Personalisierte Therapien: Mehr als nur Vision?

Exakt an die individuelle Krankheit angepasste Behandlungen sollen die Medizin auf den Kopf stellen. Doch bisher bleibt der große Durchbruch aus
von Dr. Reinhard Door & Christian Andrae, aktualisiert am 06.10.2015

Genetisches Profil: Jeder Mensch hat ganz individuelle Erbanlagen

W&B/Schoettger

Kein Mensch gleicht dem anderen. Ärzte machen diese Erfahrung regelmäßig, wenn sie Medikamente verschreiben. Dass ein Wirkstoff bei jedem Patienten gleich gut anschlägt, ist eher die Ausnahme als die Regel. Die Folge: Die Dosis muss angepasst, das Präparat gewechselt und so lange experimentiert werden, bis der erwünschte Effekt eintritt. Eine Erfolgsgarantie gibt es dabei nicht.

"Personalisierte" Medizin soll das ändern, versprechen zumindest Forscher und Arzneimittelhersteller. Eine individuell für den Patienten ausgewählte Therapie könne effektiv wirken und Nebenwirkungen minimieren, so die Theorie. Patienten hingegen, bei denen die Medikamente nicht anschlagen, bleibe eine belastende Therapie von vornherein erspart. Statt mit der Schrotflinte, so ein oft gewählter Vergleich unter Experten, würden Krankheiten mit einer Präzisionswaffe bekämpft. Die Branche ist von dieser Zukunftsvision begeistert. Derzeit erscheint kaum eine Kongresseinladung, vergeht kaum ein Vortrag ohne das Zauberwort "personalisierte" Medizin.

Zielgerichtetere Therapie

Dabei führt schon die Begriffswahl in die Irre: Die maßgeschneiderte Therapie für jeden einzelnen Patienten existiert nicht. Allenfalls kann es sie für bestimmte Personengruppen geben, die an derselben Form einer Krankheit leiden. Auch geht es bei personalisierter Medizin nicht um mehr persönliche Zuwendung, sondern um Gene, Moleküle und Laborwerte.

Befürworter der personalisierten Medizin gehen davon aus, dass bisherige Krankheitsbegriffe zu ungenau sind. Tumore beispielsweise werden derzeit anhand des mikroskopischen Erscheinungsbilds von Gewebeproben unterteilt. Auf molekularer Ebene sind die Unterschiede jedoch weitaus vielfältiger. Schon der Krebs eines einzigen Organs kann auf ganz verschiedenartige genetische Fehler zurückgehen.

Dies, so der Kern individueller Therapie, sollte sich auch auf die Behandlung auswirken. Wer welche Medizin benötigt, bestimmen dann sogenannte Biomarker aus Blut oder Gewebe. Typischerweise sind das Proteine oder genetische Varianten. Bei 34 Medikamenten müssen diese Biomarker in Deutschland schon jetzt verpflichtend nachgewiesen werden, bei acht weiteren wird es empfohlen. Nur wenn der jeweilige Biomarker vorhanden ist, darf die Arznei eingesetzt werden. Oder aber ihre Anwendung ist wegen der möglichen Begleiterscheinungen, die der Biomarker prophezeit, verboten.

Letzteres gilt etwa für das Aidsmittel Abacavir. Rund einer von 20 HIV-Infizierten reagiert darauf mit schweren bis lebensbedrohlichen Nebenwirkungen. Ein Biomarker verrät das Risiko. Genau umgekehrt verhält es sich bei einer Arznei gegen die Erbkrankheit Mukoviszidose: Sie steigert die Lungenkapazität um fünf bis zehn Prozent – aber nur, wenn das krankheitsverursachende Gen an bestimmten Stellen mutiert ist.

Personalisierte Medizin: Effizienz statt Ethik?

Den zunehmenden Einsatz von Biomarkern, die über Therapien entscheiden, verdanken wir vor allem stark verbesserten Labormethoden. Mit ihnen lassen sich zum Beispiel innerhalb weniger Tage Mutationen im gesamten Erbgut eines Menschen aufspüren. Die Entzifferung der kompletten Erbsubstanz ist bald ebenfalls zu vertretbaren Preisen möglich. Kostete sie anfangs noch 2,4 Milliarden Euro, wird sie bereits in wenigen Jahren für unter 1000 Euro zu haben sein. Damit würde jedes winzig kleine Teilchen der Erbsubstanz vollständig sichtbar, das unsere Individualität ausmacht – und bei Krankheiten eine Rolle spielen kann.

