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Was tun bei extremer Hitze?

Richtig heiße Tage werden aufgrund des Klimawandels auch in Deutschland immer häufiger. Warum gerade Ältere besser davor gewarnt werden müssten, wie Frankreich seine Bevölkerung schützt – und was die besten Tipps bei Hitze sind

von Dr. Achim G. Schneider, 15.09.2020
Berliner Fernsehturm in der Abendsonne

Berlin: Das Zentrum bildet die größte Wärmeinsel Deutschlands - mit bis zu zehn Grad höheren Temperaturen als im Umland


"Während die einen süß in der Feriensonne schlummern, sterben die anderen in ihrem Krankenhausbett." Das schrieb ­eine französische Tageszeitung zum ­Höhepunkt der extremen Hitze im ­August 2003. Am Vortag war der damalige Gesundheitsminister des Landes auf Druck der Presse vor die Kameras getreten. Im Poloshirt und vor seinem Urlaubsdomizil erklärte er, man richte jetzt eine Notruf-Hotline ein, die über vorbeugende Maßnahmen bei Hitze informiert.

Die Notaufnahmen der Pariser Krankenhäuser waren da schon völlig über­­lastet. Überhitzte und ausgezehrte ­Patienten erhielten keine angemessene Versorgung. Wenig später wurde ein gekühlter Hangar im Großmarkt vor Paris zur Leichenhalle – für einige Wochen die größte in Europa.

Tötliche Temperaturen

Heißes Wetter tötet vor allem alte, gebrechliche und chronisch kranke Menschen. Die wenigsten sterben ­direkt an einem Hitzschlag. Viel häufiger verschlimmern sich bestehende Krankheiten durch die Belastung, vorgeschädigte Organe versagen. Während der europäischen Hitzewelle 2003 starben in 16 Ländern mehr als 70 000 Menschen an den Folgen hoher Temperaturen: Frankreich und Italien zählten jeweils rund 20 000 Opfer, in Spanien waren es circa 15 000 und in Deutschland über 9000.

"Seit damals wissen wir, Perioden extremer Hitze sind auch hierzulande eine große Gesundheitsgefahr. Wir sind davon sogar in erstaunlich hohem Maß betroffen", sagt Dr. Hans-­Guido Mücke, Wissenschaftler im Fachgebiet Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung am Umweltbundesamt. Das zeigen auch die Sommer 2006 und 2015 mit jeweils über 6000 Hitzeopfern in Deutschland. Für die vergangenen beiden heißen Sommer liegen noch keine Zahlen vor. ­Mücke: "Unser föderales Meldesystem erlaubt bundesweite Analysen bislang nur mit zweijährigem Verzug."

Hitzewarnsysteme für die Bevölkerung

Das Jahr 2003 markiert den Startschuss für entsprechende Schutzmaßnahmen in Europa. Fast überall wurden Hitzewarnsysteme aufgebaut, sogar in England. Hierzulande etablierte der Deutsche Wetterdienst (DWD) das auch heute noch aktuelle zweistufige System: Ab 32 Grad wird vor großer, ab 38 Grad vor extremer Hitzebelastung gewarnt. Für Senioren gilt hier die Schwelle von 36 Grad.

Ausschlaggebend ist dabei die sogenannte gefühlte Temperatur – errechnet aus dem vorhergesagten Maximalwert plus Wind, Luftfeuchte und Sonnenstrahlung. All diese Faktoren beeinflussen die gesundheitliche Belastung. Für Großstädte fließt zudem mit ein, dass sie sich stärker aufheizen. "Hitzewarnungen enthalten auch Verhaltensempfehlungen", sagt Professor Andreas Matzarakis, Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorolo­­gische Forschung beim DWD in Freiburg. Zum Beispiel mehr trinken und drinnen bleiben.

Sonniges Paris von oben

Doch das ausgeklügelte System hat ein großes Manko. Matzarakis: "Die Leute müssen selber schauen, dass sie an die Informationen kommen." Also den Newsletter abonnieren, die Webseite des DWD aufrufen oder eine Wetter-App auf ihrem Smartphone verwenden. Doch gerade die Risikogruppe nutzt diese Möglichkeiten am wenigsten. "Senioren schauen sich eher die Teletexte an. Doch da sind unsere Warnungen schon lange nicht mehr drin", sagt Matzarakis.

