Korrektur in allen Fällen medizinisch nötig ist, bleibt umstritten


Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in Deutschland tragen irgendwann eine Zahnspange, meist zwei bis vier Jahre lang. Zwar sanken zuletzt die Patientenzahlen, aber die Kosten pro Fall verdoppelten sich zwischen 2008 und 2016 sogar. Über eine Milliarde Euro zahlen die Krankenkassen jährlich für Zahnspangen und andere kieferorthopädische Behandlungen.

Doch es gibt starke Zweifel, ob diese Ausgaben gerechtfertigt sind. Denn: Es liegen keine Studien zu den langfristigen Wirkungen derartiger Maßnahmen vor. Die wissenschaftliche Evidenz von "kieferorthopädischen Maßnahmen mit festsitzenden Apparaten" ist außer­ordentlich gering. Das war bereits 2008 das ernüchternde Ergebnis eines ­Berichts für das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Dimdi).

Im April 2018 mahnte der Bundesrechnungshof den Bundestag, der Nutzen von Kieferorthopädie müsse endlich erforscht werden. Daraufhin gab das Gesundheitsministerium ein Gutachten in Auftrag, das die bisherigen Erkenntnisse zusammentragen sollte.

Lückenhafte Versorgungsforschung

Das unabhängige Forschungsinstitut Iges kommt dabei zu einem ganz ähnlichen Schluss wie zehn Jahre zuvor der Dimdi-Bericht: Die Studien ließen in Bezug auf die diagnostischen und therapeutischen kieferorthopädischen Maßnahmen keinen Rückschluss auf einen patientenrelevanten Nutzen zu. Sind Zahnspangen also weitgehend nutzlos?

Wäre dies der Fall, wären die gesetzlichen Krankenkassen jedoch gar nicht zuständig. Sie dürfen nur Behandlungen erstatten, die aus medizinischen Gründen nötig sind. Die bezahlten Leistungen müssen "ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein", heißt es im Sozialgesetzbuch.

Da der Bund den Kassen Jahr für Jahr rund 15 Milliarden Euro – aus Steuergeldern – zuschießt, mischt sich in die Zahnspangen-Debatte auch der Bundesrechnungshof ein. Er sieht eine Lücke in der Versorgungsforschung. Es fehlten detaillierte Informationen, mit welchen kieferorthopädischen Leistungen die Bevölkerung genau versorgt werde und welche Maßnahmen einen Nutzen haben. "Da sehen wir Handlungsbedarf", sagt Sprecher Jens Hamer.

Die Kieferorthopäden wehren sich. Es stehe außer Zweifel, dass Zahnfehlstellungen erfolgreich korrigiert werden können, sagt etwa Dr. Bernd Zimmer, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie. Er verweist unter anderem auf die vielen Patienten, bei denen obere Schneidezähne frei in die Luft ragen. Dank Behandlung vermindere sich das Risiko, einen solchen Zahn zu beschädigen, nachweisbar.

Beeinträchtigung oder Schönheitsmakel?

Auch wenn Zähne nicht korrekt auf­einandertreffen, schief stehen, an der falschen Stelle sitzen oder gar nicht aus dem Kiefer herauswachsen, lasse sich dies erfolgreich behandeln, erläutert Zimmer. Unstrittig sei zudem, dass die Beseitigung von Zahnfehlstellungen die Lebensqualität erhöhe.

Doch wann beeinträchtigen schiefe Zähne den Kauvorgang, und wann sind sie eher ein Schönheitsmakel? Eine Verbesserung der Lebensqualität oder ästhetische Kriterien sind keine Grundlage für kassenfinanzierte medizinische Maßnahmen. Beispielsweise werden Menschen mit abstehenden Ohren üblicherweise auch keine plastisch-­chirurgischen Eingriffe bezahlt.

Den Hauptkritikpunkt aus dem Iges- Gutachten – den fehlenden Nachweis einer Vorbeugung gegen Karies, Parodontitis oder Parodontose – sieht Zimmer gar nicht als Aufgabe der Kieferorthopädie. Das seien primär bakteriologische Erkrankungen. Therapeutische Effekte bei der Korrektur von Fehlstellungen dagegen seien im Gutachten zu wenig berücksichtigt worden.

Ethische Hürden

Einen wissenschaftlich einwandfreien Nachweis hält die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung ohnehin für schwer machbar. Das liege unter anderem an ethischen Problemen, da behandelte mit nicht behandelten Personen verglichen werden müssten, schreibt Präsident Dr. Wolfgang Eßer. Der GKV-Spitzenverband, der Bundesverband der gesetzlichen Kassen, widerspricht. Trotz aller Schwierigkeiten sei es unvermeidlich, die Notwendigkeit kiefer­­orthopädischer Behandlungen weiter zu erforschen.

Derzeit bezahlen die Kassen hauptsächlich Jugendlichen unter 18 Jahren die umstrittenen Gebisskorrekturen. Bei Erwachsenen kommt die Kasse nur bei sehr schweren Kieferproblemen für die Kosten auf.

Etliche Patienten finanzieren zudem aus eigener Tasche viele Zusatzleistungen – etwa besondere Therapien oder spezielle Bogen und Drähte. Sie werden ihnen von den Kieferorthopäden laut Bundesrechnungshof als "optimierte Therapie" und "modernste Methoden" nahegelegt. Doch auch für die mutmaßlichen Vorteile dieser Selbstzahlerleistungen fehlen wissenschaftliche Nachweise. Einer Umfrage zufolge nehmen mehr als drei Viertel der Betroffenen solche Leistungen in Anspruch und geben dafür oft mehr als 1000 Euro aus.

Führt die Kritik dazu, dass Patienten in Zukunft ihre kieferorthopädische Behandlung komplett selbst zahlen müssen?

Vorerst nicht. Keine der beteiligten Institutionen fordert derzeit, die Kassenleistungen einzuschränken. "Wenn Ergebnisse der Versorgungsforschung vorliegen, ist zu prüfen, ob der GKV-Katalog anzupassen ist und ob Leistungen zu ergänzen sind", sagt Jens Hamer vom Bundesrechnungshof.

Es könne sich dabei sogar herausstellen, dass die Kassen mehr Leistungen abdecken und die Kosten übernehmen müssten. Doch bis dahin werden wohl noch viele Zahnspangen angepasst.