Balneotherapie: Die Heilkraft des Wassers

Ob Meer, Thermalbad oder Sole – Wasser tut Körper und Seele auf vielfältige Weise gut. Die Balneotherapie setzt auf seine heilende Kraft

von Annett Zündorf, aktualisiert am 11.02.2016
Balneotherapie

Rund um das Element Wasser gibt es viele Anwendungen und Therapien


Platsch, platsch, platsch, schwappen kleine Wellen gegen die Beine. Sanfte Klaviermusik. Die Gedanken werden kleiner und kleiner. Sie wiegen sich im Takt des Wassers hin und her, kommen näher und entfernen sich. Während der Körper im Dunkeln im warmen, salzhaltigen Wasser der Therme schwebt, denkt der Kopf noch an die Arbeit, an Wäsche, die noch erledigt werden muss.

Doch je länger man im Becken treibt, desto mehr verwischen die Gedanken, werden immer weniger. Schließlich macht das Denken dem Fühlen Platz. Der Duft des Salzes, die eigene Haut, die sich weicher anfühlt, die sanften Schaukelbewegun­gen. Vor dem inneren Auge taucht das Meer auf. Spüren Sie schon den Sand unter Ihren Füßen?

Vielfältige Formen

Genug der Träumerei: Schon seit der Antike wird Wasser in der sogenannten Balneotherapie zum Heilen eingesetzt. Viele verschiedene Formen haben sich seither entwickelt: Thermalbäder, Kneipp­güsse, Sauna. Baden, Duschen, Turnen, Schweben. Es gibt Heilwasser zum Trinken und Thermalwasser zum Aufsprühen. Ende des 18. Jahrhunderts empfingen die ersten Seebäder ihre Gäste.

Mittlerweile hat sich aus dem Baden im und Spazierengehen am Meer eine besondere Wellness- und Heilmethode entwickelt: Thalasso vereint passive Elemente wie Hydromas­sagen, Meerwasserbäder, Nebelstrahlduschen und Algenpackungen mit Bewegung an der aerosolhaltigen Luft an Nord- und Ostsee. "Die einzelnen Elemen­te wirken auf verschiedene Weise auf den Körper", erläutert Dr. Regina Schwanitz, Kur- und Badeärztin in Warnemünde.

Kneipp-Beinguss

Meerwasser für Bronchien und Haut

Ein Spaziergang im Sprühnebel der Brandung pustet Salze und schadstoffarme Luft in die Bronchien. Das löst Schleim in den Atemwegen. Durch regelmäßige Bewegung gelangt mehr Sauerstoff in den Körper. In den Muskelzellen vermehren sich die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, und werden leistungsfähiger. Auf der Haut verteilen sich die winzigen Salzkristalle.

"Das Salz wirkt entzündungshemmend und lindert den Juckreiz", erklärt Schwanitz. Gleichzeitig wird der Stoffwechsel der Haut beeinflusst. Während ­feine Schuppen abfallen, mobilisiert die Salzlösung unter anderem hauteigenen Harnstoff, der der Haut hilft, Feuchtigkeit zu binden. Das Salz verstärkt den Effekt der UV-Strahlung, da sie sich in den Kristallen wie in einer Lupe bricht. Zugleich wird unter dem Einfluss des Sonnenlichts in der Haut Vitamin D gebildet.

Meereskosmetik hemmt Entzündungen

Algen- oder Schlickpackungen ergänzen das Therapiepaket. "Darin steckt ein ganzer Cocktail wertvoller Mineralstoffe und Spurenelemente wie Magnesium, Selen und Jod", sagt Maika Engelke, Apothekerin aus Otterndorf. Außerdem enthalten Algen Stoffe, die vor freien Radikalen schützen, die Haut glätten und Feuchtigkeit binden. Essenzielle Aminosäuren und wertvolle Fettsäuren gelangen in den Stoffwechsel. Das Enzym Photolyase aus Blaualgen kann durch die Sonne verursachte Schäden mindern. Die Wirkstoffe aus dem Meer werden sehr geschätzt, sodass sie auch in Kosmetik enthalten sind.

