Hormonersatztherapie: Schadet oder nutzt sie?

Früher angepriesen, zwischenzeitlich verurteilt – und heute komplett rehabilitiert? Was Frauen in den Wechseljahren über Hormonersatztherapien wissen sollten
von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 18.07.2016

Wechseljahre: Für Frauen in vielerlei Hinsicht eine Zeit des Umbruchs

Mauritius / Urbanlip

Kaum eine andere Behandlungsmethode wurde in den letzten Jahrzehnten so hitzig und so widersprüchlich diskutiert wie die Hormonersatztherapie (HET oder engl. HRT: Hormone Replacement Therapy) in den Wechseljahren. Befürworter sehen in der Gabe von Östrogenen einen Segen für betroffene Frauen, die auf das Absinken der Sexualhormone während der Menopause mit Symptomen wie Hitzewallungen, Reizbarkeit oder Schlafstörungen reagieren. Kritiker hingegen weisen auf erhöhte Risiken für Brustkrebs oder Gefäßerkrankungen unter einer HET hin.

Augenmerk auf die Risiken

Den wichtigsten Einschnitt markiert eine US-amerikanische Untersuchung aus dem Jahr 2002, die "Women‘s Health Initiative"-Studie, kurz WHI. Ihre Ergebnisse alarmierten sowohl die Fachwelt, als auch betroffene Frauen. Denn die Studienautoren folgerten damals aus ihren über Jahre hinweg erhobenen Daten, dass die Einnahme von Hormonen nicht wie erwartet Frauen vor einem Herzinfarkt schütze, sondern im Gegenteil das Risiko für Infarkt, Schlaganfall, Thrombose und Brustkrebs erhöhe.

Professor Alfred Mück, Uniklinik Tübingen

privat

Nach der WHI-Studie verschrieben Ärzte deutlich weniger Hormone

"Die WHI-Studie stellt sicher einen Meilenstein in der Geschichte der Hormonersatztherapie dar, weil im Vorfeld Hormone unkritisch breit eingesetzt wurden", sagt Professor Alfred Mueck, Leiter des Bereichs Endokrinologie und Menopause am Universitätsklinikum Tübingen und Präsident der Deutschen Menopause Gesellschaft e.V. Während vor der Veröffentlichung rund 40 Prozent aller Frauen zwischen 50 und 70 Jahren mit der HET behandelt worden waren, sank die Zahl nach dem Jahr 2002 um etwa die Hälfte ab.

Aufhorchen lässt nun eine Pressemitteilung vom Mai 2016, gemeinsam veröffentlicht von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V., dem Berufsverband der Frauenärzte e.V. und der Deutschen Menopause Gesellschaft e.V. Demnach relativieren die Studienautoren der WHI-Untersuchung ihre früheren Ergebnisse und interpretieren sie neu, was die Sprecher der Fachgesellschaften aktuell zu dem Schluss bringt: Hormonersatztherapie nutze doch mehr, als sie schaden könne und gesunde Frauen, die entsprechende Präparate einnähmen, müssten keine erhöhte Gefahr für Brustkrebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall fürchten. Frauen zwischen 50 und 59 erkrankten sogar seltener an Diabetes und brachen sich nicht so oft die Knochen. Auch ihre allgemeine Sterberate war geringer als bei der Kontrollgruppe ohne Hormontherapie. Bei den Frauen, die nur Östrogen erhalten hatten, wurde sogar seltener Brustkrebs festgestellt.

Dr. Christian Albring, Berufsverband der Frauenärzte

privat

Die Schwächen der damaligen Studie

Ein scheinbar unübersichtliches Hin und Her, für das Alfred Mueck folgende Erklärung hat: "Es war schon lange überfällig, die Erkenntnisse aus der WHI-Studie neu zu formulieren. Meiner Meinung nach wurden die spezifischen US-Studienbedingungen vorschnell auf europäische Verhältnisse übertragen, die Auswertung erfolgte anhand einer Patientinnengruppe, die wir in dieser Form nicht in Europa behandeln." So betrug das Durchschnittsalter der untersuchten Frauen 63 Jahre, während Gynäkologen hierzulande meist schon Frauen mit 45 oder 50 Jahren Hormonersatzpräparate verschreiben.

Hinzu kam, dass etwa ein Drittel der Studienteilnehmerinnen Vorerkrankungen wie starkes Übergewicht und Bluthochdruck aufwies. Die Hälfte der Frauen gab an, zu rauchen, ein Prozent litt unter einer koronaren Herzerkrankung. Und schließlich bezog sich die Studie auf ein kombiniertes, hoch dosiertes Hormonpräparat, das in Europa nur selten verschrieben wird. "All diese Aspekte verfälschen die Ergebnisse und verringern die Aussagekraft für eine gesunde Frau zu Beginn der Menopause", fasst Alfred Mueck zusammen.

