{{suggest}}


Querschnittslähmung: Neue Therapieansätze

Eine Heilung ist bislang nicht möglich. In Studien geben Forscher den Betroffenen aber das Gehvermögen teilweise zurück – dank elektrischer Signale ins Rückenmark

von Dr. Stefanie Reinberger, 26.04.2019
Querschnittslähmung

Wieder gehen: Diese Aufnahmen zeigen, wie David M. sich selbstständig aus seinem Rollstuhl erhebt und gestützt von einem Rollator gehen kann. Er hat an einer Elektrostimulations-Studie in Lausanne (Schweiz) teilgenommen. Allerdings war David nicht komplett gelähmt. Er konnte seine Beine vorher noch minimal bewegen


Am Ufer des Genfer Sees sitzt ein junger Mann in seinem Rollstuhl, bereit für einen kurzen Spaziergang. Er greift nach dem Rollator, der vor ihm steht. Dann richtet er sich auf, spricht ein Kommando in eine Art Armbanduhr – und beginnt zu gehen. Es sieht etwas ungelenk aus, die Schritte wirken ruckend. Dass er sich überhaupt auf eigenen Beinen fortbewegen kann, erscheint wie ein Wunder. Seit einem Sportunfall im Jahr 2010 ist David M. querschnitts­gelähmt. Es schien ausgeschlossen, dass er ­jemals wieder laufen würde.

Eine Querschnittslähmung entsteht, wenn die Nervenbahnen des Rückenmarks ganz oder teilweise durchtrennt sind. Das kann durch einen Unfall passieren, aber auch durch Tumore, Infektionen, Störungen in der Blutversorgung oder Erkrankungen des Nervensystems. In der Folge gelangen Signale aus dem Gehirn nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt zu den betroffenen Körperteilen – oder von dort zum Gehirn.

Bisher wenig Aussicht auf Heilung

Die Verletzung des Rückenmarks ist bis heute unheilbar. Die therapeutischen Möglichkeiten beschränken sich darauf, verbliebene Funktionen zu erhalten und zu verhindern, dass sich die Situation verschlechtert. "Wir haben bei einer Querschnittslähmung eine bescheidene Regenerationssituation", sagt Dr. Frank Rainer Abel, Chefarzt der Kinderorthopädie am Klinikum in Bayreuth. Nach sechs Monaten im Rollstuhl sinkt die Aussicht rapide, dass verloren gegangene Funk­tionen zurückkehren.

Doch in den letzten Monaten ging eine Welle von Erfolgsmeldungen durch die Presse. Der Reihe nach hatten zwei Forschergruppen aus den USA und eine weitere aus der Schweiz mehrere Gelähmte wieder zum Gehen gebracht. Der ersehnte Durchbruch? Zumindest ein wichtiger Schritt in diese Richtung, sind Experten überzeugt – warnen jedoch zugleich vor zu viel Euphorie. Denn als alltagstaugliche Therapie eignet sich die Vorgehensweise der Wissenschaftler noch lange nicht. Sie erzielen auch keine Heilung.

Professor Joycelyn Bloch

"Wir überbrücken die schadhafte Stelle im Rückenmark mithilfe einer elektrischen Stimulation", erklärt Professorin Jocelyne Bloch, Neurochirurgin an der Universitätsklinik Lausanne (Schweiz). Sie implantiert dazu bei ihren Probanden Elektroden in den untersten Bereich des Rückenmarks. Aus dieser Region leiten Nervenzellen bei Gesunden die Informationen aus dem Gehirn an die Beine. Der Stimulator schickt über die Elektroden Signale an das Rückenmark, die denen aus dem Gehirn ähneln.

Das Wunder von Lausanne

Erfolge mit dieser Methode hatten bereits im Herbst zwei US-amerikanische Forschergruppen aus Louisville und von der Mayo- Klinik in Rochester vermeldet. Sie brachten fünf gelähmte Männer wieder auf die Beine. Drei von ihnen konnten dank Elektrostimulation und monatelangem, sehr intensivem Training wieder ein Stückchen laufen – wenn auch mit Unterstützung. Zwei weiteren gelang es immerhin zu stehen und auf dem Laufband zu gehen.

Kurz darauf das Wunder von Lausanne. "Unsere drei Probanden konnten alle innerhalb einer Woche mithilfe eines Assistenzsystems zur Gewichtsentlastung gehen", berichtet Wissenschaftlerin Bloch. Das Assistenzsystem – eine Art Geschirr, an dem die Pa­tienten hängen – ist notwendig, weil die Muskeln nach Jahren im Rollstuhl das Gewicht des eigenen Körpers nicht mehr tragen können.

