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Umgehen mit den Wechseljahren

Zeit des Umbruchs: Die Hormonumstellung erlebt jede Frau anders. Oft zieht sie sich über Jahre hin und verändert nicht nur den Körper, sondern auch die Lebenseinstellung. Was Betroffene darüber berichten

von Bettina Rackow-Freitag, 15.11.2019
Frau mit einem Motorrad

Marion G. empfand den Wandel als positiv. Mit 50 Jahren ist sie noch mal durchgestartet und machte den Motorradführerschein


Mit der Menopause kam der Wunsch nach dem Motorrad. "Ich liebe den Fahrtwind. Es ist wie Cabriofahren, nur besser", sagt Marion G. Um endlich ihren Jugendtraum zu verwirklichen, paukte sie in der Fahrschule noch einmal Verkehrsregeln. Jetzt hat die 52-Jährige eine Yamaha in ihrer Münchner Garage stehen. Für sie waren die Wechseljahre ein Durchstarten in eine neue Lebensphase.

Die Leiden der Generation 45+

Doch das lässt sich nicht verallgemeinern. Während Frauenmagazine die Generation 45 plus mit Titelgeschichten wie "Mehr Zeit für mich!" ­feiern, dominieren in sozialen Netzwerken Leidensgeschichten über sturzbachartige Blutungen, Gewichtszunahme, durchgeschwitz­te Nachthemden, Haarausfall und vermehrte Gesichtsbehaarung.

Doch nur weil öffentlich viel darüber gesprochen wird, heißt es nicht, dass der Einzelne das gern tut. "In meinem Umfeld ist das ein Tabuthema", wundert sich die gebürtige Kölnerin. "Männer spüren nicht so wie Frauen, dass sie unfruchtbar werden. Wir müssen uns damit im Stillen auseinandersetzen", sagt die Personalreferentin.

Marion G. hatte ihre letzte Menstruation mit 50 und lag damit etwa im Durchschnitt. Meist erstrecken sich die Wechseljahre vom 45. bis zum 55. Lebensjahr. Eintrittsalter und Länge sind teils genetisch bedingt.

Wenn der Zyklus aus dem Takt gerät

Nachdem über Jahrzehnte hinweg der Zyklus durch den fein abgestimmten Ablauf der Hormon­ausschüttungen von Östrogen und Progesteron reguliert wurde, um die Gebärmutter auf eine mögliche Schwangerschaft vorzubereiten, gerät alles aus dem Takt, wenn der Vorrat an Eizellen zur Neige geht.

Der normale Zyklus verläuft hormonell wie Ebbe und Flut. Doch vor der Menopause kann es regelrecht zu Tsunamis kommen, weil der Dialog zwischen Hirnanhangsdrüse und Eierstock nicht mehr so gut funktioniert. "Dann wird mal zu früh, mal zu spät das nächste Eibläschen losgeschickt", erklärt Dr. Katrin Schaudig, Vizepräsidentin der Deutschen Menopause-Gesellschaft. Das erklärt oft Zwischen­blutungen, eine sehr starke oder lange Menstruation.

Verhüten in den Wechseljahren

Etwas länger als ein Jahr nach der letzten Periode sollte man noch verhüten. Dr. Claudia Schumann von der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe erklärt, worauf zu achten ist.

Zeit für Veränderungen

"Ich habe nicht zugelassen, dass ich in ein Loch falle, den Beschwerden kaum Raum gegeben", erzählt Marion. Im Gegenteil: Die Menopause hatte bei ihr einen positiven Effekt. Früher litt sie unter gutartigen Wucherungen in der Gebärmutter (Myomen). Und als sie sich mit Mitte 30 operieren ließ, stellten die Ärzte eine Endometri­ose fest.

"Es grenzt an ein Wunder, dass ich danach trotzdem schwanger wurde", so die Mutter eines heute 15-­jährigen Sohns. Jetzt, mit dem Ausbleiben der Periode, sind auch die Unterleibsbeschwerden verschwunden.

Für viele Frauen wie Marion G. stehen aber Hormon-Jo-Jo und Hitzewallungen gar nicht so im Fokus: "Ich habe den Umbruch weniger körperlich gemerkt als vielmehr an den Lebensumständen", resümiert sie rückblickend. "Mit Ende 40 kam bei mir das Gefühl auf, dass ich nicht wie bisher weiterleben möchte." Sie trennte sich von ihrem Mann.

