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Die Geschichte der Rehabilitation

Morgens Fango, abends Tango? Die Idee der Rehabilitation ist nicht neu. Allerdings haben sich die Ziele der Reha im Lauf der Zeit gewandelt

von Maike Mauer, 13.11.2019

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Morgens Fango, abends Tango, lautete in den 1980ern ein geflügeltes Wort, wenn es um Reha ging. Ein Kuraufenthalt war damals beinahe vergleichbar mit einem Urlaub in einem wellnessorientierten Clubhotel – Kurschatten inklusive. "Früher glich die Reha tatsächlich eher einer Erholungskur", bestätigt Professor Gert Krischak, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Federseeklinik Bad Buchau.

Die moderne Rehabilitation hat damit wenig gemein. "Wir setzen passive Anwendungen wie Fango oder Massagen zwar auch heute noch ergänzend ein. Aber es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sie nur kurzfristig wirken", so Krischak. Langfristig bringe den Patienten nur eine aktive Mitarbeit weiter, und zwar in einer Klinik, die auf seine Erkrankung spezialisiert ist. "Die Reha ist insgesamt medizinischer geworden. Auch, weil Patienten viel früher aus der Akutklinik entlassen werden."

Meilensteine der Rehabilitation

Fit für den Alltag

Heute ist das Ziel einer Reha, den Patienten fit für seinen Alltag zu machen und ihm langfristig dabei zu helfen, sich – auch mit chronischer Erkrankung – wieder bestmöglich ins Arbeits- und Gesellschaftsleben zu integrieren. Dafür arbeiten interdisziplinäre Teams aus Fachärzten, Psychologen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logotherapeuten, Pflegekräften und Sozialarbeitern Hand in Hand.

"Das Besondere an der modernen Reha ist die Orientierung am biopsychosozialen Krankheitsmodell, das den Menschen als Ganzes sieht", erklärt Professor Erik Farin-Glattacker, Leiter der Sektion Versorgungsforschung und Rehabilitationsforschung am Universitätsklinikum Freiburg. "Es geht darum, eine interprofessionelle Therapie zu koordinieren, die auf die Lebenssituation und die Ziele des Patienten abgestimmt ist und ihn wieder dazu befähigt, am sozialen Leben teilzunehmen."

Reha vor Rente und Reha vor Pflege

Im Mittelalter besuchten vor allem elitäre Kreise und später vorrangig Senioren Kurorte mit Heilklima oder -quellen, um ihre Konstitution zu verbessern. Heute hat jeder Anspruch, der rehafähig und -willig ist. Vorausgesetzt, die Maßnahme ist medizinisch notwendig und eignet sich dazu, die Gesundheit zu verbessern und die Erwerbsfähigkeit zu erhalten (Reha vor Rente) beziehungsweise eine Pflegebedürftigkeit abzuwenden (Reha vor Pflege).

Hauptkostenträger sind die Renten- und die Krankenversicherung. Zu den häufigsten Indikationen zählen laut Reha-Bericht 2018 der Deutschen Rentenversicherung Erkrankungen von Muskeln, Skelett und Bindegewebe sowie psychische Leiden. 53 Jahre alt sind Reha-Patienten im Schnitt.

Hilfe, um sich selbst zu helfen

Was auf dem tagesfüllenden Therapieplan steht, orientiert sich an den Bedürfnissen des Patienten. Das Angebot ist groß und umfasst unter anderem Bewegungstherapie und Muskelkräftigung, Entspannungstechniken, Logotherapie, Ernährungsberatung, Schulungen zu krankheitsspezifischen Herausforderungen sowie Psychotherapie. Der Rehabilitand mit Burn-out lernt beispielsweise konkrete Anti-Stress-Techniken, der Rückenschmerzpatient übt Haltungen, die er speziell im Job braucht.

Wichtig ist auch eine gute Nachsorge, um den Erfolg zu festigen. Farin-Glattacker: "Im Idealfall hat der Patient Ziele und eine To-do-Liste, kennt Selbsthilfegrupppen und bespricht mit seinem Arzt, wie und wo er die Nachsorge-Empfehlungen der Klinik umsetzen kann."

Eine lohnende Sache

2016 wendete allein die Rentenversicherung rund 6,4 Milliarden Euro (brutto) für Rehabilitation auf. Eine gute Investition? Das Institut für Rehabilitationsmedizinische Forschung an der Universität Ulm hat mit Daten der AOK und der DRV Baden-Württemberg eine Kosten-Nutzen-Studie für die Reha bei chronischen Rückenschmerzen erstellt.

Ergebnis: Patienten, die an einer Reha-Maßnahme teilgenommen hatten, wurden in den beiden folgenden Jahren durchschnittlich 14 Tage weniger krankgeschrieben als Patienten ohne Reha. Sie mussten zudem deutlich seltener im Krankenhaus behandelt werden. Und sie nahmen eine Erwerbslosenminderungsrente – wenn überhaupt – erst deutlich später in Anspruch. Die Reha lohnte sich nicht nur für den einzelnen Patienten nachhaltig, sondern auch für die Gesellschaft. Gert Krischak: "In den ersten zwei Jahren nach der Reha ließ sich über eine halbe Milliarde Euro einsparen."

Fragt man die Patienten selbst, werten laut Reha-Bericht drei von vier ihre Rehabilitation als Erfolg – auch ohne Tango und Fango. Die Anstrengungen scheinen sich also zu lohnen.

Wo und wie beantragt man eine medizinische Reha?

Kostenträger für rentenversicherungspflichtige Erwerbstätige und ihre Kinder ist die Deutsche Rentenversicherung. Rentner wenden sich an ihre Krankenkasse. Bei privat Versicherten ist der jeweilige Vertrag entscheidend – und im Fall eines Arbeitsunfalls oder einer Berufskrankheit trägt die Unfallversicherung beziehungsweise Berufsgenossenschaft die Kosten für eine Reha. Auch die Bundesagentur für Arbeit oder Sozialhilfeträger springen in Einzelfällen ein.

Beim Beantragen unterstützt der Klinik-Sozialdienst, wenn die Reha direkt auf einen Krankenhausaufenthalt folgt. Sonst hilft der Hausarzt beim Ausfüllen des Antrags, den es auf den Internetseiten der Träger zum Herunterladen gibt. Wer eine Wunschklinik hat, gibt an, warum sie besonders gut geeignet ist. Antrag abgelehnt? Dann macht es Sinn, innerhalb von vier Wochen Widerspruch einzulegen. Unterstützung bieten Sozialverbände, Fachanwälte für Sozialrecht oder der Arbeitskreis Gesundheit: www.arbeitskreis-gesundheit.de.


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