Französische Kampfansage

Pflegeheime können den Newsletter ebenfalls bestellen – auf Wunsch mit zusätzlichen, auf sie zu­geschnittenen Informationen. Doch niemand weiß, wie oft dieses Angebot genutzt wird. Matzarakis wünscht sich, dass jedes Heim in Deutschland bei einer Hitzewarnung regelhaft alarmiert würde.

In Frankreich ist das der Fall. Nach dem Schock von 2003 wurde Hitzeschutz hier zur Staatsangelegenheit. Bereits im Sommer darauf stand ein nationaler Aktionsplan. "Der Gesundheitsminister hat darauf gedrängt", erinnert sich Dr. Karine Laaidi von der Agence Nationale de Santé Pu­blique, der Nationalen Agentur für ­Öffentliche Gesundheit in Paris. Die Epidemiologin leitet dort das Projekt Klima und Gesundheit.

Hitze: So reagiert der Körper

"Die Alten- und Pflegeheime sind ­inzwischen gut auf Hitze vorbereitet. Das Personal passt seine Aktivitäten an", so Laaidi. Es sorgt etwa dafür, dass die Bewohner reichlich trinken, leicht bekleidet sind, unter einer dünnen Decke schlafen, genug Abkühlung bekommen – wenn nötig in angenehm temperierten Räumen.

Kammern des Schreckens

Auch die Warnungen kommen in Frankreich fast überall an. Verbreitet werden sie per Radio und Fernsehen, unterstützt durch Plakate zu Schutzmaßnahmen, typischen Beschwerden und der Notrufnummer. Jeder kann die Aushänge bestellen und auf seinen Computer laden. "Viele Akteure verteilen die Informationen", berichtet Laaidi. Darunter Alten- und Pflege­­heime, Krankenhäuser, Arztpraxen und Apotheken. "Apotheker erfüllen bei Hitze wichtige Beratungsaufgaben. Sie erinnern daran, Vorkehrungen zu treffen, Medikamente kühl zu lagern und bei Beschwerden einen Arzt aufzusuchen."

Ebenfalls eine aktive Rolle spielen die Kommunen. Mitarbeiter rufen allein lebende, alte und chronisch kranke Menschen bei einer Hitzewarnung an – eine weitere Lehre aus den bitteren Erfahrungen von 2003. "300 Familien haben nicht bemerkt, dass ihre Oma, ihr Opa oder ihre Mutter gestorben ist", sagte der damalige Staats­sekretär für Senioren. "Einige Menschen wurden erst Tage später tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Das hat damals besonders geschockt", bestätigt Laaidi. Sie hat analysiert, warum das vor allem in Paris passierte.

Ein wichtiges Ergebnis: Bewohner von Dachgeschosswohnungen traf es auffällig häufig. Laaidi: "Es handelt sich um Menschen, die in winzigen Zimmern leben, gerade mal mit Platz für ein Bett, einen Tisch und ein Waschbecken und oft nur über eine Außentreppe zu erreichen." Viele waren also in den für die französische Hauptstadt so typischen Dachkammern quasi gefangen, als die Hitze sie auszehrte.

Wasser schleppen kann lebensgefährlich werden

In Deutschland gibt es aktuell noch keinen umfassenden Hitzeaktionsplan – weder auf nationaler, regionaler noch lokaler Ebene. Immerhin: Die ersten Kommunen arbeiten daran. So hat sich die Stadt Köln vorgenommen, bis Ende 2021 einen solchen Plan zu etablieren. Ziel: Senioren besser vor belastend hohen Temperaturen zu schützen.

Eine Befragung von 258 älteren Einwohnern hat bereits stattgefunden, erste Ergebnisse liegen vor. "Viele nutzen das Fern­sehen und die Zeitung, um sich über Hitze zu informieren. Doch nur ein Fünftel kennt die Warnungen des Deutschen Wetterdienstes", sagt Juliane Kemen vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Universität Bonn, die das Projekt wissenschaftlich begleitet.

So schützen Sie sich

Auch interessant: Die wenigsten Befragten trinken Leitungswasser, obwohl es von guter Qualität ist. Kemen: "Viele schleppen stattdessen schwere Wasserflaschen in die Wohnung. Das kann bei Hitzeperioden zur Belastung werden." Weiterer Punkt: Einige effektive Methoden zur Abkühlung werden kaum eingesetzt, etwa Duschen, Umschläge und Fußbäder.

