Ohrgeräusche (Tinnitus) – Ursachen: Welchen Einfluss die Psyche hat

Psychische Belastungen und Erkrankungen spielen bei vielen Beschwerdebildern eine einflussreiche Rolle, so auch bei Tinnitus
aktualisiert am 03.04.2017

Immer unter Hochspannung: Wenn es zu viel wird, gerät auch das Hörsystem unter Druck

Thinkstock/Comstock

Stress und Tinnitus

Stress, körperlicher oder seelischer, löst zwar unmittelbar keinen Tinnitus im Gehirn aus. 26 Prozent der Menschen mit chronischem Tinnitus berichten jedoch, dass sie viel Stress hatten oder haben. Die Ohrgeräusche sind demnach ein "innerer Seismograph" der aktuellen Befindlichkeit.

Offenbar begünstigen unter anderem häufig psychische Faktoren die Entwicklung eines Tinnitus. Sie haben aber vor allem einen wichtigen Einfluss darauf, wie jemand die Dauertöne erlebt und wie er mit ihnen umgehen kann. Schon im Akutstadium spielt möglicherweise die seelische Verfassung eine Rolle, etwa bei einem Hörsturz. Hier können Dauerstress und einschneidende Lebensereignisse auch das Hörsystem "unter Druck setzen". Deshalb ist psychotherapeutische Beratung neben der medizinischen Behandlung meist schon im Anfangsstadium hilfreich.

Chronischer Tinnitus: Oft leidet die Seele

Ein besonderes Gewicht erhält die Verflechtung zwischen Psyche und Hören beim chronischen Tinnitus. Wer darunter leidet, kann Gefühle gleichsam hören: Chronisch Betroffene nehmen emotionale Eindrücke auch mit Gehirnarealen wahr, die mit der Hörbahn vernetzt sind. Das ergaben Studien des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Das Gehirn ist bei bleibenden Ohrgeräuschen dauerhaft sensibilisiert. Auf den amerikanischen Forscher Pawel Jastreboff geht ein neurophysiologisches Modell zurück, das zeigt, welche Rolle Wahrnehmung und Bewertung bei der Entstehung eines chronischen Tinnitus spielen: Zuerst sind die Geräusche mit gewissen Assoziationen wie Angst, Kontrollverlust und Hilflosigkeit zeitlich eng verknüpft. Später verstärken die Assoziationen selbst den Tinnitus, ähnlich wie bei einem konditionierten Reflex. Aus seinem Erkenntnissen entwickelte Jastreboff mit dem Briten Jonathan Hazell die Tinnitus-Retraining-Therapie. Ihr Ziel ist es, die Filterfunktion des Gehirns zu beeinflussen und die Aufmerksamkeit von den Ohrgeräuschen abzulenken (siehe Kapitel "Langzeittherapie"). Mit Hilfe von sogenannten funktionellen bildgebenden Verfahren konnten Wissenschaftler der Universität Konstanz zeigen, dass bei Menschen mit chronischem Tinnitus tatsächlich die für das Hören verantwortlichen Gehirnbereiche überaktiv sind.

Dauerhafte Ohrgeräusche betreffen den gesamten Menschen. Manche Betroffene können die störenden Töne dennoch gut in ihr Leben integrieren und nehmen sie häufig kaum mehr wahr (kompensierter Tinnitus).

Andere erkranken umfassend daran (dekompensierter Tinnitus, siehe Kapitel "Übersicht"). Die Geräusche werden für sie unerträglich und beeinträchtigen den Alltag. Dabei spielt es keine Rolle, wie laut der Tinnitus erlebt wird. Die Betroffenen leiden zusätzlich unter Verspannungen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen. Manche entwickeln ernste seelische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen.

Es kommt ebenso vor, dass Menschen, die mit starken Ohrgeräuschen zu tun haben, schon vorher eine Depression oder Angsterkrankung hatten. Das seelische und das körperliche Leiden verstärken sich dann oft gegenseitig.


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