"Meereskosmetik empfehle ich wegen ihrer antibakteriellen und entzündungshemmenden Wirkung besonders bei Schuppenflechte, Neurodermitis und trockener Haut", sagt Engelke. "Doch auch für ältere oder trockene Haut eignet sich Meerespflege hervorragend." Es wird vermehrt Kollagen gebildet. Die Haut erscheint straffer. Wer nicht am Meer wohnt, findet häufig eine mineralstoffhaltige Thermalquelle ganz in der Nähe. Auch dieses Wasser aus der Tiefe pflegt, indem es die Haut mit seinem Salz überzieht.

Kneippen trainiert die Blutgefäße

Probieren Sie es doch mal selbst aus: In einem Thermalbad zum Beispiel im Broncharium tief einatmen. Dort wird Sole vernebelt – was für eine Wohltat! Und draußen glitzert verlockend das Becken zum Wassertreten. Im Kreis umher staksen und die angenehme Kühle spüren. Pfarrer Sebastian Kneipp empfahl Wassertreten, auf einer mit Tau benetzten Wiese barfuß zu laufen sowie abwechselnd kalte und warme Güsse als Teil eines gesunden Lebensstils. Auf diese Weise wird die Abwehr stabilisiert und das Gefäßsystem trainiert.

Jetzt aber raus aus dem kalten Wasser und schnell zurück ins warme Becken. Tief unten blubbert die warme Sole aus der Erde. Sie enthält viele Mineralstoffe. Thermalwasser ist so rein, dass manche Kosmetikfirmen ihre Produkte ausschließlich damit zubereiten. "Als Spray erfrischt es die Haut und beruhigt bei Rötungen", sagt Apothekerin Engelke.

In einem Thermalbad ist jeder Stress bald weit weg. Tipp: Nach so einem Wellnesstag sollten Sie die Salzreste sanft abduschen und eine rückfettende Creme auftragen. Das haben Experten einstimmig und für jeden Hauttyp empfohlen. Schließlich soll sich die Haut noch eine Weile glatt und samtig anfühlen.

Generell gilt auch für kleine Badetherapie-Anwendungen: bei Vorerkrankungen vorher vom Arzt grünes Licht geben lassen!

THERMALWASSER

Das Wasser sprudelt mit einer Temperatur von mindestens 20 Grad aus der Erde. Es enthält Salze und Mineralstoffe, manchmal auch Kohlensäure oder Schwefel. Thermalwasser be­ruhigt die Haut und hemmt Entzündungen. Zahlreiche ­­Kosmetikserien nutzen dies.

HEILWASSER

Es enthält meist viele Mineralstoffe und Spurenelemente. Sie regen den Stoffwechsel an und unterstützen – je nach ­Zusammensetzung – die Funk­tion von Niere, Magen, Darm, Herz und Kreislauf. Heilwässer gelten als Arzneimittel und ­müssen amtlich zugelassen sein.

THALASSO

Die Therapie nutzt die Kraft des Meeres. Zur Behandlung gehören Spaziergänge im feinen Sprühnebel der Brandung ebenso wie Algenpackungen und Massagebäder im warmen Meereswasser. Die unterschiedlichen Reize von Luft und Wasser sowie das Salz des Meeres stärken die Abwehrkräfte, wirken positiv auf fast alle Organ­systeme und die Psyche.

KNEIPP

Anwendungen wie abwechselnd warme oder kalte Güsse von den Finger- und Fußspitzen in Richtung Herz, dazu Wassertreten in kaltem ­Wasser, stärken das Herz-Kreislauf-System. Die Gefäße werden trainiert, die gut durchblutete Haut sieht rosig und frisch aus.

ALGEN

Die Pflanzen enthalten neben Sauerstoff, Mineralstoffen und Spuren­­elementen essenzielle Aminosäuren, spezielle Fettsäuren und Enzyme. Sie lindern Juckreiz, stärken die Hautschutz­barriere, bewahren vor schädli­­chem UV-Licht, spenden Feuchtigkeit.

SOLE

So heißen Salzlösun­gen mit bis zu sechs Prozent Salzgehalt. Sie werden als Bäder, Umschläge und zum Einreiben genutzt. Vor allem Menschen mit Hauterkrankungen ­profitieren von der ­ent­­zündungshemmenden und juckreizlindernden Wirkung.

FLOATEN

Das Schweben in extrem salzhaltigem Wasser, völlig abgeschottet von der Außenwelt, wirkt positiv auf die Psyche. Da Muskeln und Geist keinerlei Reizen ausgesetzt sind, entspannen sie sich tief und nachhaltig.