Auch Dr. Christian Albring, Präsident des Bundesverbandes der Frauenärzte e.V., äußert sich erleichtert über die Neuinterpretation der WHI-Studie: "Den spezialisierten Fachärzten war damals schon klar, dass die Aussagen aus dieser Studie nicht für die Frage, ob eine Hormonersatzbehandlung in den Wechseljahren hilfreich und sinnvoll ist, herangezogen werden konnten." Denn die Studie habe sich gar nicht mit den Wechseljahren beschäftigt. Stattdessen wollten ursprünglich Kardiologen die Frage klären, ob durch Hormongabe eine Schutzwirkung für das Herz-Kreislaufsystem zu erwarten wäre. "Die aktuelle Richtigstellung ist für uns und für die Frauen, die wir behandeln, eine sehr große Erleichterung und ein Fortschritt", so Albring weiter.

Professorin Kerstin Weidner, Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Dresden

privat

Vollständige Entwarnung für die Hormontherapie?

Für Frauen, die starke Wechseljahresbeschwerden bisher ohne Behandlung aushielten und sich vor der Hormoneinnahme fürchteten, kommt diese Nachricht sicher gelegen. Dennoch lassen sich nicht alle Bedenken zerstreuen. Das Risiko für unerwünschte gesundheitliche Folgen mag überschaubar sein, gleich null ist es aber eben doch nicht.

Und es melden sich weiterhin kritische Stimmen, denen die Pro-Hormon-Argumentation nicht differenziert genug erscheint. Professorin Kerstin Weidner etwa, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Dresden, warnt davor, bei Beschwerden zu schnell Hormone in Betracht zu ziehen. "Wir konnten in einer Studie nachweisen, dass viele Symptome, die als charakteristisch für die Wechseljahre gelten, tatsächlich über die gesamte Lebensspanne hinweg auftreten." Lediglich Hitzewallungen und Schweißausbrüche würden ausschließlich während der Menopause genannt, während etwa Reizbarkeit, Schlafstörungen oder Depressivität in jedem Lebensalter beschrieben würden und körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Trockenheit der Scheide generell mit steigendem Alter zunähmen.

Bemerkenswert erscheint Kerstin Weidner auch die Tatsache, dass immerhin ein Drittel aller Frauen laut Umfrage die Menopause symptomfrei durchläuft, ein Drittel über leichte und ein Drittel über mittelstarke bis starke Beschwerden klagt. Fazit der Wissenschaftlerin: Allein die Hormonsituation kann nicht die Ursache der Wechseljahresbeschwerden sein, sonst müssten sämtliche Frauen mit sinkendem Östrogenspiegel gleichermaßen beeinträchtigt sein.

"Meiner Meinung nach spielen nicht nur körperliche, sondern auch seelische und soziale Faktoren eine Rolle, die das Befinden von Frauen in den Wechseljahren stark beeinflussen." In dieser Zeitspanne stehen große Veränderungen an, etwa das Erwachsenwerden der Kinder, mögliche Pflegebedürftigkeit der Eltern oder eine berufliche Umorientierung vor dem Eintritt ins Rentenalter.

Weidner rät Frauen, die vor der Frage "Hormontherapie – ja oder nein?" stehen, dazu, zuallererst das eigene Umfeld auf mögliche Einflussfaktoren im Lebensumfeld hin zu überprüfen.

Hormone nach wie vor vorsichtig einsetzen

Einig sind sich alle Experten darin, dass der flächendeckende und dauerhafte Einsatz von Hormonen für Frauen mit Wechseljahresbeschwerden nicht die Patentlösung sein kann. "Ob und wie lange behandelt werden muss, das entscheidet sich von Fall zu Fall", erklärt Christian Albring. "Denn nicht jede Frau erlebt den Mangel an Botenstoffen, der ja nach der Menopause für den Rest des Lebens besteht, als Beeinträchtigung. Ratsam ist eine zeitlich begrenzte Hormonersatztherapie für alle, deren Lebensqualität sinkt, etwa durch häufige und heftige Hitzewallungen und Schlafstörungen oder durch deutliche Verschlechterungen ihrer psychischen Verfassung wie Depressivität."

Wenn, dann frühzeitig mit der HET beginnen

Was den richtigen Zeitpunkt betrifft, so raten Fachärzte zu einem frühen Beginn. "Östrogen schützt die Gefäße vor der Bildung von Ablagerungen, sogenannten Plaques. Setzt die Therapie früh ein, bleibt dieser Schutz bestehen", sagt Alfred Mueck. Doch beginne eine Frau erst  fünfzehn oder zwanzig Jahre nach dem Einsetzen der Menopause mit Hormonpräparaten, wie in der WHI-Studie geschehen, erhöhe sich tatsächlich die Gefahr deutlich, dass sich bereits bestehende Plaques unter der HET lösen und Thrombose, Schlaganfall oder Herzinfarkt auslösen, sagt Alfred Mueck weiter.

Ob eine Hormonbehandlung der passende Ansatz ist, um die Wechseljahre zu bewältigen, das muss letztendlich jede Frau für sich entscheiden. Kerstin Weidner plädiert vor allem für individuelle Beratung samt psychosomatischer Begleitung der Frauen und wünscht sich künftig "eine sachliche Debatte, die sowohl das Schüren von Ängsten, als auch die Verharmlosung vermeidet."

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