Hormontherapie in den Wechseljahren

Eine Hormontherapie kann Hitzewallungen und Schlafstörungen lindern. Lange Zeit aber wurde der Hormonersatz stark kritisiert. Doch wie hoch sind die gesundheitlichen Risiken tatsächlich?

von Sonja Gibis, aktualisiert am 04.04.2018

Wohlfühlen in den Wechseljahren: Eine Hormontherapie kann dabei helfen


Diskussionen über medizinische Themen gleichen mitunter einer Fieberkurve. Beispiel: die Hormontherapie für Frauen in den Wechseljahren. Nachdem sich bereits eine gemäßigte Temperatur eingestellt hatte, sorgen neue Daten derzeit wieder für Schübe. Eine jüngst im Fachjournal ­JAMA erschienene Langzeitbeobachtung zeigt: Anders als bislang vermutet, erhöht die Behandlung nicht das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs zu sterben.

Manche Experten fordern deshalb bereits eine Trendwende. Die Gefahr der Hormongaben werde überschätzt. Wer die Fieberkurve der jahrzehntelangen Kontroverse nachzeichnet, stößt im Jahr 2002 auf ein absolutes Maximum. Auch damals kam es zu einer Trendwende, eine Studie ließ Euphorie in Angst umschlagen.

Östrogene mit der Gießkanne

Zuvor waren Hormone in den Wechseljahren nach dem Gießkannenprinzip verordnet worden. "In den Augen vieler Mediziner litten alle Frauen nach der Menopause an einer Art Hormonmangel-Syndrom", erklärt Professor Olaf Ort­mann, Direktor der Universitätsfrauenklinik Regensburg und Vorsitzender der Kommission zur Überarbeitung der ärztlichen Empfehlungen zur Hormon­therapie. Künstliche Botenstoffe sollten diesen Fehler der Natur beheben.

Wer seinem Frauenarzt von heftigen Hitzewallungen berichtete, konnte fast sicher sein, sofort Hormone verschrieben zu bekommen. Doch auch vielen Frauen, die mit dem Wechsel gut zurechtkamen, wurde geraten, den Östro­­gen­spiegel mittels Pillen oder Pflastern anzuheben.

Für diese Empfehlung gab es durchaus Gründe. Ortmann: "Große Beobachtungsstudien legten nahe, dass sich durch die Hormone nicht nur Wechseljahresbeschwerden lindern lassen." Sie sollten vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, brüchigen Knochen und weiteren Altersleiden wie Demenz schützen.

Risiko Thrombose, Brustkrebs, Schlaganfall?

Um diese Annahme zu prüfen, rief die Women’s Health Initiative (WHI) in den USA eine große Studie ins Leben. Nach fünfeinhalb Jahren: der Schock. Bei den Frauen, die Hormone erhielten, war es nicht etwa zu weniger Herzinfarkten und Schlaganfällen gekommen – das Risiko war teils sogar erhöht. Gleichzeitig stieg die Gefahr für Thrombosen und Brustkrebs. Die Studie wurde abgebrochen, was weltweit für Schlagzeilen sorgte. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland brachen die Verordnungszahlen für Hormonpräparate ein – um bis zu 80 Prozent.

Seither haben die Autoren der WHI-Studie ihre Daten mehrfach erneut ausgewertet, etwa indem sie bestimmte Altersgruppen analysierten. Die Teilnehmerinnen wurden zudem weitere 18 Jahre nachbeobachtet. Neue Untersuchungen liefern zusätzliche Daten. Was lässt sich heute also sicher sagen? 

Mittlerweile erhalten zu wenige Frauen eine Therapie

Fest steht: Hormone für alle – dieses Motto ist passé. Nur um Erkrankungen oder Beschwerden vorzubeugen, sollte keine Frau nach dem Wechsel Hormone einnehmen. Das bekräftigte jüngst auch die überarbeitete US-Leitlinie zur Hormontherapie.

Anders stellt sich die Situation allerdings dar, wenn eine Patientin bereits Wechseljahresbeschwerden hat. Im Gegensatz zu dem Knall, mit dem die WHI-Studie die Hoffnung auf den Hormon-Jungbrunnen platzen ließ, vollzog sich die Rehabilitation hier aber recht leise. "Die Folge ist, dass vielen Frauen eine wirksame Behandlung vorenthalten wird", beklagt Dr. Cornelia Jaursch-Hancke von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie.

