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Therapeut Haustier: Wie es gesünder macht

Streicheln als Medizin: Sie sind Freunde, Seelentröster, manchmal sogar Therapeuten. Drei Menschen erzählen, wieso die Beziehung zu ihrem Vierbeiner so wertvoll ist – und so gesund

von Sonja Gibis, 01.04.2019
Therapeut

Luisa D., 16, mit Mattz und Turbo; eine Therapie, die ihre verkrampften Muskeln lockert und jede Menge Spaß macht: Luisa freut sich die ganze Woche auf die Reitstunde mit Mattz, dem ruhigen Irish Cob. Angst vor dem großen Tier hat das Mädchen, das an einer schweren Spastik leidet, nicht. „Die Therapiepferde sind so lieb“, sagt sie. Genauso wie ihre Labradoodle-Hündin Finja, die sie als Foto auf ihrem Rollstuhl immer bei sich hat


Vor zehn Jahren bekam Elisabeth M. von ihrem Mann einen Stoffhund zum Geburtstag. Sie ahnte nicht, wie wichtig das Geschenk für sie werden würde. Das Plüschtier war nur ein Stellvertreter für das eigentliche Präsent: Terrierhündin Dina. Einige Jahre später wurde der Mann von Elisabeth M. von einer überwunden geglaubten Krebserkrankung eingeholt. In dieser Zeit war die kleine Hündin eine Stütze für beide. Als der Kampf gegen den Krebs verloren ging, war das Tier für die Rentnerin ein großer Trost. "Wir sind ein Team", sagt sie.

Wahre Freunde erkennt man in der Not, heißt es. Elisabeth M., 70, hat einige Menschen, von denen sie heute weiß, dass sie sie zu Recht Freunde nennen kann. Doch eine Freundin ist ihr besonders nahe: Dina. Sie hat ihr in einer der schwersten Zeiten ihres Lebens beigestanden, Tag und Nacht. In den neun Monaten, als Elisabeth M. ihren krebskranken Mann zu Hause pflegte, 24-Stunden-Dienste schob, war die Terrierhündin Trösterin für beide.

Später, als Dinas Herrchen nach der letzten Fahrt in die Klinik nicht wiederkehrte, brachte sie Leben in die vereinsamte Wohnung. "Du bist meine Beste", sagt Elisabeth M. und streichelt Dina liebevoll. Die guckt sie aus Knopfaugen an, verdreht den Kopf.

Das Herrchen wiedererkannt

Wie lange es her ist, dass sich der Mensch nicht nur seinesgleichen als Gefährten wählte, liegt im Dunkeln. Hunde waren vielleicht schon vor 40 000 Jahren Helfer bei der Jagd, Katzen hielten bereits die Häuser im alten Ägypten mäusefrei. Doch waren Tiere wohl schon immer mehr, wie alte Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von Odysseus. Als dieser, wie der griechische Dichter Homer beschreibt, nach 20 Jahren Irrfahrt in seiner Heimat ankommt, erkennt ihn nur einer: sein Hund Argos. Alt und krank liegt er auf dem Misthaufen, begrüßt seinen Herrn noch einmal wedelnd. Dann stirbt er. Und Odysseus, der Held von Troja, weint.

Selbst wenn das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, die er sich als Hausgenossen wählt, wohl noch nie so eng war wie heute: Das Band ist alt. Und manchmal ist es sogar enger als zwischen Menschen. Doch warum?

Feines Gespür für das Gegenüber

Diese Frage beschäftigt Dr. Katharina Ameli, Sozialwissenschaftlerin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, schon seit mehr als zehn Jahren. Vor allem in der Arbeit mit Demenzpatienten hat sie erlebt, dass Tiere oft noch einen Zugang finden, wenn Menschen dies nicht mehr gelingt. Etwa bei der alten Frau im Rollstuhl, die kein Wort mehr sprach. Im Kontakt mit Amelis therapeutischem Besuchshund Enzo begann sie wieder zu reden. "Ein Tier nimmt einen an, wie man ist", versucht die Forscherin die besondere Beziehung zu erklären. Es wertet nicht, spendet seine Zuneigung bedingungslos.

Auch Dina hat ein feines Gespür ­dafür, wie es in ihrer Herrin aussieht. Wenn Elisabeth M. ihr davon erzählt, blickt die Hündin sie aufmerksam an. "Dina und ich sind ein starkes Team." In der ersten Zeit, nachdem bei dem Mann von Elisabeth M. Krebsmetastasen in der Wirbelsäule festgestellt wurden, wollte er keinen Besuch empfangen. Nur Dina war immer willkommen, lag auf seinem Bauch und drehte sich entspannt auf den Rücken. "Du bist mein liebes Hundchen", sagte er dann lächelnd. Beim gemeinsamen Spaziergang half die Hündin Elisabeth M., kurz durchzuatmen. "Den Kopf freikriegen. Das war so wichtig", erzählt sie.