Deutschlands kleine Schritte

Die verletzlichste Zielgruppe konnte man bislang jedoch kaum erreichen: sehr alte Menschen, die zurückgezogen und isoliert leben. "Die machen nicht so gerne die Tür auf, auch wenn sie vorher Post von der Stadt bekommen haben", erklärt Yvonne Wieczorek
vom Umwelt- und Verbraucherschutzamt der Stadt Köln, das ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist.

Doch Wieczorek sieht Chancen. Eine Option wäre, nach französischem Vorbild anzurufen und nachzufragen. "Man könnte das mit einem System verbinden, in dem jüngere Menschen freiwillig Senioren unterstützen." Dass das im Prinzip funktioniert, zeigt die aktuelle Erfahrung mit Corona. Fremde helfen sich gegenseitig, erledigen zum Beispiel Einkäufe füreinander.

Spaziergänger unter Wassersprenkler in Paris

Das Projekt in Köln ist ein Leuchtturmvorhaben für alle, die sich seit Jahren für den gesundheitlichen Schutz vor Hitze einsetzen. Ich persönlich erhoffe mir davon einen Schneeballeffekt für die lokale und kommunale Ebene in Deutschland", sagt Mücke. Der Experte vom Umweltbundesamt sieht, dass die Aktivitäten in letzter Zeit an Tempo gewonnen haben. Weitere Städte beginnen Aktions­pläne zu entwickeln und tauschen sich dabei untereinander aus.

Klimaanlagen sind umstritten

Die Pflegeheime in Köln etwa orientieren sich am Hitze-Management-Leitfaden aus Hessen. Darin sind unter anderem angenehm temperierte Räume vorgesehen, erreichbar etwa durch Klimaanlagen. Die allerdings sind umstritten. "Sie können für bestimmte Räumlichkeiten sinnvoll und nützlich sein, sind jedoch ein zweischneidiges Schwert. Denn sie verbrauchen zusätzlich Energie, stehen damit dem Klimaschutz entgegen", sagt Mücke. Um effektiv zu sein, sollen die Fenster in klimatisierten Räumen immer geschlossen bleiben. Da­rum empfiehlt das Umweltbundesamt nicht grundsätzlich das Aufrüsten mit Klimaanlagen.

Menschen, die mit Hitzebeschwerden ins Krankenhaus kommen, profitieren allerdings sehr wohl davon. Professor Christian Witt, Leiter des Forschungsbereichs Pneumologie an der Charité Berlin, zeigte das in einer  Studie: Wer in klimatisierten Räumen mit 23 Grad behandelt wurde, erholte sich schneller und konnte früher entlassen werden. "Jedes deutsche Krankenhaus sollte ausreichend Klimazimmer für hitzeempfindliche Patienten vorhalten", fordert Witt.

Die eigene Gesundheit im Blick

Doch das ist – wie viele andere sinnvolle Maßnahmen – aktuell Zukunftsmusik. Dabei weiß man: Hitzewellen werden häufiger und intensiver. Der letzte Sommer brachte vielen europäischen Ländern neue Temperaturrekor­de. So wurde in Deutschland in mehreren Regionen an drei aufeinanderfolgenden Tagen die 40-Grad-Marke überschritten. Und im Süden Frankreichs wurden sogar 46 Grad erreicht.

Heißester Sommer auf der Nordhalbkugel

Erstmals überhaupt wurde in unserem Nachbarland die höchste Warnstufe Rot ausgerufen. 1500 Menschen starben – zumindest weit weniger als 2003. Bereits im September 2019 gab die französische Regierung die neuen Zahlen bekannt. Für Deutschland wird man erst im kommenden Jahr die Bilanz für den vergangenen Sommer ziehen können. Immerhin: Ein neues Gesetz macht es möglich, künftig ebenfalls binnen weniger Wochen die Anzahl der Hitzetoten bundesweit abzuschätzen. Es tritt allerdings erst im November 2021 in Kraft.

Die Zeit für einen umfassenden Aktionsplan drängt, wie ein aktuelles Warnschreiben der Weltorganisation für Meteorologie untermauert. Das Schreiben fordert die Verantwortlichen dazu auf, schleunigst Maßnahmen zu ergreifen und dabei die Effekte der Corona-Pandemie zu berücksichtigen.

So gehen Senioren aufgrund der gesundheitlichen Gefahrenlage derzeit nur ungern zum Arzt oder ins Krankenhaus und leben isolierter als zu normalen Zeiten. Sie sind also bei Hitze noch verwundbarer als sonst.

Der Deutsche Wetterdienst warnt  täglich bis 11 Uhr vor drohender Belastung durch Hitze. Im Internet auf www.dwd.de


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