Emotionale Durch- und Ausbrüche

Damit ist sie kein Einzelfall. Laut dem Statistischen Bundesamt beträgt das Durchschnittsalter von Frauen bei einer Scheidung heute 44 Jahre – vermutlich weil viel mehr Frauen erst in ihren Dreißigern eine Familie gründen. So fällt die Trennungsphase oft in die Zeit der Wechseljahre.

Heute sieht Marion positiv in die Zukunft. "Ich habe alles erreicht, was ich wollte. Das ist ein neues Selbstbewusstsein, das mich gelassener macht, auch was das Frausein angeht."

Doch nicht immer verläuft das Klimakterium unkompliziert. Manchmal zeigt es sich an Kleinigkeiten, dass gerade alles kopfsteht. "Es war gar kein besonderer Anlass, es brach irgendwie aus mir heraus", erinnert sich Kara B. an den Moment. Sie wollte nur schnell eine Creme in ihrer Apotheke kaufen.

Doch die Schlange vor ihr war lang, einfach zu lang. "Auf einmal bekam ich einen Heulkrampf, musste heftig weinen." Die Apothekerin rief ihren Ehemann dazu, einen Allgemeinarzt. Er beruhigte die aufgelöste Kundin und riet ihr, sich zeitnah durchchecken zu lassen. Das war vor einem Jahr.

Wechseljahre und Menopause

"Ich kam gar nicht auf die Idee, dass es die Wechseljahre sein könnten", sagt die heute 55-Jährige: Ihre Periodenblutungen kamen noch regelmäßig. Zu den Stimmungsschwankun­gen gesellten sich Schlafstörungen. Ihre manchmal schwitzigen Hände oder ­Füße, ebenso das Gefühl, als ob eine Wärmelampe im Körper an- und ausgeknipst wird, nahm sie nicht als Wechseljahresbeschwerden wahr.

"Ich friere seit dieser Zeit kaum noch", erzählt die Sozialpädagogin aus Eichenau. Als sie schließlich ihren Gynä­­kologen aufsuchte, sagte er schon vor der Untersuchung: "Nun, sind Sie auch so weit mit den Wechseljahren?"

Seitdem klebt sie sich auf ihren Oberschenkel nach Anweisung des Arztes ein Hormonpflaster, das ihren Körper mit den Ersatzhormonen Estra­diol oder Gestagen versorgt. "In kürzester Zeit ging es mir besser. Heute habe ich weder Hitzewallungen noch Heulkrämpfe", sagt sie. Auch die zum Teil extrem starken Monatsblutungen gingen zurück.

Nachtschweiß, Hitzewallungen und Herzklopfen

Geschichten wie die von Kara B. hört Dr. Katrin Schaudig jeden Tag. "Manche Frauen brechen beim Bäcker in Tränen aus, weil ihr Lieblingsbrot ausverkauft ist." Sie hat in Hamburg eine Praxis für gynäkologische Endokrinologie und stellt klar: "Die Wechseljahre kann man nicht aufhalten oder verkürzen. Den Beschwerden kann man nicht mit Sport oder guter Lebensweise vorbeugen."

Auch die Ausprägung der Symptome sei kaum vorhersehbar. "Sie zeigen sich bei ­jeder Frau anders, bei manchen nur kurz, andere schwitzen jahrelang."

Ein Drittel aller Frauen leidet zum Teil erheblich in dieser Zeit. "Wenn zum Beispiel eine Lehrerin mit Hitzewallungen vor ihrer Klasse steht und der Schweiß runterläuft, kann das extrem belastend sein. Andere Frauen wiederum plagt zeitweise so starkes Herzklopfen, dass sie in die Notaufnahme gehen, weil sie Angst vor einem Infarkt haben", sagt Schaudig. Erst wenn zwölf Monate keine Periodenblutung mehr auftritt, spricht man von Menopause.

Therapie gegen Östrogenmangel

Doch das ist nicht automatisch der Schlusspunkt aller Beschwerden. "Sie können schlimmstenfalls bis zum Lebensende anhalten. Meine älteste Patienten ist 78 Jahre alt", sagt Dr. Cornelia Jaursch-­Hancke von der Helios-Klinik Wiesbaden.

Die Diagnose gestaltet sich oft langwierig. "Östrogenrezeptoren gibt es im ganzen Körper, vom Fuß bis zum Kopf, am Herzen und in der Haut", so die Expertin von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Wenn die Hormonproduktion sinkt, können vielfältige Symptome entstehen.