Entspannung mit tierischen Therapeuten

Dass Dina auf sie wartete, nachdem der Kampf ihres Mannes ruhig, ohne letztes Aufbäumen, zu Ende gegangen war, gab Elisabeth M. Kraft. Sie nachts im Körbchen neben dem Bett atmen zu hören beruhigt sie noch heute. Selbst wenn sie die Hündin schon mal anstupsen muss. Denn Dina schnarcht.

Tiere - Motivation fürs Leben

Beim Spaziergang bleibt sie gern etwas zurück, ihre Teampartnerin immer im Blick. "Komm, kleine Schlaftablette", ruft die dann. Und Dina holt auf. "Ohne sie wäre ich wohl oft mutterseelen­allein", sagt Elisabeth M. "So bekomme ich Bewegung, ständig ergeben sich Gespräche. Das tut so gut."

Was Elisabeth M. beschreibt, ist nicht nur ein Gefühl, von dem viele Tierhalter berichten. Forscher haben die Wirkungen unserer tierischen Gefährten untersucht. So bewähren sich Hunde vor allem als soziales "Schmiermittel" und Fitnesscoach. Übergewicht, Blutdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Stress – die Vierbeiner haben einen günstigen Einfluss auf fast alle Risikofaktoren für Herz und Kreislauf. Der beste Freund des Menschen wirkt Studien zufolge ­­sogar lebensverlängernd. Und das sicher nicht nur, weil er Herrchen in Bewegung bringt. Denn positive, teils sogar therapeutische Effekte hat wohl vor ­allem die Bindung an Tiere.

Die Therapeutinnen von Klaus K., 59, zeichnen sich neben scharfen Krallen vor allem durch Eigensinn aus. Der zeigt sich zum Beispiel, wenn ihm eine der beiden "Zwangsentspannung" verordnet, wie er es nennt. Dann springt sie selbstbewusst auf seine Brust, und der große, kräftige Mann mit den weißen Haaren wird ganz weich. "Ich muss im Sessel tief nach unten rutschen, damit sie es bequem hat", erzählt er. Lange sieht er zu, wie die Katze genießt, behaglich mit der Schwanzspitze wedelt. "Ich bin dann ganz im Moment", sagt Klaus. Aller Ärger ist vergessen, auch seine Krankheit.

Tierische Lebenshilfe

Gut sieben Jahre ist es her, dass Klaus kurz vor dem Zusammenbruch stand. In seinem Job als Haus­tech­niker hatte er ein hartes halbes Jahr hinter sich, am Wochenende fuhr er nachts Taxi. Alles wurde ihm zu viel. In der Wohnung stapelten sich unbeantwortete Briefe. Im Kopf – nur Nebel. "Wie eine durchrutschende Kupplung", beschreibt er. Die Dia­gnose: schwere Depression. Es folgten Reha, psy­chiatrische Klinik, Psycho­therapie, Medikamente.
Nach der Klinik nahm Klaus den Kontakt zu einer katzenliebenden Bekannten wieder auf.

Ein halbes Jahr ließ er die Idee reifen – dann wandte er sich selbst an den Frank­furter Katzenhilfeverein. "Ich weiß nicht, ob ich ohne meine zwei Mädels noch da wäre", sagt er heute. Die zwei Mädels, das sind Lilly, die kleine, verschmuste Tigerkatze, und ihre Schwester Sissy, die schöne, eigenwillige Schildpatt. Klaus hat den beiden viel zu verdanken. Zum Beispiel, dass er die Renovierung seiner Wohnung angepackt hat. Zwei Katzensitter, die sich hin und wieder um Lilly und Sissy kümmern, hatten ihn an­ge­spro­­chen: ob er wirklich wolle, dass seine Mädels so hausen müssen? Gemeinsam rissen sie die verschmutzten Tapeten von der Wand. Klaus: "Die Wände, das ist das weißeste Weiß, das ich kriegen konnte."

Er macht weiterhin Verhaltenstherapie, führt Buch über seine Stimmung, schreibt auf, was er anpackt und was liegen bleibt. "Es geht voran", sagt er. Selbst wenn Arbeitsstress und Zukunftssorgen die Kupplung wieder ins Rutschen bringen. Auch seine Mädels sorgen mal für Krisen. Manchmal, da wird das Gefühl übermächtig, wie wichtig ihm die Tiere sind. "Dann schlagen Verlustängste zu", gesteht Klaus.

Tierische Therapeuten

Er weiß, dass er eigentlich mehr rausgehen sollte, Kontakt zu Menschen suchen. Da will er dranbleiben. Klaus schwärmt viel von der heilsamen Wirkung seiner Katzen. Vollprofis sind Lilly und Sissy nicht. Doch auch die gibt es unter den tierischen Therapeuten. In sogenannten tiergestützten Interventionen kommen nicht nur speziell trainierte Hunde und Pferde zum Einsatz, sondern auch ­Kühe, Lamas, sogar Hühner. Das Spek­trum reicht vom entspannenden Kuschelkontakt bis zu komplexen Therapiekonzepten.

