Was bringt es, Zahnseide zu benutzen?

Ob Zahnseide sinnvoll ist, ist nicht gut untersucht. Die US-Regierung empfiehlt sie deshalb nicht mehr. Was für Deutschland gilt, erklärt Professor Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer
von Daniela Frank, 17.08.2016

Vor allem für enge Zahnzwischenräume ist Zahnseide geeignet

Thinkstock/Stockbyte

Zahnseide zu benutzen ist ein mühsames Unterfangen. Lästig und zeitraubend. Irgendwann fragt sich jeder mal: Wie schlimm wäre es, einfach darauf zu verzichten? Leider lässt sich das nicht so genau beantworten. Denn obwohl der Gebrauch von Zahnseide als sehr wichtig gilt, gibt es kaum ausreichende Belege dafür, wie eine Überblicksarbeit der Cochrane Collaboration 2011 zeigte. Daran hat sich nichts geändert. Deshalb hat die US-Regierung nun die Empfehlung, Zahnseide zu benutzen, aus ihren Dietary Guidelines for Americans gestrichen. Dort ist festgehalten, wie eine gesunde Ernährung aussieht – die Mundhygiene war bisher zusätzlich mit einem Satz erwähnt. Ob sich deshalb nun auch die Empfehlungen in Deutschland ändern, haben wir Professor Dietmar Oesterreich gefragt, der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer ist.

Herr Oesterreich, bringt die Reinigung mit Zahnseide nichts?

Das kann man so nicht sagen. Dass die Diskussion aufkam, ist verständlich, weil die Studienlage schlecht ist. Die Qualität der Studien muss unbedingt verbessert werden. Allerdings sind manche Dinge auch Erfahrungswissen. Und gesunder Menschenverstand: Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zahnbürste nur etwa 70 Prozent der Zahnoberfläche erreicht. Sie kann die Zahnzwischenräume nicht reinigen, das ist vor allem bei größeren Zwischenräumen ein Problem. Dafür brauchen wir eine Lösung.

Dass die Zahnzwischenräume häufig problematisch sind, ist also erwiesen?

Ja, denn wir wissen, dass Karies bei Erwachsenen selten an den glatten Zahnflächen auftritt, sondern vor allem in den Zwischenräumen. Dem beugt Zahnseide vor. Genau wie Zahnfleischentzündungen und Parodontitis, die bei älteren Menschen häufiger sind.

Wie häufig sollte man Zahnseide benutzen?

Am besten einmal täglich. Auf den Zähnen bildet sich ständig von Neuem ein aus Bakterien bestehender Biofilm, die sogenannte Plaque. Zwei Faktoren führen dazu, dass er eine krankmachende Wirkung besitzt: Zeit und Nahrung für die Bakterien. Heute weiß man, dass das schon nach 24 Stunden der Fall sein kann. Die Bakterien produzieren dann Säuren, die Mineralien aus dem Zahnschmelz lösen. Diesen Prozess sollte man immer wieder durchbrechen, indem man die Plaque regelmäßig von den Oberflächen entfernt.

Oft empfehlen Zahnärzte auch Interdentalbürsten. Sind sie besser als Zahnseide?

Sie sind vor allem bei größeren Zwischenräumen geeignet. Im Laufe des Lebens gehen Zahnfleisch und Knochen häufig zurück, wodurch sich die Zwischenräume vergrößern. Bei engeren Zwischenräumen funktioniert die Reinigung mit Zahnseide meist besser. Man kann also nicht sagen, dass Zahnseide generell besser oder schlechter ist als Bürstchen. Die Entscheidung hängt von der Größe des Zwischenraums ab. Ich empfehle jedem, sich dazu von seinem Zahnarzt oder der Prophylaxeassistentin beraten und die richtige Handhabung von Zahnseide und Interdentalbürstchen zeigen zu lassen.

Ist die Studienlage zu Interdentalbürstchen besser?

Nein, auch hier stehen wir vor ähnlichen Problemen. Leider wird Forschung in der Zahnmedizin nicht gut gefördert, vor allem in Bezug auf präventive Maßnahmen. Oftmals werden klinische Forschungen zu neuen Materialien bevorzugt. Wir Zahnärzte engagieren uns jedoch intensiv für Prävention. Gerade haben wir die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie vorgestellt, die zeigt, dass es heute doppelt so viele Kinder ohne Karies gibt wie vor 17 Jahren. Auch bei den Erwachsenen ist die Karies um 30 Prozent zurückgegangen und die schwere Parodontitis hat sich halbiert. Diese Erfolge der Prophylaxe sollten nicht zunichte gemacht werden.


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