Süchtig nach Medikamenten

Fast zwei Millionen Menschen sind in Deutschland von Arzneimitteln abhängig – am häufigsten von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Wie Apotheker und Ärzte den Weg aus der Suchtspirale begleiten
von Barbara Kandler-Schmitt, 29.09.2015

Pillen mit Nebenwirkungspotenzial: Aus Missbrauch kann Abhängigkeit werden

istock/Suze777

Das Problem ist nicht kleiner, fällt jedoch weniger auf: In Deutschland sind genauso viele Menschen abhängig von Medikamenten wie von Alkohol. Experten gehen von fast zwei Millionen Betroffenen aus. Davon greifen bis zu 1,5 Millionen regelmäßig zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln. "Allerdings werden Medikamente nicht als Suchtmittel wahrgenommen", sagt Dr. Ernst Pallenbach, Suchtpräventions-Beauftragter der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. "Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie längst abhängig sind und durch die Langzeiteinnahme erhebliche Nachteile haben."

Wie der Apotheker betont, kann der kurzfristige Konsum von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, sogenannten Benzodiazepinen, oft sinnvoll sein, etwa um Krisensituationen besser zu bewältigen. "Sie werden nicht zu häufig verordnet, aber zu lange", sagt Pallenbach.

Die dauerhafte Einnahme von Beruhigungsmitteln ist nicht ungefährlich. Bitte auf die Lupe klicken, um die Grafik zu vergrößern

W&B/Astrid Zacharias

Wenn Schlafmittel den Schlaf stören

Vor allem ältere Frauen nehmen sie oft über Jahre oder gar Jahrzehnte ein. Mit fatalen Folgen: Der Körper gewöhnt sich schnell an die Medikamente, die dann weniger gut wirken. "Bei Dauereinnahme treten verstärkt Symptome wie Unruhe, Angst und Schlafstörungen auf, gegen die Benzodiazepine eigentlich verordnet werden", sagt Pallenbach. Zudem leiden Gedächtnis und Konzentrations­fähigkeit. Die Betroffe­nen werden gleichgültig und ziehen sich sozial zurück. Und da Benzodiazepine die Muskeln entspannen, erhöhen sie auch die Sturz- und Verletzungsgefahr.

In Kliniken und Suchtambulanzen kann Betroffenen geholfen werden. "Nur wenige nutzen solche Angebote", bedauert Pallenbach. "Doch auch Apotheker können hier viel leisten."
Dies bestätigt ein kürzlich abgeschlossenes Modellprojekt zum ambulanten Entzug benzodiazepin­abhängiger Patienten: Die gemeinsame Betreuung durch Hausärzte und Apotheker bewirkte, dass 46 Prozent der Teilnehmer ihr Beruhigungsmittel ganz absetzen und weitere 28 Prozent die Dosis reduzieren konnten. "Dadurch haben sie sehr an Lebensqualität gewonnen", betont Projektleiter Pallenbach.

Benzodiazepine nicht selbst absetzen

Benzodiazepine dürfen allerdings nie plötzlich abgesetzt werden. "Über die Dosis entscheidet immer der Arzt", sagt Pallenbach. "Aber die Beratung in der Apotheke trägt maßgeblich zum Erfolg bei." Apotheker sollten Patienten für die Folgen der Langzeiteinnahme sensibilisieren, ohne ihnen Angst zu machen: "Benzodiazepine sind wichtig und hilfreich – vorausgesetzt, es werden bestimmte Regeln beachtet."


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