Obwohl jede dritte Frau angibt, nach der Menopause stark unter Problemen wie Hitzewallungen zu leiden, erhalten weniger als sieben Prozent eine Therapie. Hauptgrund: die Angst vor den Risiken. Doch diese werden nach Ansicht vieler Experten zu hoch eingeschätzt – vonseiten der Patientinnen, aber auch vieler Ärzte.

Die Grenzen der WHI-Studie

"Man muss den Frauen Mut machen und die über lange Jahre geschürten Ängste abbauen", findet ­Endokrinologin Jaursch-Hancke und plädiert für eine Trendwende in der Behandlung. Dieser Ansicht sind auch die Autoren der WHI-Studie selbst. Vor zwei Jahren beklagten JoAnn Manson und Andrew Kaunitz im New England Journal of Medicine, dass ihre Daten über viele Jahre falsch interpretiert wurden. Kaunitz sprach von einer "dunklen Wolke der Verwirrung und Angst". Diese habe Frauen viel Leid gebracht.

Tatsächlich taugt die WHI-Studie kaum für eine ­Beurteilung, ob Hormone sich zur Therapie von Wechseljahresbeschwerden eignen. Die Teilnehmerinnen waren im Schnitt bereits 63 Jahre alt, als sie mit der Einnahme begannen, zum Teil hatten sie gar keine Beschwerden. Viele wiesen zudem Risikofaktoren für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung auf. Nicht wenige waren übergewichtig, rauchten, hatten Bluthochdruck oder Diabetes.

Geprüft wurde ein in Europa kaum verwen­detes Präparat in einer relativ hohen Dosierung. "Das war eine sehr grobe Therapie", urteilt Jaursch-Hancke. Zum Vergleich: In Deutschland wird die Behandlung meistens individuell auf die Patientin abgestimmt. Hormone erhalten Frauen in den Wechseljahren sowie kurz nach der Menopause – im Schnitt mit 51 Jahren. 

Hormontherapie: Bei Wechseljahrsbeschwerden wirksam

Blickt man auf die Gruppe der jüngeren WHI-Teilnehmerinnen, also Frauen zwischen 50 und 59 Jahren, zeigt sich ein anderes Bild. So kam es unter ihnen bei einer Kombitherapie mit Östrogen und Gestagen zu einer geringeren Zahl an Knochenbrüchen, Diabetes-Erkrankungen und Todesfällen. Außerdem gibt es Hinweise, dass weniger Darmkrebsfälle auftreten. In einer dänischen Untersuchung traten mit einer Hormon­therapie überdies weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf als ohne – genau das also, was man sich ursprünglich erhofft hatte.

Heißt das, dass Hormone doch Krankheiten vorbeugen können, wenn die Einnahme nur früh genug beginnt? Einige Fachleute sind davon überzeugt. "Doch ist das noch völlig ungeklärt", betont Gynäkologe Ortmann. Die bisherigen Ergebnisse seien nicht eindeutig. Dass sich die Hormontherapie bereits zur Prävention einsetzen ließe, könne man daraus keineswegs ableiten. 

Gesichert ist laut Ortmann indes: "Bei Wechseljahresbeschwerden ist die Hormontherapie überaus wirksam." Vor allem Frauen, die unter starken Hitzewallungen, Schweißausbrüchen sowie damit verbundenen Schlafstörungen leiden, profitieren. "Für manche sind diese Beschwerden eine echte Tortur", betont der Gynäkologe. Leidensdruck haben laut Hormonexpertin Jaursch-Hancke vor allem Betroffene, die voll berufstätig sind: "Sie können es sich nicht leisten, wenn sie in Sitzungen plötzlich einen roten Kopf bekommen und nachts kaum schlafen."

Das Risiko für Brustkrebs wird von vielen Faktoren beeinflusst

Die Risiken sehen beide Mediziner als "sehr moderat" an. Dennoch sei es wichtig, darüber ausführlich aufzuklären. Etwa über die Gefahr, an Brustkrebs zu erkranken. "Es reicht nicht aus zu sagen: ,Ihr Krebsrisiko ist erhöht.‘ Da läuft jede Frau gleich weg", sagt Ortmann. Eine erhöhte Gefahr zeige sich erst nach einer Hormonbehandlung von mehr als fünf Jahren.