Auf der anderen Seite bringen diese technischen Fortschritte alle möglichen ethischen Konflikte mit sich: Wie lässt sich der Datenschutz gewährleisten, ohne die Forschung und deren Anwendung zu behindern? Wie steht es um das Recht auf Nichtwissen? Gibt es bald einen Quasi-Zwang zur angepassten Behandlung, damit Patienten der Solidargemeinschaft nicht zur Last fallen? Bleibt die freie Therapiewahl auf der Strecke? Lassen sich die hohen Kosten der Therapien rechtfertigen?

Über solche und viele andere Fragen zerbrechen sich Medizinethiker, Philosophen und Moraltheologen den Kopf. Noch hinkt die Ethikdiskussion der Praxis nicht hinterher. Denn trotz der vielen neuen Möglichkeiten beurteilen Experten die bisherige Erfolgsbilanz der personalisierten Medizin eher verhalten. "Ich sehe die Entwicklung vorsichtig positiv, aber zur Euphorie besteht kein Anlass", sagt etwa Professor Heyo Kroemer, der jahrelang an einem Forschungsprojekt der Universität Greifswald zur individualisierten Medizin mitgearbeitet hat.

Verbesserungen statt Durchbruch

Dr. Bärbel Hüsing vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe hat zusammen mit anderen Forschern das gesamte Feld bereits 2008 in einem mehr als 300-seitigen "Zukunftsreport" beleuchtet. "Im Großen und Ganzen gibt es für einzelne Patientengruppen und Anwendungen Verbesserungen", sagt sie heute, "aber der große Durchbruch ist ausgeblieben." Auch von den Biomarkern und Medikamenten, die derzeit in den Pharmalaboren getestet werden, verspricht sie sich keine große Revolution. Das Prinzip personalisierter Medizin findet sie dennoch sinnvoll: "Wir haben damit zusätzliche Pfeiler mit begrenzter Reichweite im Köcher, die bereits vorhandene Therapiestrategien ergänzen."

In erster Linie meint die Expertin damit Krebsmedikamente, von denen sich auch Pharmafirmen einen lukrativen neuen Markt versprechen. In den letzten Jahren konnten die Unternehmen kaum noch große Geldbringer entwickeln, sogenannte Blockbuster mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro. Stattdessen setzen die Firmen zunehmend auf Nischenpräparate, die nur bei einzelnen Patientengruppen angewendet werden können und oft extrem viel kosten.

Spezielle Krebsmedikamente entwickelt

Der Kosten-Nutzen-Vergleich geht dabei nicht immer auf, wie etwa im Fall des bereits angesprochenen Mittels gegen Mukoviszidose: Die Rechnung für ein Jahr Behandlung beläuft sich hier auf über 300.000 Euro – pro Patient. Doch andere Therapiefortschritte wie Medikamente zum Inhalieren oder Krankengymnastik haben sich auf den Gesundheitszustand der Betroffenen weitaus bedeutsamer ausgewirkt als diese eine Arznei.

Vor allem aber haben Pharmakonzerne Krebs im Visier. Dutzende entsprechender Medikamente brachten sie in den letzten fünf Jahren auf den Markt. Ein Teil davon folgt dem Prinzip der personalisierten Therapie, die Mittel werden nur bei Vorliegen des passenden Biomarkers verabreicht.

Die besondere Herausforderung bei dieser Erkrankung: Die meisten Tumorzellen weisen viele, einige sogar Zehntausende Mutationen auf. In diesem Wust müssen Forscher die entscheidenden herausfinden. Sie müssen also jene Genfehler identifizieren, die den Krebs entstehen lassen sowie sein Wachstum und die Bildung von Tochtergeschwülsten fördern. In der Regel enthält ein Tumor etwa fünf bis fünfzehn dieser sogenannten "Treibermutationen". Sie zu finden ist schwierig genug. "Und alle gleichzeitig auszuschalten ist kaum möglich", sagt Professor Wolf-Dieter Ludwig, Hämatologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. "Wir verstehen die Tumorbiologie heute deutlich besser", urteilt er, "aber Durchbrüche bei den neuen Therapien sind trotzdem selten geblieben."

Ein paar Erfolgsgeschichten gibt es immerhin zu erzählen. So erreichen zielgerichtete Medikamente bei Lungenkrebs eine deutliche Lebensverlängerung. Sie wirken jedoch nur bei etwa jedem zehnten Patienten. Viel verbreiteter ist ein anderer Krebstreiber, der beim schwarzen Hautkrebs das Geschehen bestimmt. Fast jeder zweite Betroffene trägt eine Mutation, die ihn für zwei neuere Präparate empfänglich macht. Diese verlängern die durchschnittliche Überlebenszeit im fortgeschrittenen Stadium um zusätzliche drei Monate. Werden beide Arzneien kombiniert, gewinnen die Patienten wahrscheinlich noch etwas mehr Lebenszeit.

