Neuraltherapie: Behandlung per Spritze

Neuraltherapeuten spritzen ein Mittel zur örtlichen Betäubung, wie Procain, in bestimmte Stellen des Körpers. Das soll Funktionsstörungen im ganzen Organismus beheben
von Dr. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 30.04.2015

Der Neuraltherapeut spritzt ein Betäubungsmittel (Lokalanästhetikum) in die Haut

Fotolia/Kreativwerden

Gelenkschmerzen und Wirbelsäulenbeschwerden mit muskulären Verspannungen, Verdauungsstörungen mit Durchfall und Verstopfung sowie "Krampfzustände" der Blutgefäße mit Kopfschmerzen und Schwindel: Solche Beschwerden können laut Neuraltherapeuten Funktionsstörungen sein, die durch bestimmte Krankheitsherde, sogenannte "Störfelder", aufrecht erhalten werden. Dabei handelt es sich nach Auffassung der naturheilkundlich ausgerichteten Neuraltherapie um chronische Entzündungsherde. "Diese Störfelder irritieren kontinuierlich das vegetative Nervensystem und setzen den Körper unter Dauerstress", erklärt Medizinalrat Dr. Rainer Wander, Allgemeinarzt, Neuraltherapeut und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie.

Mit gezielten Injektionen eines Betäubungsmittels kann man aber – gemäß dem Prinzip der Neuraltherapie – den Teufelskreis der chronischen Entzündung unterbrechen, der beständig Beschwerden verursacht. Je nachdem, wo der Therapeut die Spritze setzt, lassen sich verschiedene Formen der Neuraltherapie unterscheiden.

1. Segmenttherapie im Einflussbereich eines Spinalnerven

"Bei der Segmenttherapie nutzen wir das Wissen, dass jeder aus dem Wirbelkanal abgehende Spinalnerv einen bestimmten Bereich des Körpers erreicht", sagt Wander.

Zu den Spinalnerven gehörende Hautzonen

W&B/Jörg Neisel

Über die paarig angeordneten Spinalnerven erreichen Gefühlswahrnehmungen, etwa Schmerzen, das Rückenmark, und über weitere Verschaltungen das Gehirn. Dieses gibt über die Spinalnerven Befehle weiter, etwa an Muskeln, woraufhin sie zum Beispiel für eine Schonhaltung sorgen. Die sensiblen Hautnerven verteilen sich auf bestimmte Zonen. Diese Dermatome sind wiederum den Spinalnerven zugeordnet. "Hat ein Patient Schulterschmerzen, wird das über den Spinalnerv C5 vermittelt. Spritzt man das Betäubungsmittel in der dazugehörigen Zone in die Haut und an die Gelenkkapsel, kann man den Nervenreiz und damit die Schmerzen in seinem Einflussbereich dämpfen", erklärt Wander. Für den Patienten machen sich die Injektionen in die Haut als Quaddeln bemerkbar. Das Mittel könne aber auch in die Nachbarschaft von Muskelansätzen, der Knochenhaut oder Gefäßen gespritzt werden, um die gewünschten Reflexe im Nervensystem auszulösen beziehungsweise zu dämpfen.

2. Erweiterte Segmenttherapie

Führt die Segmenttherapie zu keiner vollständigen Besserung, kann eine erweiterte Segmenttherapie angebracht sein. Dabei spritzt der Neuraltherapeut das Betäubungsmittel in die Nähe von Nervenknoten des vegetativen Nervensystems, die Ganglien. Das vegetative Nervensystem besteht aus den Gegenspielern Sympathikus und Parasympathikus: Das sympathische System aktiviert Flucht oder Angriff, führt zum erhöhten Verbrauch von Energie, aktiviert Entzündung und Schmerz, während das System des Gegenspielers entspannenden, regenerierenden und entgiftenden Funktionen dient.

Außerhalb des Wirbelkanals gibt es den sogenannten Grenzstrang, in dem Nervenknoten des Sympathikus liegen, die Ganglien. Diese kann der Arzt mit tieferen Injektionen erreichen.

3. Störfeldtherapie mit Fernwirkung

Laut den Theorien der Neuraltherapeuten kommt es allerdings auch vor, dass ein Störfeld für eine Funktionsstörung in einem völlig anderen Bereich des Körpers verantwortlich ist. 1940 entdeckte der Mediziner Ferdinand Huneke diese Fernwirkung, als er bei einer Frau eine Knochenhautentzündung am Bein behandelte und sich dadurch schlagartig ihre Schulterschmerzen besserten. Deshalb vermutete der Arzt als Ursache Störfelder, die den Gesamtorganismus schwächen. "Heutzutage bezeichnet man solche chronischen Entzündungsherde, die Störfelder, besser als neuromodulative Trigger", sagt Wander.