Entscheidend ist aber: Die Schrittbewegung machten die Probanden selbst, mit eigener Willenskraft. Nach etwas Training konnten sie sogar die Höhe des Beins und die Länge der Schritte steuern. "Die Probanden gehen also nicht ferngesteuert wie Automaten, sondern es ist eine echte, vom ­Gehirn gesteuerte Fortbewegung", betont Bloch.

Auf dem richtigen Weg

Im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen regen die Schweizer Forscher das Rückenmark der Pa­tienten nicht dauerhaft an. Sie senden die elektrischen Signale in einem bestimmten zeitlichen Muster an spezielle Nerven der Beine. Diese Technik hat Blochs Kollege, Professor Grégoire Courtine von der Polytechnischen Hochschule Lausanne, ausgetüftelt. Zehn Jahre lang hat er mit seinem Team erforscht, was das Gehirn macht, wenn es den Befehl "Laufen" an die Beine schickt.

Der Aufwand scheint sich gelohnt zu haben. Zwei der Probanden aus Lausanne konnten nach fünfmonatigem Training wieder Spaziergänge von bis zu einem Kilometer mit dem Rollator zurücklegen. Alle drei waren in der Lage, ihre Beine zeitweise sogar ohne Elektrostimulation willentlich zu bewegen und bisweilen sogar einzelne Schritte frei zu gehen. "Das zeigt uns, dass wir mit unserer Arbeit auf dem richtigen Weg sind", sagt Neurochirurgin Bloch.

Zu viel Euphorie?

"Ich bin davon überzeugt, dass sich mithilfe der Elek­trostimulation der Bereich, der unter einer schadhaften Stelle im Rückenmark liegt, wieder aufwecken lässt", sagt auch Professor Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Universitätsklinikum Heidelberg.

"Und es sieht so aus, als ob die Methode der Schweizer bei inkompletter Querschnittslähmung tatsächlich einen hochwertigen ­Bewegungsablauf ermöglicht." Etwa die Hälfte der Pa­tienten könnte also theoretisch profitieren, ihre Lähmung ist inkomplett.

Querschnittslähmung

Doch noch ist unklar, ob sich bei der breiten Masse der Betroffenen auf diese Weise ein Gehvermögen herstellen lässt, mit dem sie sich auch im Alltag sicher bewegen können. "Da hat man es mal mit glattem Parkett zu tun und dann wieder mit einem Teppich oder mit einem Schotterweg", sagt Weidner. Um das zu bewältigen, müsse man in der Lage sein, seine Bewegungen gezielt an die Bedingungen anzupassen.

Entscheidend ist: Die durchtrennten Nervenstränge wachsen auch mit der neuen Therapiemethode nicht wieder zusammen. "Es ist daher wichtig, die Regenerationsforschung ebenfalls weiter voranzutreiben", sagt Ortho­päde Abel.

Ausgewählte Probanden

Derzeit untersuchen Wissenschaftler in einer klinischen Studie, ob eine Therapie mit speziellen Antikörpern die Lücke im Nervenstrang wenigstens teilweise wieder zu schließen vermag. "Vielleicht lässt sich das eines Tages mit der Rückenmarksstimula­tion kombinieren, um so die Effekte beider Methoden zu nutzen", erläutert Abel. "Das wäre ein Traum!"

Bislang half die elektrische Rückenmarksstimulation nur einzelnen Pa­­tienten. Und diese hatten die Wissenschaftler sorgfältig ausgewählt. Die Schweizer Probanden etwa hatten alle noch ein gewisses Gefühl in den Beinen. Zwei von ihnen waren sogar noch zu leichten Bewegungen fähig – wenn auch so eingeschränkt, dass sie vor der Behandlung trotzdem nicht mehr gehen konnten. Auch die Studien aus den USA deuten darauf hin: je stärker die verbliebene Verbindung im Rückenmark, desto besser das Ergebnis. Ob sich auch ein komplett durchtrennter Nervenstrang noch überbrücken lässt, ist fraglich.

Methode mit vielversprechenden Aussichten

Nun gehe es darum, die Technik weiter zu verbessern und herauszufinden, für wen sie am besten geeignet ist, erklärt die Schweizerin Bloch. "Im nächsten Schritt wollen wir prüfen, ob Patienten direkt nach Beschädigung des ­Rückenmarks noch besser von der Methode profitieren." Denn je kürzer die Zeitspanne seit der Lähmung ist, desto weniger haben sich die Muskeln zurückgebildet.

Mindesten genauso wichtig: Das Gehirn hat die komplexen Bewegungsabläufe des Gehens noch nicht verlernt. Der aktuelle Fortschritt lässt die Forscherin hoffen: "Wir sehen unsere aktuellen Ergebnisse als Beweis dafür, dass die Methode prinzipiell funktioniert".