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Physiotherapeut oder alternativer Heiler?

Die klassische Physiotherapie hat viel Konkurrenz durch alternative Körpertherapien wie Osteopathie, Shiatsu, Reiki, Kinesiologie, Rolfing, Flossing und co. Ein Experte erklärt, worauf zu achten ist

von Silke Droll, 13.11.2019
Hände präsentieren verschiedene Methoden

Es gibt eine große Anzahl manueller Therapien. Aber was hilft tatsächlich?


Irgendwo zwickt es. Der Rücken ist verspannt, ein Tennisellenbogen macht das Leben schwer oder die Knie schmerzen: klassische Probleme für einen Physiotherapeuten. Dorthin führt auch üblicherweise der Weg – aber der ist lang. Erst mal beim Orthopäden drankommen, hoffentlich ein Rezept erhalten, dann auf einen Termin warten. Und plötzlich geht es zack, zack: Normalerweise gibt es nur 15 bis 25 Minuten Behandlungszeit beim Krankengymnasten und das sechsmal.

Für viele Beschwerden reicht das nicht aus, sagen Physiotherapeuten selber. Oft suchen Menschen deshalb bei Körpertherapeuten auf dem freien Markt nach Linderung. Das kostet zwar deutlich mehr, geht aber meist schneller und die Behandler können oft stärker auf den Patienten eingehen. Zudem eilt ihnen oft via Mund-zu-Mund-Propaganda ein großes Heilsversprechen voraus. Etwa so: "Du ich hab da einen super Therapeuten. Der wirkt Wunder. Danach bist du wie neu."

Alternative Körpertherapien

Wirksamkeit oft kaum nachgewiesen

Die Osteopathie boomt seit Jahren. Aber auch andere manuelle Verfahren finden ihre Anhänger: Shiatsu, Thaimassage, Reiki, Kinesiologie, Rolfing, Feldenkrais, Dorn-Therapie, Alexander-Technik. Wissenschaftlich belegt ist ihre Wirksamkeit meist nur spärlich bis gar nicht. Experten beobachten die Begeisterung für alternative manuelle Therapien deshalb mit einer gewissen Skepsis. Andererseits ist auch nicht jede Methode in der
kassenfinanzierten Physiotherapie hieb- und stichfest durch Studien abgesichert.

Der Professor für Bewegungstherapie Robert Richter von der Hochschule Furtwangen erklärt, was Patienten beachten sollten.

Herr Richter, wenn ich mit Rückenschmerzen nicht zur Physiotherapie gehe, sondern zu einem alternativen Therapeuten. Was ist das Schlimmste, das mir passieren kann?

Robert Richter: Wenn jemand mit seinen Händen etwas an meinem Körper tut, also Strukturen aktiviert oder Gelenke manipuliert, ist immer auch ein Potenzial für Verschlechterung oder gar Schädigung da. Es können zum Beispiel Bänder, Knorpel oder Nerven geschädigt werden. Je stärker die Einwirkung auf den Körper, desto wahrscheinlicher ist auch eine unerwünschte Folge. Bei Klangschalentherapie wird nichts schiefgehen, bei Chiropraktik schon eher.

Es könnte ja auch beim Physiotherapeuten etwas passieren. Wo ist der Unterschied?

Hier kann sich der Patient darauf verlassen, dass sein Behandler mindestens eine dreijährige, staatlich geregelte Berufsausbildung gemacht hat. Dabei wird auch überprüft, ob jemand verantwortungsvoll mit Patienten arbeitet. Das sichert schon ein gewisses Niveau ab und ist im Zweifelsfall sicherer als ein Therapeut mit unklarer Qualifikation.

Aber auch Osteopathen haben zum Teil umfangreiche Ausbildungen absolviert.

Das stimmt. Da orientiert sich die Ausbildung oft an internationalen Standards. Andererseits kann sich auch jemand mit ein paar Wochenendkursen Osteopath nennen. Die Berufsbezeichnung ist im Gegensatz zu Physiotherapeut nicht geschützt. Bei vielen alternativen Methoden ist es für Patienten schwer durchschaubar, welche Kompetenz der Therapeut hat. Wurden Zertifikate im Ausland erworben, sehen sie zwar beeindruckend aus, aber es ist unklar, wie umfassend und fundiert die Ausbildung war.

Wie kann ich denn erkennen, ob ich bei einem Therapeuten in guten Händen bin?

Ein wichtiges Indiz ist immer, ob ich als Patient gut aufgeklärt werde. Bekomme ich erläutert, was mit mir gemacht wird, wie das funktionieren wird und welchen Effekt es bringen soll? Oder geht es irgendwie los? Wenn einfach ohne Vorabsprache über mich verfügt wird, würde ich lieber woanders hingehen. Mein Körper gehört mir.

Und wenn eine Freundin jemanden kennt, der einfach jedes Problem wieder hinbekommt: Was ist mit solchen Empfehlungen?

Da wäre ich skeptisch. Es passt nicht für jeden Menschen und dessen Erkrankung die gleiche Methode: Für den einen kann sie gut sein, für den anderen schlecht. Zudem steht auf dem alternativen Markt oft eine Person für eine spezifische Therapie. Physiotherapeuten erlernen dagegen eine Vielfalt an Methoden. Üblicherweise bilden sie sich laufend fort und erweitern ihr Behandlungsspektrum im Laufe der Zeit immer mehr – da kann auch ein Shiatsu-Griff oder etwas Osteopathisches dabei sein. Es kommen also mehrere verschiedene Techniken patientenorientiert zum Einsatz. Das ist grundsätzlich besser als jemand, der zum Beispiel nur Shiatsu macht – auch wenn die Methode an sich nicht schlecht sein muss.