Dr. Rainer Wander, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie

W&B/Privat

Diese Trigger aktivieren laut Wander zwei Stressachsen im Körper: Eine schnell wirksame Achse über das Nervensystem und eine langsamere über das Hormonsystem. "Der Körper kann sich wegen der Daueraktivierung des sympathischen Systems nicht mehr erholen und wird krank. Die Beschwerden zeigen sich dann dort, wo eine natürliche Schwachstelle des Körpers vorliegt." Dementsprechend könne ein schiefliegender oder toter Zahn durchaus Asthma oder Knieschmerzen hervorrufen.

Suche nach dem Auslöser

Das Aufspüren der Störfeldursache bezeichnet der Neuraltherapeut Dr. Reza Schirmohammadi als geradezu detektivische Arbeit. Zunächst sei eine genaue Befragung des Patienten notwendig. Die Ursache müsse bereits länger als die beobachteten Beschwerden bestehen. Narben kommen beispielsweise als Trigger infrage. "Sogar der Nabel, weil er ja sozusagen eine Narbe ist, die bei der Geburt entsteht", sagt Schirmohammadi, der Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin ist. Viele chronische Entzündungsherde liegen aber auch im Hals-Nasen-Ohren-Bereich: Zähne, Mandeln, Nasennebenhöhlen, Ohren. Ebenso können Herde im Becken liegen, im Bereich des Afters, der Prostata, der Scheide, des Muttermunds oder der Gebärmutter.

"Habe ich einen möglichen Herd gefunden, folgt ein Behandlungsversuch", sagt Schirmohammadi. Der Arzt umspült per Spritze die entzündeten Zellen mit einem betäubenden Arzneistoff, dem Lokalanästhetikum. Manchmal bessern sich die Beschwerden dadurch sofort. Das nennen Neuraltherapeuten "Sekundenphänomen". Wander: "Bei Patienten mit chronischen Beschwerden kann aber auch eine Regulationsstarre vorliegen." Das Nervensystem lässt sich also nicht sofort umprogrammieren. "Dann zeigt sich erst nach drei bis fünf Sitzungen ein Effekt." Setzt nach der sechsten Sitzung immer noch keine Besserung ein, kommt man in dem Fall mit der Neuraltherapie nicht weiter.

Kostenerstattung je nach Art der Neuraltherapie

Ob die Krankenkassen die Behandlung erstatten, hängt von der Art der Neuraltherapie ab. Während Ärzte Segmenttherapien eher abrechnen können, sind Störfeldtherapien reine Privatleistungen. "Je nach Körperbereich kosten die Injektionen etwa zwischen 20 und 50 Euro", sagt Wander. Die Preise sind in der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) festgelegt.

Wer einen Neuraltherapeuten sucht, kann auf den Internetseiten von Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur und Neuraltherapie (www.dgfan.de*) einen Arzt nach Postleitzahlen suchen. Diese Fachgesellschaften übernehmen auch die Fortbildung von Ärzten zum Neuraltherapeuten. Neben vier Grundlagenseminaren gibt es Speziallehrgänge zu den jeweiligen Körperbereichen, denn die Ärzte müssen sich sehr genau mit der Anatomie auskennen, um das Betäubungsmittel an die richtige Stelle spritzen zu können.

Mögliche Komplikationen und Nebenwirkungen

Falsch gesetzte Injektionen können Schaden anrichten – bis hin zu Nervenschäden, einer Querschnittslähmung des Rückenmarks oder einem Kreislaufkollaps. Auch innerliche Blutungen können vorkommen. Deshalb darf Patienten, die blutverdünnende Medikamente einnehmen, das Betäubungsmittel nur in die Haut gespritzt werden. In der Regel verwenden Neuraltherapeuten die Substanz Procain. Es kann allerdings allergische Reaktionen auslösen. Gegebenenfalls weicht der Neuraltherapeut dann auf andere Betäubungsmittel aus.

Andere Nebenwirkungen durch die Injektion wie leichte Benommenheit, kurzer Schwindel, eine geringe Schwankung von Puls und Blutdruck sind üblicherweise von vorübergehender Natur, sagt Schirmohammadi. Wander: "Eine solide Ausbildung mit der obersten Priorität auf Sicherheit durch Sorgfalt macht die Neuraltherapie zu einer effektiven und fast komplikationsfreien Methode."

 

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