"Die Erfolge können beeindruckend sein", so lautet die Erfahrung von Dr. An­­dreas Sobottka. Als der Kölner Psychiater vor Jahren eine Studie zu tier­­gestützter Therapie mit depressiven Menschen begann, war er einer der Pio­­niere auf diesem Gebiet. "Die Pa­tienten sollten kleine Herausforderungen meistern", berichtet Sobottka. Zum Beispiel mit dem Hund zum ersten Mal Aufzug fahren.

Sie ersannen Wege, dem Tier die Furcht zu nehmen – und kamen dabei in Kontakt mit eigenen Ängsten. Doch können die Tiere auch zum Spiegel werden. "Sie nehmen die Gefühle der Patienten auf", sagt Sobottka. Die Reaktionen der Hunde zu deuten war Teil der Therapie.

Was Tiere in der Therapie leisten

Hilfe für Körper und Seele

Das Ergebnis überraschte selbst Sobottka. Besonders bei Menschen, die ein psychisches Trauma erlitten hatten, war die Wirkung enorm. Eine Patientin schilderte das Erlebte etwa so: Ich hatte eine Mauer aufgebaut, die mich schützte. Doch dahinter waren Isolation, Einsamkeit und Angst. Plötzlich war der Hund mit mir hinter der Mauer.

"Den Tieren gelingt es, die emotionale Abwehr zu unterlaufen", sagt Sobottka. Einerseits sei das eine große Freude. Doch werde auch viel Schmerz darüber spürbar. Tiergestützte Inter­aktionen erfordern daher einen erfahrenen Therapeuten. Dann kann das Tier helfen, Mauern niederzu­reißen – zu weggesperrten Gefühlen, aber auch anderen Menschen. Doch vierbeinige Therapeuten kommen nicht nur zum Einsatz, wenn die Psyche leidet. Manchmal können sie Körper und Seele gleichzeitig helfen.

Wenn Luisa D. auf Mattz ihre Runden dreht, durchdringt die Wärme des Tiers ihre verkrampften Muskeln, die Bewegung lockert sie. "Es ist die einzige Therapie, die so richtig Spaß macht", erzählt Luisa lachend. Bei ihrer Geburt erhielt sie zu wenig Sauerstoff. Eine Folge ist eine schwere Spastik, wegen der die heute 16-­Jährige auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Doch auch wenn ihr Körper oft nicht so will wie sie: Sie lacht viel, besucht die neunte Klasse einer Inklu­sionsschule, auf die auch "Fußgänger" gehen, wie sie sagt. Kommendes Jahr will sie den Hauptschulabschluss machen. Ein Traum wäre es, sich einmal als Schauspielerin auszuprobieren. Schließlich gebe es auch Rollen für Menschen mit Handicap.

Gefühlvolle Gefährten

Mattz und ihre Reitlehrerin Melanie M. lernte Luise über einen Ponykurs an der Schule kennen. Im Einzelunterricht wird sie besonders intensiv betreut. Während eine Person das ruhige Tier führt, stabilisiert Melanie Luisa auf der rechten Seite, ihr Vater stützt links. Daneben trottet heute Therapiepferd-Azubi Turbo mit. Das Shetland-Pony soll einmal ein Profi werden wie Mattz.

Nach einem Jahr sind der gescheckte Irish Cob und Luisa ein eingespieltes Team. Wenn das Mädchen auf ­seinem Rücken zu krampfen beginnt, bliebt das Tier sofort stehen. "Er merkt das, bevor Luisa etwas sagen kann", erzählt Melanie. Sie kennt ihre Pferde genau, merkt, wenn es für sie zu anstrengend wird. "Auch das Tierwohl sollte eine zentrale Rolle spielen", betont Sozialwissenschaftlerin Ameli. Bei ihr hat Melanie einen Kurs für tiergestützte Dienstleistungen besucht.

Wer mit Tieren therapeutisch arbeitet, sollte multiprofessionell ausgebildet sein. Ameli: "Der Schwerpunkt liegt auf Mensch und Tier."

Luisa hebt die Arme und fasst sich an die Reitkappe. Dabei gerade zu sitzen ist für das Mädchen sehr anstrengend. Doch es läuft alles prima. Noch einmal nach hinten auf den Rücken des Pferdes lehnen – dann ist die Zeit auf Mattz für heute zu Ende. Und Turbo darf zeigen, wie viel Energie in seinen Ponybeinen steckt. Übermütig galoppiert er durch die Halle. Auch tierische Therapeuten brauchen eben mal eine Auszeit.