Mastozytose: Neue Therapieoptionen

Juckreiz, Schmerzen, starke Entzündungen: Lange Zeit waren schwere Formen der systemischen Erkrankung nicht ausreichend behandelbar. Nun vermelden Forscher einen Durchbruch

von Christian Krumm, 27.09.2018
Allergietest

Diagnose: Dr. Frank Siebenhaar macht bei Frank J. einen Hauttest


Bevor Frank J. vor einem Jahr als einer der ersten Mastozytose-Patienten mit dem Medikament Midostaurin behandelt wurde, ging es ihm nicht gut. Der 56-jährige Berliner litt unter massiven Hautausschlägen mit schier unerträglichem Juckreiz. Dazu kamen starke Schmerzen sowie Magen- und Verdauungs­beschwerden, seine Milz und die Leber waren krankhaft vergrößert. Mit einem Bein stand Frank bereits im Grab, wie er erzählt.

Gefahr von enormen Entzündungsreaktionen

Frank ist seit 2007 an einer besonders aggressiven Form der systemischen Mastozytose erkrankt. Dabei wird der  Körper von sogenannten Mastzellen überflutet. Diese sind maßgeblich an Abwehrmechanismen des Immunsystems beteiligt, indem sie beispielsweise Botenstoffe wie Histamine, Leuko­triene oder Tryptase ausschütten.

Bei manchen Patienten kann es irgendwann zu enormen Entzündungsreak­tionen kommen – zunächst auf der Haut und schließlich in allen Körper­regionen. Die Folge sind die Symptome, die Frank erlebte, mit letztendlich lebensgefährlichen Organschäden.

PD Dr. med. Frank Siebenhaar

Betroffene ohne Diagnose fallen durchs Raster

In Deutschland haben schätzungsweise 5000 Menschen eine Mastozytose. Doch der Allergologe Dr. Frank Siebenhaar, Privatdozent an der Berliner Charité, weiß, dass es eine Dunkelziffer gibt: "Mittels neuer Diagnoseverfahren konnten wir feststellen, dass etwa zehn Prozent der Patienten mit schweren und mitunter tödlichen allergischen Reaktionen eine Mastozytose haben."

Diese Betroffenen fallen durchs Raster. Zudem können leichtere Formen der Mastozytose unter Umständen mit anderen chronischen Hautleiden verwechselt werden.

Ursache ist meist eine Mutation

Die Ursache für die ständige Neubildung von Mastzellen besteht in 90 Prozent der Fälle in einer erworbenen genetischen Mutation, die nicht vererbbar ist. Sie verursacht einen fehlerhaften Aufbau des Tyrosinkinase-Rezeptors (KIT) auf der Mastzelle.

Dieser wird in der Regel nur durch Stammzellfaktoren aktiviert, die in normalen Mengen in allen Körperregionen zu finden sind. "Doch die Mutation hat zur Folge, dass der Rezeptor permanent aktiv ist und der Zelle ständig die Bindung eines Stammzellfaktors vortäuscht", weiß Experte Siebenhaar. Das führe wiederum dazu, dass der Körper mehr Mastzellen bilde.

Mastozytose

Wirkstoff Midostaurin blockiert den Rezeptor

Hier setzt der Wirkstoff Midostaurin an, der zur Gruppe der Tyrosinkinase-­­Inhibitoren zählt und vor allem zur Behandlung leukämischer Erkrankungen schon länger bekannt ist. Er blockiert den Rezeptor und unterdrückt damit das fatale Dauerfeuer. Die Anzahl der Mastzellen reguliert sich wieder, auch die Aktivierbarkeit der Mastzellen werde reduziert.

"Heilen können wir mit dem Medikament noch nicht, aber zumindest die Patienten so stabilisieren, dass genügend Zeit für eine Knochenmarkstransplantation bleibt", resümiert Siebenhaar, der am Allergiezentrum der Charité Berlin Studien zur Therapie der Erkrankung leitet.

Für den Fall der schweren Fälle

Seit August 2017 ist das Medikament auch für schwere Formen der Mastozytose zugelassen. Es gilt als gut verträglich. Weil es aber nicht ausschließlich an den Mastzellen wirkt, treten mit­unter Nebenwirkungen auf. So kann es beispielsweise infektanfälliger machen oder Leber und Niere belasten. Bei Patienten mit leichteren Formen gilt es, Vor- und Nachteile abzuwägen.

Inzwischen arbeiten Forscher an weiteren Wirkstoffen, sowohl für leichte als auch für schwere Formen der Erkrankung. "Derzeit laufen Studien zu mehreren Tyrosinkinase-Inhibitoren, die spezifischer wirken sollen", berichtet Siebenhaar. Ein anderes Konzept seien Antikörper, die beispielsweise an den Siglet-8-Rezeptor an der Oberfläche der Mastzellen binden. Der genaue Mechanismus der Siglet-Rezeptoren ist noch unklar, aber die Aktivierung des Rezeptors gibt der Zelle ein hemmendes Signal. Sie ist daraufhin nahezu vollständig blockiert. Im Gegensatz zu den Tyrosinkinase-Inhibitoren könne dieser Antikörper auch die Zahl der Mastzellen wieder reduzieren. Ob sich diese Vermutung bestätigt, sollen die aktuellen Studien zeigen.

Ein neues Leben

"Fünfzig Jahre lang haben wir versucht, die Entzündungsmediatoren wie Histamin oder Leukotriene auszuschalten", sagt Siebenhaar. Erst in den letzten vier Jahren habe sich das Blatt ge­wen­det. Für Frank J. gerade noch recht­zeitig. Fast schlagartig nach der ersten Einnahme des Mittels hätten sich seine Symptome vermindert, erzählt er. Inzwischen hat er auch wieder ein gesundes Körpergewicht. "Mir wurde ein neues Leben geschenkt."