Telemedizin: Arztbesuch online?

Eine ärztliche Behandlung allein per Videochat oder am Telefon vom Sofa aus – klingt entspannt. Aber kann es tatsächlich funktionieren?

von Maria Rossbauer, 31.07.2018
fernbehandlung - Experten

Passend zum Thema äußern sich unsere drei Experten in kurzen Videobotschaften


Waren Sie schon mal richtig erkältet? Dann haben Sie vielleicht auch gedacht, wie praktisch es wäre, gleich im Bett den Laptop anschalten und mit einem Arzt chatten zu können, so dass man nötige Krankschreibung zu bekommt?

Lockerung des Fernbehandlungsverbotes in Sicht

Wenigstens die Therapieempfehlung können Patienten bald per Chat bekommen. Denn Mitte Mai stimmten die Mediziner am Deutschen Ärztetag für eine Lockerung des sogenannten Fernbehandlungsverbots. Übernehmen die Landesärztekammern die neue Regelung in ihre Berufsordnungen – was zu erwarten ist –, wird das Ganze auch rechtlich bindend.

Das heißt: Ärzte dürfen Patienten auch ausschließlich über Videochats, Telefonate, SMS oder mithilfe von Apps behandeln, wenn sie dies für vertretbar halten. Und zwar ohne dass sie sie je persönlich getroffen haben.

Umdenken dank moderner Technik

"Die Aufhebung des Fernbehandlungsverbots war längst überfällig", sagt Dr. Markus Müschenich, Kinderarzt und Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin. Tatsächlich war das bis vor kurzem geltende Verbot mehr als 120 Jahre alt. Es stammte aus einer Zeit, in der "Fernbehandlung" noch "Briefe schreiben" hieß. "Die Digitalisierung erlaubt es einem Arzt heute sehr schnell, einen Patienten medizinisch einzuschätzen, ohne ihm physisch gegenüberzusitzen", ist Müschenich überzeugt.

Überzeugt von den Möglichkeiten der Telemedizin: Dr. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin

Keine Frage: Man kann den Mund auch in die Laptop-Kamera öffnen, Fotos und Patientenakten lassen sich problemlos digital übermitteln und spezielle Apps können sogar die Herzfrequenz messen. Aber sind digitale Diagnosen wirklich so einfach?

Sinnvolle Ergänzung

"Eine telemedizinische Behandlung kann einen Besuch beim Hausarzt durchaus sinnvoll ergänzen, aber auf keinen Fall ersetzen", sagt der Sprecher des Deutschen Hausärzteverbands, Vincent Jörres.

In einer Praxis untersuchen Ärzte ihre Patienten auch mit den Händen, nehmen ihren Geruch wahr und zapfen ihnen Blut ab. "All das sind Dinge, die nur im persönlichen Kontakt möglich sind."

Skeptisch: Vincent Jörres, Sprecher des Deutschen Hausärzteverbands

Keine Lösung für den ländlichen Ärztemangel

So glaubt Jörres auch nicht daran, dass Online-Ärzte das Versorgungsproblem auf dem Land lösen können, wie so oft gepriesen wird. "Auch für eine telemedizinische Versorgung braucht es genug Ärztinnen und Ärzte", sagt er. Zudem dürfe man gerade die älteren Patientinnen und Patienten nicht mit der neuen Technik alleine lassen: Sie brauchen Betreuung und Anleitung – auch dafür benötigt man Personal. Selbst der Fürsprecher Müschenich sagt: "Fernbehandlung ist nicht so einfach." Um sichere Diagnosen zu gewährleisten, brauche es vor allem Schulungen für Mediziner, in denen sie beispielsweise lernten, in Online- oder Telefon-Sprechstunden die richtigen Fragen zu stellen.

Oft reichten jedoch schon einfache Maßnahmen aus, um beispielsweise alarmierte Eltern zu beruhigen: So könne man den Vater am Telefon bitten: "Lassen Sie Ihren Sohn mal auf einem Bein hüpfen!" Wenn ein Kind das kann, hat es wahrscheinlich keine Blinddarmentzündung. Bei Zweifeln führe aber nach wie vor kein Weg am physischen Arztkontakt vorbei.

Mehr Vor- als Nachteile

Fans der Telemedizin sehen deutliche Vorteile: Besonders Patienten, die nicht mobil sind oder vom nächsten Facharzt weit entfernt leben, könnten von einer Online-Sprechstunde profitieren. In Wartezimmern von Hausärzten müsse man sich nicht länger vor ansteckenden Krankheiten fürchten, weil die betreffenden Patienten zu Hause blieben.

