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APC-Resistenz

Die APC-Resistenz ist bei zirka fünf bis acht Prozent der Bevölkerung der häufigste laborchemisch fassbare Risikofaktor für Venenthrombosen und Lungenembolien überhaupt. Bei Frauen kann damit auch eine Neigung zu Aborten verbunden sein

von Dr. med. H. Becker, aktualisiert am 26.06.2020

Was ist eine APC-Resistenz?

In den meisten Fällen liegt der APC-Resistenz eine genetisch Variante des Gerinnungsfaktor V (sprich: Faktor fünf) zu Grunde. Die Faktor-V-Leiden-Variante  ist eine genetische Veränderung des Ges, welches für den Gerinnungsfaktor V "zuständig" ist. Durch eine Punktmutation an dem Gen kommt es zu einer Veränderung des Faktors V und dessen Bindungsstellen für aktiviertes Protein C (APC). Aktiviertes Protein C (APC) ist ein Hemmstoff der Blutgerinnung - siehe auch den speraten Kasten unten: Die Kaskade der Blutgerinnung.

Eine Resistenz gegen den Gerinnungshemmer APC hat daher eine Verstärkung der Gerinnungsneigung zur Folge. Diese verstärkte Neigung zu Blutgerinnseln ist ein Risikofaktor, um beispielsweise Thrombosen in den tiefen Bein- und in den Beckenvenen, Lungenembolien oder Entzündungen der Venen an der Körperoberfläche zu erleiden. Die APC-Resistenz stellt somit einen Risikofaktor für die Entstehung einer Thrombose dar, meist sind aber mehrerer Risikofaktoren, welche die Entstehung einer Thrombose begünstigen (wie Immobilität, langes Sitzen, Rauchen, Pille) mit entscheidend.

Menschen, die das veränderte Gen auf einem ihrer Chromosomen tragen, haben ein drei- bis vierfach erhöhtes Thromboserisiko. Menschen, bei denen das veränderte Gen auf beiden Chromosomen vorkommt, weisen ein 60- bis 80-fach erhöhtes Thromboserisiko auf.

Die APC-Resistenz wurde vom schwedischen Arzt Björn Dahlbeck entdeckt. Der Gendefekt wurde in der niederländischen Stadt Leiden herausgefunden, daher kam es auch zur Namensgebung Faktor-V-Leiden-Variante.

Die Kaskade der Blutgerinnung

Kommt es zu einer Verletzung der Gefäßwand, beispielsweise durch eine Schnittverletzung, setzt die Blutgerinnung auf verschiedenen Ebenen parallel ein.

  • sofortige Reparaturmechanismen zur Blutstillung

Durch die Verletzung der Gefäßwand wird der sogeannante von Willebrand Faktor (vWF) freigesetzt, welcher zur Anheftung von Blutplättchen (Thrombozyten) führt. Diese nun aktivierten Thromobzyten versiegeln einerseits die defekte Stelle und führen über die Ausschüttung von verschiedenen Botenstoffen, welche unter anderem zu einer Verengung des Blutgefäßes und zu einer weiteren Ansammlung und Verklumpung von Thrombozyten führen (Thrombozytenpropf, weißer Thrombus).

  • Einsetzen der Blutgerinnung

Bei der Blutgerinnung werden zwei verschiedene Systeme aktiviert. Das "exogene" und das "endogene" System. Das "exogene" System wird durch Faktoren in Gang gesetzt, welche bei der Gewebsverletzung freigesetzt werden. Das endogene System wird durch die freiliegenden Bindegewebsfasern (Kollagenfasern) aktiviert. Beide Systeme aktivieren weitere, für die Blutgerinnung wichtige Faktoren. So wird Faktor X (zehn) zum aktivierten Faktor X, also Xa. Dieser wiederum ist nötig, um Prothrombin (Faktor II, zwei) zu IIa zu aktivieren, welcher dann Fibrinogen (Faktor I, eins) zu Fibrin (Ia) aktiviert. Daher spricht man von einer Kaskade der Blutgerinnung, da sie praktisch durchläuft und ein Faktor durch seine Aktivierung wichtig ist, um den nächsten Schritt in Gang zu bringen. Das Fibrin besteht aus Fasern, ähnlich wie ein Filz, sowie Blutzellen, was dann zur endgültigen Abdichtung (gemischter oder roter Thrombus genannt) des Gefäßes führt.

Ausgeklügeltes System zwischen Thrombusbildung und -auflösung:

Im Zuge der Wundheilung – und damit das betroffene Gefäß durchgängig bleibt –, muss der Pfropf natürlich wieder aufgelöst werden. Dafür sorgt ein weiteres System im Blut, das mit der Gerinnung ein fein abgestimmtes, ständig aktives Gleichgewicht bildet: die Fibrinolyse. Ein wichtiger Stoff darin, der den Thrombus auflöst, ist Plasmin. Daneben gibt es noch weitere Stoffe, die einzelne Gerinnungsfaktoren "kontrollieren", um eine überschießende Gerinnung zu vermeiden.

Was passiert nun bei einer Faktor-V-Leiden-Variante beziehungsweise der APC-Resistenz?

Der aktivierte Faktor V (fünf) ist ein Co-Faktor für oben genannten Faktor Xa und ist somit für die Kaskade der Blutgerinnung wichtig. Faktor V wird über Faktor Xa oder IIa aktiviert. Über das aktivierte Protein C und Protein S wird der Faktor Va gehemmt - dies ist wichtig, um die Blutgerinnung im Gleichgewicht zu halten. Aufgrund der Genmutation am Faktor Va kann dieser vom aktivierten Protein C (APC) nur langsam inaktiviert werden und die Gerinnungskaskade läuft mit (etwas) erhöhter Aktivität weiter.

Diagnose: Wie wird eine Faktor-V-Leiden-Variante und APC-Resistenz festgestellt?

Der Verdacht auf eine APC-Resistenz und eine Faktor-V-Leiden-Variante kann durch spezielle Labortests überprüft werden.

Der Arzt wird eine Testung auf eine mögliche APC-Resistenz vor allem empfehlen, wenn

  • Thrombosen ohne äußerlichen Anlass auftreten
  • Thrombosen innerhalb der Familie häufig auftreten
  • Thrombosen an ungewöhnlichen Stellen vorkommen
  • Spontanaborte auftraten

Therapie: Wie wird eine Faktor-V-Leiden-Variante und APC-Resistenz behandelt?

Eine Heilung der Faktor-V-Leiden-Variante ist nicht möglich. Allerdings können Risikofaktoren, welche eine Thromboseentstehung begünstigen, minimiert werden.

Hierzu zählen folgende Maßnahmen:

Rauchen sollte tabu sein. Die Einnahme einer Anti-Baby-Pille ist mit einem erhöhten Thromboserisiko verbunden. Nutzen und Risiko sollten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. In Risikosituationen wie Langstreckenflügen empfiehlt sich eine Thromboseprophylaxe mit Kompressionsstrümpfen, auch eine zusätzliche Vorbeugung (Prophylaxe) mit Heparinspritzen in die Unterhaut zur Blutverdünnung ist möglich.

Bei spontanen oder häufig wiederkehrenden Thrombosen verordnet der Arzt auch eine dauerhafte Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten.

Experte Prof. Dr. med. Michael Spannagl

Unser beratender Experte:

Professor Dr. Michael Spannagl ist als Hämostaseologe an der Ludwigs-Maximilian-Universität (LMU) in München tätig und in Fachkreisen sehr bekannt für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Hämostase, Intensivtherapie und Labormedizin. Er ist verantwortlich für experimentelle und klinische Studien über Antikoagulation, Therapie der Hämophilie und Management von Blutkomponenten. Er ist Mitglied mehrerer Ausschüsse (DIN, ISO, CEN) zur Erarbeitung von Standards für die medizinische Labordiagnostik und für das Qualitätsmanagement. Er war Leitlinienkoordinator und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) und ist Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien (INSTAND e.V.) und Mitglied des Arbeitskreises Blut des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Er ist Autor und Co-Autor von über 250 Publikationen (Artikel und Buchkapitel). Als Kommisionsmitglied der Deutschen Ärztekammer hat er die Leitlinien zur "Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten" sowie die Leitlinien zur "Prophylaxe und Therapie der venösen Thromboembolie (VTE)" mitverfasst. Außerdem ist Prof. Spannagl aktives Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler wissenschaftlicher Fachgesellschaften für Hämostase, Transplantations- und Labormedizin ebenso wie für Standardisierung und Qualitätsmanagement in medizinischen Laboratorien.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.