Zudem hätten andere Risikofaktoren wie Übergewicht und zu wenig Bewegung einen ebenso starken Einfluss auf die Entstehung von Brusttumoren. Hinzu kommt, dass die Hormone den Krebs wahrscheinlich gar nicht aus­lösen, sondern das Wachstum vorhandener Krebszellen fördern. Einige Frauen erkranken durch die Therapie vermutlich einfach früher. Ein leicht erhöhtes Risiko aber bleibt, wahrscheinlich auch für Eierstockkrebs – zumindest bei Frauen, deren Gebärmutter nicht entfernt wurde.

Nach dem Ende der Hormonbehandlung erreicht das Tumorrisiko bald wieder ein normales Niveau. "Erkrankt eine Frau, die eine Zeit lang Hormone eingenommen hat, später an Brustkrebs, kann sie sicher sein, dass die Therapie nicht schuld ist", betont Gynäkologe Ortmann. Zudem gibt es Hinweise, dass die Gabe von natür­lichem Progesteron das Risiko weitaus weniger ansteigen lässt.

Wechsel ist keine Krankheit

Bleibt die Gefahr für Thrombosen, Schlaganfälle sowie Erkrankungen der Gallenblase. Diese lässt sich minimieren, wenn Östrogen durch die Haut aufgenommen wird. So umgehen die Hormone die Leber, die Gerinnungsfaktoren des Blutes bleiben unbeeinflusst. Zur Verfügung stehen heute Pflaster, Gele und Sprays. Das Hormon Gestagen muss zusätzlich als Tablette eingenommen werden. 

Einfacher zu handhaben ist die Einnahme als Pille. Es gibt verschiedene Kombi-Präparate für Frauen mit Gebärmutter. Dabei sollten Arzt und Patientin die niedrigste wirksame Dosis ansteuern. Für diejenigen, die nur unter einer trockenen Scheide oder wiederkehrenden Harnwegsinfekten leiden, eignen sich örtlich anwendbare Mittel. Diese bieten sich auch für Frauen an, denen sonst von einer Hormon­therapie abgeraten wird – etwa weil sie bereits einmal an Brustkrebs gelitten haben. 

Doch auch wenn die Risiken der Hormontherapie überschaubar sind, soll­te man eines nicht vergessen: Viele Frauen kommen mit den Veränderungen, die die neue Lebensphase mit sich bringt, gut klar – auch ohne Medikamente. Denn Wechseljahre sind keine Krankheit. "Wer aber Beschwerden hat und sich für Hormone entscheidet, der braucht kein schlechtes Gewissen zu haben", betont Jaursch-Hancke.

Pille, Spritze oder Spray: Diese Darreichungsformen gibt es

Hormonpräparate gibt es in verschiedenen Varianten. Ein Überblick 

  • Kombi-Tablette: Zur Verfügung stehen Präparate in unterschied­lichen Dosierungen und mit verschiedenen Gestagenen. 
  • Östrogen-Tablette: Frauen, denen die Gebärmutter entfernt wurde, erhalten nur Östrogene. Ein erhöhtes Brustkrebsrisiko besteht nicht.
  • Gestagen-Tablette: Wird Östrogen durch die Haut verabreicht, sollten Frauen mit Gebärmutter in der Regel eine Gestagen-Pille einnehmen.
  • Spritze: Im Gesäß- oder Oberarmmuskel wird alle vier Wochen ein Hormondepot angelegt.
  • Pflaster: Klebt es korrekt, sind duschen, baden und auch Sport möglich. Ein- oder zweimal pro Woche muss es erneuert werden.
  • Gel: Wird einmal täglich auf die Haut aufgetragen. Reizt nicht.
  • Spray: Wird einmal täglich in die freie Nase gesprüht. Selten kommt es zu einem leichten Kribbeln. 
  • Cremes und Zäpfchen: Sie helfen bei lokalen Beschwerden, etwa  bei Trockenheit in der Scheide.