Zum Teil nehmen Physiotherapeuten aber auch unreflektiert aktuelle Moden und Trends in ihr Methodenspektrum auf, wie in den vergangenen Jahren Kinesio-Taping und Spiraldynamik oder in jüngster Zeit Flossing.

Das ist richtig. Gerade in Deutschland sind die Therapeuten dafür anfällig. Wahrscheinlich, weil unser System immer noch zu einem großen Teil auf einer schulischen Ausbildung beruht. An der Hochschule vermitteln wir den Studenten zwar, auf Basis von wissenschaftlichen Belegen zu arbeiten. Das findet in den meisten Berufsfachschulen aber nicht statt. Von "Clinical Reasoning" oder "Evidence-based Practice" haben viele Praktiker daher noch nichts gehört. Da unterscheiden wir uns im negativen Sinne von den
meisten Staaten der Welt.

Physiotherapeuten orientieren sich aber auch an der Nachfrage am Markt. Denn die Honorare für die Kassenbehandlung sind einfach viel zu niedrig, und niedergelassene Physiotherapeuten sind Unternehmer. Sie machen kostenpflichtige Präventionsangebote oder auch Selbstzahler-Behandlungen, weil sie überleben müssen. In dieser Zeit behandeln sie keine Kassenpatienten und für diese verlängern sich die Wartezeiten.

Zurück zum Taping, Flossing und Spiraldynamik. Sie halten also nichts davon?

Beim Flossing bin ich sehr skeptisch. Die Methode setzt auf intensive Überbeanspruchung des Gewebes. Das enge Wickeln sorgt für eine absolute Unterversorgung mit Blut. Dadurch sollen regenerative oder adaptive Prozesse nach dem Sport eine überschießende Reaktion zeigen. Bei einem gut trainierten Muskel mag das vielleicht gehen, aber ich halte es für sehr gewagt, bei einer geschädigten Struktur noch einen zusätzlichen Schaden draufzusetzen. Wir haben auch keine guten Studienergebnisse, die einen positiven Effekt belegen  würden.
Die Spiraldynamik ist ein gut vermarktetes Konzept aus der Schweiz, eine Nischentherapie, die vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet ist. Es gibt wenige Studien, und es ist bestimmt nicht State of the Art. Beim Taping sind die Studienergebnisse vage, vermutet werden vor allem Placebo-Effekte.

Und wie sieht es bei den etablierten Methoden der Physiotherapie aus, die nach Vorga-ben der Krankenkasse in der Aus- und Weiterbildung vermittelt werden: Sind die ausreichend wissenschaftlich belegt?

Diese sind relativ gut untersucht. Aber tatsächlich zeigt sich mit der zunehmenden Akademisierung auch, dass manche Annahmen revidiert werden müssen. Zum Beispiel das sogenannte Bobath-Konzept: Es wird etwa viel bei Schlaganfall-Patienten angewendet, um ihre Gehfähigkeit zu fördern. Laut Studienlage ist aber ein strukturiertes Laufbandtraining dafür besser geeignet. 

Die Wissenschaft läuft also auch in der Physiotherapie der Praxis hinterher.

Ja, die Physiotherapie entstand vor mehr als 100 Jahren aus einer Erfahrung heraus: Man sah, dass es gut ist, wenn sich Menschen nach einer Erkrankung oder Verletzung auf eine bestimmte Art und Weise bewegen. In den 70ern bildeten sich in den USA und bald auch in Kanada die ersten Lehrstühle. Deutschland hinkt da vielen Ländern weit hinterher. Aber in unserer internationalen Datenbank haben wir immerhin mehr als 40.000 Studien.

Wann sollte ein Patient zur Physiotherapie, wann kommen andere Therapien infrage?

Es hängt von der Art und Weise der Beeinträchtigung ab. Wenn jemand ein akutes Geschehen hat, verbunden mit einer traumatischen Schädigung, wie eine Knochenfraktur oder eine Bandruptur, dann ist er im klassischen System der Betreuung mit Arzt, Pflege, Physio- und Ergotherapie am besten aufgehoben.

Bei chronisch Erkrankten ändert sich der Fokus: Auf einen langen Krankheitsprozess reagiert jeder Mensch stark mit seiner Persönlichkeit. Oft gibt es auch keine klare Ursache, wie es etwa häufig bei Rückenschmerzen der Fall ist. Es ist dann nicht so, dass Krankheit A die Behandlung B braucht und dann wird alles gut. Sondern jeder hat ein eigenes Krankheitsbild und braucht eigentlich einen individuellen Therapieansatz.

Sie meinen, man kann dann ruhig etwas ausprobieren, von dem man denkt, dass es einem guttun könnte?

Jeder Mensch hat eine Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung für sich. Das geht in unserem arztzentrierten System etwas verloren. Es gilt, die Gesundheitskompetenz für die eigene Person und den eigenen Körper zu stärken. Dann können Menschen herausfinden, was für sie die beste Strategie ist.

Wir haben, bei aller Kritik, ein sehr gutes Gesundheitssystem und tragfähige Versorgungsstrukturen. Deswegen ist es der beste Weg, sich erst mal in dieses System zu begeben und nicht in ein risikoreicheres Gebiet, wo man nicht weiß, welche Art von Qualifikation der Behandler hat. Aber mit einer chronischen Erkrankung muss der Mensch auch selber herausfinden, was ihm guttut. Wenn das Osteopathie oder Shiatsu oder Feldenkrais ist, dann ist das okay. Auch Chiropraktik kann als Intervention Sinn machen. Grundsätzlich sollten Menschen sich aber nicht nur passiv behandeln lassen, sondern selbst körperlich aktiv werden.


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