Was hilft gegen das Tourette-Syndrom?

Das Tourette-Syndrom ist eine Nervenkrankheit, gekennzeichnet durch Tics: unwillkürliche Bewegungen und Laute. Was Betroffenen das Leben erleichtert
von Stephan Soutschek, aktualisiert am 18.11.2015

Grimassen schneiden ist ein möglicher Tic von Patienten mit Tourette-Syndrom

Shotshop/Ambrose

Wolfgang Amadeus Mozart war ein Musikgenie. Doch er hatte dunkle Seiten. Er schrieb Briefe voller Schimpfwörter und Kraftausdrücke. Zudem neigte er dazu, in Sätzen Wörter ohne ersichtlichen Sinn aneinanderzureihen. Manche Forscher hegen deshalb den Verdacht, Mozart habe unter der Nervenkrankheit Gilles-de-la-Tourette-Syndrom gelitten. Wie erkennt man die Krankheit? Wann deuten Zuckungen und andere Tics wirklich auf Tourette? Und wie lässt sich die Krankheit behandeln? Erfahren Sie hier das Wichtigste.

Charakteristisch für das Tourette-Syndrom: Tics

Das Tourette-Syndrom ist durch das Auftreten sogenannter Tics definiert. "Dabei handelt es sich um schnelle, unwillkürliche Bewegungen von Muskeln, über die eine Person nur teilweise Kontrolle besitzt", erklärt die Neurologin und Psychiaterin Professorin Irene Neuner. Sie ist Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Aachen.

Das Leiden ist nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette benannt, der es 1885 als erster beschrieb. Vom Tourette-Syndrom spricht man, wenn beim Patienten mehrere motorische Tics – etwa seltsame Bewegungen oder Zuckungen – und mindestens ein vokaler Tic – zum Beispiel Räuspern oder Herausschleudern von unpassenden Wörtern – über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr vorliegen. Das Tourette-Syndrom beginnt üblicherweise im Kinder- oder Jugendalter.

Tics lassen sich in einfache und komplexe aufteilen. Einfache motorische sind zum Beispiel Augenrollen, Stirnrunzeln, Kopfschütteln, Grimassieren oder Schulterzucken. Zu komplexen Tics gehört unkontrolliertes Hüpfen, mit dem Fuß stampfen oder an der Kleidung zupfen. Einfache vokale Tics sind Räuspern, Husten, Spucken oder laute Atemgeräusche. Zu den komplexen gehören hier unter anderem das Wiederholen von Wörtern. Zu den häufigsten Tics in Verbindung mit dem Tourette-Syndrom gehören Blinzeln, Räuspern und Schnaufen. Das unwillkürliche Fluchen (Koprolalie), das gemeinhin mit der Krankheit in Verbindung gebracht wird, tritt keineswegs bei allen Betroffenen auf. Die Zahlen dazu sind jedoch recht unterschiedlich: Während in einer 2009 veröffentlichten Untersuchung von Forschern der University of British Columbia bei etwa 19 Prozent der männlichen und 15 Prozent der weiblichen Tourette-Syndrom-Patienten eine Koprolalie gefunden wurde, sprechen andere Erhebungen beispielsweise von Zahlen um die 10 oder 30 Prozent.

Verschieden starke Ausprägungen

Lange Zeit galt das Syndrom als eher exotische Erkrankung. Inzwischen ist klar, dass es weitaus häufiger ist. "Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung liegt das Tourette-Syndrom vor", schätzt Neuner. Tic-Störungen sind noch bedeutend häufiger. Allerdings sind diese oft so schwach ausgeprägt, dass sie nicht als krankhaft gelten. Das Tourette-Syndrom entsteht meist im Kinder- und Jugendalter. Bei vielen Betroffenen bessern sich die Symptome oder verschwinden im Erwachsenenalter. Männer sind deutlich häufiger als Frauen betroffen.

Die Intensität und Häufigkeit der Tics variiert im Alltag. "Unter Stress treten sie oft häufiger auf, bei Momenten mit einem hohen Maß an Konzentration dagegen seltener", erklärt Neuner. Manche Tourette-Patienten können ihre Tics bis zu einem gewissen Grad unterdrücken oder hinauszögern. Allerdings teilweise mit der Folge, dass sie im Anschluss verstärkt hervorbrechen. Zudem können Tics sich im Lauf des Lebens abschwächen oder intensiver werden. Auch das ist bei jedem Patienten unterschiedlich.

Bei Tourette-Patienten treten häufig nicht nur Tics, sondern noch weitere Störungen auf: Das können zum Beispiel Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizite und Ängste sein, seltener selbstverletzendes Verhalten und andere autoaggressive Tendenzen. Erwachsene entwickeln häufig depressive Stimmungen.

Ursachen des Tourette-Syndroms ungeklärt

Die Ursachen für die Entstehung eines Tourette-Syndroms sind nicht geklärt. Genetische Faktoren spielen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle. Viele Patienten haben einen engen Verwandten, bei dem das Syndrom ebenfalls vorliegt. Einen Risikofaktor stellt vermutlich Rauchen in der Schwangerschaft dar. Zudem wird diskutiert, dass Tourette eventuell eine Folge bestimmter bakterieller oder viraler Infekte sein könnte.

Patienten zeigen Auffälligkeiten in den Basalganglien im frontalen Kortex (Hirnrinde des sogenannten Stirnlappens). Diese Bereiche des menschlichen Gehirns sind für die Koordination der Motorik mitverantwortlich. Vermutlich liegt in diesen neuronalen Netzwerken bei Patienten mit einem Tourette-Syndrom eine Störung vor.

Therapieansätze für das Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom ist nach wie vor nicht heilbar. Dennoch können Medikamente und verhaltenstherapeutische Maßnahmen den Patienten das Leben oft deutlich erleichtern. "Der erste wichtige Behandlungsschritt besteht bereits in der Diagnose, wenn die Betroffenen endlich einen Namen für ihr Leiden erhalten", weiß Neuner aus eigener Erfahrung. Sie berät in einer Sprechstunde am Universitätsklinikum Aachen Tourette-Patienten. Oft haben diese einen langen Leidensweg aus falschen Diagnosen hinter sich.

Als medikamentöse Therapie können zum Beispiel bestimmte psychopharmakologische Medikamente, die zur Gruppe der Neuroleptika gehören, die Belastung durch Tics verringern. Allerdings haben sie oft unerwünschte Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Konzentrationsschwäche. Daher erhalten sie in der Regel nur Patienten, deren Alltag durch die Erkrankung deutlich eingeschränkt ist.

Was die Verhaltenstherapie angeht, sind Übungen zur gezielten Unterdrückung von Tics eine Möglichkeit. Sie haben jedoch nicht immer Erfolg. Verhaltenstherapien konzentrieren sich deshalb mehr auf eine bessere Bewältigung des Alltag. Eine wichtige therapeutische Maßnahme ist zudem die Sensibilisierung des Umfelds. Laien wissen mit der Krankheit oft nicht richtig umzugehen, reagieren mit Unverständnis, "Reiß dich zusammen"-Aufforderungen und Spott. Das führt bei Tourette-Patienten zu einem enormen Leidensdruck und begünstigt das Entstehen sozialer Phobien und Depressionen.

Hilfe finden Betroffene in speziellen Tourette-Sprechstunden. Entsprechende Angebote gibt es in vielen deutschen Städten. Eine Liste mit Anlaufstellen bietet die "Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V." auf ihrer Homepage: tourette-gesellschaft.de

 


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