Und Menschen mit seltenen Erkrankungen bräuchten nicht kilometerweit zum einzigen Spezialisten zu pilgern. Überhaupt könnte Fernbehandlung unnötige Wege und Wartezeiten ersparen.

In anderen Ländern ist Telemedizin bereits etabliert

Die Erfahrung aus anderen Ländern und diverse Studien scheinen viele dieser Vorteile zu bestätigen: In der Schweiz haben Versicherte seit fast 20 Jahren via Callcenter rund um die Uhr Zugang zu einer haus- oder fachärztlichen Beratung, und auch in skandinavischen Ländern ist Telemedizin wegen der langen Wege über Land zum nächsten Arzt beliebt.

Kürzere Wartezeiten zum Facharzttermin

Eine gerade im Fachblatt Annals of Family Medicine veröffentlichte kanadische Untersuchung zeigt, dass ein Onlineberatungsdienst die Wartezeiten für fachärztliche Versorgung verkürzen kann. Eine Studie des American College of Rheumatology fand heraus, dass spezielle Apps Kosten und Verzögerungen bei der Behandlung von Arthritis-Patienten senken können.

Und laut einer Veröffentlichung der Harvard Medical School im Journal JAMA spielt die Telemedizin im Bereich der psychischen Erkrankungen in den USA auf dem Land zunehmend eine Rolle.

Einzelne deutsche Modellprojekte

Doch Erfahrungen aus Deutschland gibt es bislang kaum. In Baden-Württemberg startete die Kassenärztliche Vereinigung im April, zunächst für zwei Jahre, ein telemedizinisches Pilotprojekt. Gesetzlich versicherte Patienten können Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr per App, online oder telefonisch Kontakt mit dem sogenannten Docdirekt-Center aufnehmen. Ein speziell geschulter medizinischer Fachangestellter erfasst Personalien sowie Krankheitssymptome und klärt die Dringlichkeit: Lebensbedrohliche Notfälle werden an die Rettungsstelle weitergeleitet. In anderen Fällen ruft ein Telearzt zurück und berät den Patienten im Videochat. Nur wenn nötig, verweist er ihn an eine diensthabende Praxis.

In Schleswig-Holstein hat die Landesärztekammer ihre Berufsordnung im April als erste in Deutschland entsprechend geändert, dass Ärzte Patienten ohne vorherigen persönlichen Kontakt telefonisch oder per Internet beraten dürfen. Und in Sachsen können Ärzte ihre Patienten ab September ausschließlich per Fernbehandlung betreuen.

Ein Risiko auch für Ärzte

In der Neuerung sehen einige Fachleute weniger ein Risiko für die Patienten, als für die Ärzte: "Dieser sehr niedrigschwellige Zugang zu einem ärztlichen Rat könnte natürlich auch missbraucht werden", sagt der Chef der Ärztekammer Schleswig-Holsteins, Dr. Franz Joseph Bartmann.

Zuversichtlich: Dr. Franz Joseph Bartmann, Chef der Ärztekammer Schleswig-Holstein

Trotz der positiven Erfahrungen mit funktionierenden Telemedizin-Systemen in anderen Ländern befürchteten viele seiner Kollegen, dass sich Patienten nun noch häufiger mit Bagatellen an einen Arzt wenden würden, für die gar keine medizinische Expertise nötig sei. Schließlich sei die Hürde, zum Hörer zu greifen, deutlich niedriger als die, eine Arztpraxis aufzusuchen.

Noch viele offene Fragen

Ob die Telemedizin am Ende für die Ärzte oder für die Patienten den größeren Mehrwert bringt, wird sich zeigen. Viele Fragen bleiben offen: Wie sollen Rezepte ausgestellt werden? Kann man Patienten per SMS krankschreiben? Aufgrund gesetzlicher Regelungen ist bislang beides nicht möglich. Versichertenkarten lassen sich zwar leicht per Webcam vorzeigen – doch kommen die Krankenkassen sicher für alle Kosten auf?

Um Lösungen zu finden, bleibt aber auch noch etwas Zeit: Denn bis der neue Beschluss von allen Landesärztekammern in die jeweilige Berufsordnung übernommen wird, schätzt der Präsident der Bundesärztekammer, kann es noch zwei Jahre dauern.