Das in Fachkreisen viel zitierte Paradebeispiel einer Präzisionstherapie ist Imatinib. Ein Mittel, dessen Erfolgsbilanz Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie und ihre Ärzte geradezu euphorisiert.

Biomarkergesteuerte Krebsbehandlung enttäuschend

Leider sind alle anderen Krebsarten viel schwieriger zu behandeln als diese Leukämieform, die oft auf nur eine einzelne Mutation zurückgeht. "Die meisten Tumore können schnell einen anderen Signalweg aktivieren und entgehen so den Medikamenten" erklärt Professor Arnold Ganser, der die Krebsklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover leitet.

"Bisweilen schmelzen die Metastasen weg wie Eis in der Sonne", berichtet Ganser, "aber kurz danach kommen sie wieder, und die Überlebenszeit der Patienten ist nur wenig länger." Zwar profitieren Betroffene dann oft noch von Zweittherapien. Doch an eine Heilung ist nicht mehr zu denken.

Die Bilanz der biomarkergesteuerten Krebsbehandlung fällt deshalb insgesamt enttäuschend aus. Sie verlängert das Leben im Schnitt meist allenfalls um ein paar Monate. Noch immer wirken sich Vorsorge, Früherkennung sowie der Verzicht aufs Rauchen in der Statistik deutlich stärker aus als die modernsten Arzneimittel.

Und auch bei den Nebenwirkungen schneiden die Innovationen nicht in jedem Fall besser ab. Häufig sind – je nach Medikament – akneartige Hautausschläge, Gelenk- und Knochenschmerzen, Erbrechen, hartnäckiger Durchfall und anderes möglich. Bisweilen steigt sogar die Herzinfarktrate an. Überraschend ist das nicht. Denn auch wenn manche Ärzte von Präzisionsmedizin sprechen: Die Angriffspunkte der verwendeten Präparate sind meist spezielle Enzyme, die in gesunden Zellen ebenfalls eine wichtige Rolle einnehmen. Nur dass sie dort nicht verrücktspielen.

Damit die Bilanz besser wird, müssten Biomarker genauer untersucht werden, fordert Arzneimittel-Experte Wolf-Dieter Ludwig. Zwei Fragen sollen beantwortet werden: Wie gut lässt sich anhand von Biomarkern vorhersagen, ob ein einzelner Patient auf einen speziellen Wirkstoff anspricht? Und ist die personalisierte Therapie besser wirksam und verträglicher als die Standardbehandlung? Das erfordert jedoch aufwendige wissenschaftliche Studien, die bisher nur selten durchgeführt wurden.

Generell mehr Daten zu sammeln und auszuwerten, das ist auch die Strategie der Forscher und Ärzte, die weiter auf das Potenzial der personalisierten Medizin setzen. Das Erbgut von mehr Menschen mit verschiedenen Krankheiten soll entziffert, die Zusammensetzung der Proteine systematisch erfasst werden. Stoffwechselwege will man ebenso untersuchen wie den Einfluss von persönlichen Lebensgewohnheiten auf all diese Faktoren.

Big Data in der Medizin

Das Internationale Krebsgenom-Konsortium etwa analysiert derzeit die Geninformation von 50 verschiedenen Tumorarten und hofft, für jeden Tumortyp die entscheidenden Treiber zu finden. Außerdem sollen Bioinformatiker aus vielen Daten Zusammenhänge erfassen, die schließlich in genauere Diagnosen und bessere Therapien münden. Big Data, das Schlagwort des Großrechner-Zeitalters, ist mittlerweile in der Medizin angekommen.

Ähnliche Versprechen, wie sie heute Vertreter der personalisierten Medizin formulieren, waren jedoch vor 15 Jahren schon einmal zu hören – als der damalige US-Präsident Bill Clinton zusammen mit den beiden führenden Forschern die Rohversion des menschlichen Erbguts vorstellte. Die darauf gegründete Hoffnung auf zielgenauere Medikamente, die Krankheiten an der Wurzel packen und effektiver wirken, hat sich bisher nur in wenigen Bereichen erfüllt. Eine Revolution sollte man auch in naher Zukunft nicht erwarten. Eher viele kleine Schritte.


Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages