Wetterdienst warnt vor Gesundheitsfolgen

Hitzewellen werden häufiger und intensiver. Der Deutsche Wetterdienst benennt in seinen Mitteilungen die gesundheitlichen Folgen. Dabei warnt er seit Kurzem ältere und kranke Menschen extra

von Dr. Achim G. Schneider, 26.06.2018
Sonnenuntergang

In Städten heizen sich vor allem dicht gebaute Zentren tagsüber stark auf und kühlen nachts kaum ab


Wie warm die nächsten Monate werden? Selbst erfahrene Meteorologen können da nur raten, denn das Wetter lässt sich allenfalls ein paar Wochen im Voraus genauer einschätzen. Gewiss ist aber, dass es generell einen Trend zu höheren Temperaturen gibt (siehe Grafik unten). Gewiss ist inzwischen auch, dass diese Hitzewellen der Gesundheit schaden. Das zeigen Analysen aus Deutschland.

Die Hitze strapaziert das Kühlsystem des Körpers. Mögliche Folgen: Kopfschmerz, Erschöpfung, Benommenheit, schlaflose Nächte. Bei gesunden Menschen bleibt es dabei. Doch für alte, gebrechliche und chronisch kranke Personen sind die hohen Temperaturen lebensbedrohlich. Rund 7000 Hitzeopfer gab es 2003 im "Jahrhundertsommer" in Deutschland. Ein Einzelereignis? Keineswegs.

In Zukunft wird es häufiger Hitzwellen geben

"Der Sommer 2015 war zwar nicht ganz so heiß, gesundheitlich jedoch fast ebenso belastend. Denn es war schwüler und nachts wärmer", sagt Professor Andreas Matzarakis, der in Freiburg die Medizin-Meteorologische Forschung beim Deutschen Wetterdienst (DWD) leitet. Sein Team hat die beiden wärmsten deutschen Sommer der letzten 70 Jahre miteinander verglichen und im Hinblick auf den Klimawandel analysiert.

Fazit: Solche Belastungen werden künftig die Regel sein. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte es jeden zweiten Sommer dazu kommen, bis 2100 sind sogar zwei Hitzewellen pro Saison möglich. Die Studienergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Atmosphere veröffentlicht. Das hat auch positive Effekte. So dürften sich viele Menschen über eine längere Badesaison und höhere Temperaturen freuen.

Chart Sommertemperaturen

Hitze birgt viele Gefahren für die Gesundheit

Zugleich wird aber auch die UV-Strahlung intensiver. Wer sich nicht ausreichend davor schützt – zum Beispiel im Schwimmbad –, erhöht sein Hautkrebsrisiko. Experten rechnen außerdem mit mehr Vergiftungen durch nicht ausreichend gekühlte Lebensmittel. Pollenallergiker leiden in Zukunft stärker, weil Pflanzen länger blühen. Und da auch Zecken bei Wärme besser gedeihen, könnten sie häufiger Erreger wie Borrelien übertragen, warnt das Robert-Koch-Institut in Berlin.

Doch die größte Gesundheitsbedrohung stellen die direkten Effekte von Hitzewellen dar. Geschwächte Personen können daran sterben, ihre Lunge versagt, sie erleiden einen Herzinfarkt. Seit 2003 nimmt man diese Gefahren ernst. Als eine der ersten bundesweiten Maßnahmen führte damals der DWD ein System ein, das alle Landkreise und Städte warnt, sobald eine starke Wärmebelastung droht. Neben der Temperatur geben dafür auch Luftfeuchte und Wind den Ausschlag. Experten errechnen daraus die gefühlte Temperatur als Maß für das gesundheitliche Risiko.

Deutscher Wetterdienst warnt vor belastenden Temperaturen

Ab gefühlten 32 Grad kann eine Warnung erfolgen. "Doch wir sprechen sie erst dann aus, wenn die Nacht nicht auf unter 20 Grad abkühlt und am folgenden Tag wieder mindestens 32 Grad erwartet werden", sagt Matzarakis. Denn Meteorologen wissen aus der Analyse vergangener Hitzeperioden: Dauern diese nur wenige Stunden, verkraften die meisten Menschen sie gut. Jedoch nur, solange die gefühlte Temperatur nicht auf über 38 Grad klettert. Wenn sich das anbahnt, stuft der Deutsche Wetterdienst die Belastung als extrem ein und warnt sofort davor: gegen elf Uhr vormittags, sodass die Informierten noch vor der Mittagshitze reagieren können.

Prof. Dr. Andreas Matzarakis

Bereits 2017 führte der DWD zwei Neuerungen ein. Die erste berücksichtigt, dass gerade Alte und Kranke sehr empfindlich auf Hitze reagieren. Sie werden jetzt bereits ab gefühlten 36 Grad vor extremer Belastung gewarnt. Die zweite Neuerung betrifft Großstädte. Da sich die dicht bebauten Zentren besonders stark aufheizen, wird dort die lokale Belastung errechnet und – wenn nötig – davor gewarnt.

Hitzewarnungen per Internet, Newsletter und App

Der DWD informiert über mehrere Kanäle: auf seiner Internetseite, per E-Mail-Newsletter, mit seiner Warn-Wetter-App. Jeder Smartphone-Besitzer kann diese kostenfrei nutzen. Doch da liegt ein Problem: Wer am meisten unter der Hitze leidet, erhält die Warnungen nicht unbedingt. Denn viele betagte Menschen nutzen weder einen Computer noch ein Smartphone. Immerhin: Die meisten Gesundheitsämter, Notdienste, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen bekommen den Newsletter und können auf Hitzewarnungen reagieren.

"Doch im medizinischen und pflegerischen Bereich gibt es noch einigen Bedarf, um das System breiter bekannt zu machen", sagt Dr. Hans-Guido Mücke, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Umwelthygiene am Umweltbundesamt in Berlin. Etwa unter ambulant arbeitenden Pflegern, niedergelassenen Ärzten und Apothekern. Sie alle haben auch mit Menschen zu tun, die besonders empfindlich auf Hitze reagieren – können also mit Empfehlungen helfen. Etwa wie man Arzneimittel bei hohen Temperaturen lagert oder ob man die Medikamentendosis reduzieren sollte.

Hitzewarnungen können mit Verhaltenstipps verknüpft werden

Hans-Guido Mücke wünscht sich, dass auch die Hitzewarnungen automatisch mit Verhaltenstipps verknüpft werden. "Leider erfolgt das bislang nicht bundesweit. Bayern ist eine positive Ausnahme." Wer dort für seinen Wohnort eine Warnung erhält, muss nur einmal tippen – und schon ploppen auf dem Bildschirm die Empfehlungen des zuständigen Landesamts auf. "Viele dieser Informationen sind trivial, doch sie sollten für alle Bürger leicht zugänglich sein", sagt Mücke.

Dazu gehören Ratschläge wie in den heißen Stunden auf körperliche Aktivität möglichst zu verzichten, die Sonne zu meiden, sich in kühlen Räumen aufzuhalten und ausreichend zu trinken. Ein Punkt fehlt laut Matzarakis. Und der ist dem DWD-Experten besonders wichtig: "Wenn wir warnen, ist auch eine gute Nachbarschaftshilfe gefragt." Sein Rat: nachfragen, wie es dem anderen geht, ob man für ihn etwa Einkäufe übernehmen kann.

Deutschland muss sich langfristig an die Sommerhitze anpassen

Warnungen, Verhaltenstipps und gegenseitige Hilfe sind wichtig. Doch auch mittel- und langfristig wird sich Deutschland an höhere Sommertemperaturen anpassen müssen. Darüber sind sich alle einig. So haben die meisten Großstädte Schutzstrategien entwickelt, Forschungsvorhaben angestoßen, Workshops organisiert.

Tage mit Wärmebelastung

"Doch Nachbarstaaten wie die Niederlande, die Schweiz und Frankreich sind bereits viel weiter. Sie haben Hitzeaktionspläne formuliert und umgesetzt. Wir hingegen haben bundesweit noch nichts Vergleichbares", kritisiert Mücke.

Und das 15 Jahre nach dem bislang schlimmsten Hitzesommer. Seit letztem Jahr gibt es zumindest Empfehlungen, die allen Entscheidern in den Bundesländern und Gemeinden dabei helfen sollen, Anpassungen zur Gesundheit zu planen und durchzuführen.

Dazu zählt die Kühlung von Gebäuden etwa durch Rollläden und Markisen, aber auch die Umgestaltung ganzer Stadtquartiere, sodass sie sich im Sommer weniger aufheizen. Und steht in Kliniken, Alten- und Pflegeheimen eine Sanierung an, soll der Einbau von Klimaanlagen erwogen werden.

Der Ausstoß von Treibhausgasen sollte verringert werden

"Das ist allerdings kein Freibrief für Klimaanlagen", betont Mücke, der an den Empfehlungen mitgearbeitet hat. Denn erstens transportieren die Geräte die Wärme nach draußen und heizen so die Städte weiter auf. Zweitens verbrauchen sie Strom, der in Deutschland zu über 50 Prozent durch das Verbrennen von Kohle und Erdgas gewonnen wird. Dabei entstehen Treibhausgase wie Kohlendioxid – die Verursacher des Klimawandels. 

Deren Ausstoß stagniert in letzter Zeit in Deutschland, statt zu sinken. Bereits bei den Sondierungsgesprächen verabschiedeten sich CDU, CSU und SPD von dem Ziel, die Menge bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Auch dem Koalitionsvertrag fehle ein klarer Plan, wie der Stromverbrauch und der Kohlendioxid-Ausstoß vermindert werden sollen, kritisiert der Bund für Natur und Umweltschutz Deutschland.

"Im Klimawandel liegt eine besondere Gesundheitsbedrohung für uns, deshalb müssen wir in Deutschland mehr als bislang dafür tun, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren", mahnt Mücke. Auch davon hängt ab, wie sehr alte und gebrechliche Menschen künftig unter extremer Sommerhitze leiden werden.

Die globalen Folgen des Klimawandels

Die Einwohner von Kiribati bereiten bereits ihre Umsiedlung vor. Denn steigende Meeresspiegel und zunehmend heftigere Sturmfluten wie die im März 2015 werden den pazifischen Inselstaat schon in drei Jahrzehnten unbewohnbar machen.

Global könnten bis zu 140 Millionen Menschen vor allem in Südasien, Lateinamerika und Afrika ihre Heimat aufgeben müssen, wenn keine Anpassungen an den Klimawandel erfolgen, schreibt die Weltbank in einem aktuellen Report.

Die Weltgesundheitsorganisation rechnet von 2030 bis 2050 mit jährlich rund 250 000 Todesfällen, die sich aus dem Klimawandel ergeben. Die Ursachen sind Fehlernährung, Durchfallerkrankungen, Malaria und Hitzestress.