Rheumatologen schicken Patientinnen zu mir, die überall plötzlich Schmerzen haben, bei denen sich der Rheumaverdacht aber nicht bestätigt." Östrogenpräparate als Gel, Pflaster oder Tabletten können dann helfen. "Doch ein Therapiebeginn macht weniger Sinn erst Jahre nach der Menopause, wenn schon lange ein Östrogenmangel besteht."

Hormontherapie nicht ohne Risiken

Ersatzhormone wurden früher jeder dritten Frau verschrieben, heute sind es knapp sieben Prozent. Ausgelöst wurde dieser Wandel durch die damalige Studienlage, die auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko hindeutete. Bis heute diskutiert die Fachwelt das Thema. Wie hoch die individuelle Gefährdung ist, hängt auch von Therapiebeginn, Behandlungsdauer, Hormonart und -menge ab, so eine aktuelle Studie.

Frau sitzt auf Couch in ihrer Wohnung

Neueste Erkenntnisse stützen demnach die alten Bedenken. "Wenn ein hormonabhängiger Tumor bereits vorhanden ist, wächst er womöglich durch die Hormongabe. Deshalb sollte man sich vor einer Hormontherapie genau untersuchen lassen", rät Schaudig.

Ein neues Körpergefühl

Kara B. erleichterten die Hormone die schwere Umstellung: "Ich habe das Gefühl, dass der ganze Körper ausgewechselt wird und viel empfindlicher reagiert." Ähnlich erlebt sie das Fami­lienleben.

Als sie in die Wechseljahre kam, steckte der jüngste ihrer drei Söhne in der Pubertät. Wo früher Innigkeit herrschte, liegen heute öfter die Nerven blank. Dafür genießt sie ihr Tantenglück mit ihrem vierjährigen Neffen. "Ich übernehme viel mehr die Generationsverantwortung."

Auch wenn alle diese Probleme bei jüngeren Frauen noch weit entfernt sind, suchen viele zunehmend nach natürlichen Wegen, um mit typischen Frauenleiden umzugehen. Eine davon: Sina O. aus Kon­stanz.

Den eigenen Körper kennen

Die 30-Jährige macht sich derzeit Gedanken zum Kinderwunsch und hat sich intensiv mit dem weib­lichen Hormonhaushalt beschäftigt. Zwölf Jahre nahm sie die Antibaby­pille und litt nach dem Absetzen unter Hautunreinheiten, Stimmungstiefs und dem Ausbleiben der Periode.

"Frauen sollten sich viel mehr damit beschäftigen, was in der Pubertät, in der Schwangerschaft oder den Wechseljahren in ihrem Körper passiert. Nur dann kann man das Richtige tun", meint Sina. Sie selbst setzte auf Darmgesundheit, ausgewogenere Ernährung und bessere Lebensgewohnheiten. Auf Verhütungsmittel mit Hormonen verzichtet sie seitdem und fühlt sich wieder wohl in ihrer Haut.

Als Buchautorin und Bloggerin gibt sie nun ihre Erfahrungen weiter. Oft wird sie von jungen Frauen angeschrieben, die nach Tipps für die Wechseljahresbeschwerden ihrer Mütter fragen. Viele wünschen sich eine schnelle Lösung. "Doch die gibt es nicht", ist Sina O. überzeugt.

Schamgefühle überwinden, Druck meiden

Auch ihre 56-jährige Mutter war betroffen, gemeinsam suchten sie nach alternativen Ansätzen: "Wir haben ätherische Öle, Vitalstoffe, Bäder und Aromatherapie ausprobiert." Problematisch findet sie zudem den Perfektionsdrang, der viele Frauen sehr stresst.

Ähnlich sieht es Doris Braune: "Viel zu oft werden die Symptome patho­­logisiert. Dabei sind die Wechseljahre keine Krankheit." Als Beraterin im Frauengesundheitszentrum Stuttgart beantwortet sie unter anderem Fragen zu pflanzlichen Mitteln oder Tees mit Traubensilberkerze, Frauenmantel oder Baldrian gegen die Beschwerden.

Mit 64 Jahren weiß sie auch um die Schamgefühle der Frauen, die nach der Menopause unter Scheidentrockenheit, Blasenentzündungen oder verändertem Lustempfinden leiden. "Viele setzen sich selbst unter Druck und wollen weiter so funktionieren wie vorher."

Besser sei es, sich für die schönste Sache der Welt einfach mehr Zeit zu nehmen oder neue Praktiken auszuprobieren. "Frauen, die sich trotz der Veränderung attraktiv fühlen, können dieser Zeit oft viel Positives abgewinnen."


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