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Co-Abhängigkeit: Mitgefangen in der Sucht

Auf jeden Alkoholiker kommen vier Angehörige, die unter der Sucht leiden. Ein Gespräch über Co-Abhängigkeit

von Dr. Nicole Lauscher, 27.09.2019
Frau leidet unter der Sucht des Mannes

Betroffene sind meist nicht nur die Süchtigen selbst: Auch Familienangehörige und Freunde leiden mit. Experten raten, die Sucht rechtzeitig anzusprechen und gemeinsam Hilfe zu suchen


Eine Sucht trifft immer auch das Umfeld der Betroffenen. Auf jeden Alkoholkranken kommen ungefähr vier bis fünf Angehörige, die unter den Folgen der Sucht leiden, meldet das Blaue Kreuz. Häufig geraten sie in eine sogenannte Co-Abhängigkeit. Dann bestimmt der Alkohol auch ihr Leben.

Wie können Angehörige sich schützen? Wie können sie es schaffen, dem Strudel zu entkommen? Ein Gespräch mit dem Berliner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Professor Götz Mundle:

Herr Professor Mundle, was bedeutet Co-­Abhängigkeit?

Co-Abhängigkeit beschreibt die Situation, wenn bei einer Abhängigkeit nicht nur die eine Person erkrankt, sondern das ganze "System" krank wird. Der Betroffene selbst ist süchtig nach der Substanz, dem Alkohol. Der Co-Abhängige zeigt aber ebenfalls ein abhängiges Verhaltensmuster – und zwar vom Partner. Er richtet sein ganzes Leben auf ihn aus und ist somit indirekt auch vom Alkohol abhängig.

Sind Frauen oder Männer häufiger betroffen?

Frauen, denn 80 Prozent der Süchtigen sind Männer. Der typische Fall der Co-Abhängigkeit tritt in einer langjährigen Beziehung auf. Die ersten zehn Jahre lief alles ganz normal: Job, Kinder. Aber dann, im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, kommt es dazu, dass der Partner abhängig wird – und die Frau gerät in die Rolle der Co-Abhängigen. Genauso gut können aber auch Kinder oder enge Freunde co-abhängig werden.

Wie unterscheidet man eine Abhängigkeit von einer Phase, in der der Partner zu viel trinkt?

Der Kern der Krankheit ist die psychische Abhängigkeit: dass jemand seinen Konsum nicht mehr kontrollieren und keine Pause mehr einlegen kann. Der innere Drang zu trinken ist so groß, dass die Einsicht über die Folgen nicht mehr vorhanden ist. Wenn jemand nicht mehr zur Arbeit geht, seine Familie vernachlässigt. Wenn er trinkt, obwohl er Auto fährt. Wenn die Leberwerte steigen, aber jemand den Alkoholkonsum trotzdem nicht reduziert. Dann gehe ich davon aus, dass eine Abhängigkeit vorliegt.

Aber genau wie eine Sucht entsteht ja auch eine Co-Abhängigkeit nicht von heute auf morgen …

Es gibt drei typische Phasen. Zunächst die Beschützerphase: Man merkt, dem Partner geht es nicht gut, und will ihm etwas Gutes tun, ihn beschützen. Häufig übernimmt die Frau dann die Verantwortung, entschuldigt den Süchtigen beim Arbeitgeber und bei Freunden. Sie bagatellisiert und verharmlost die Situation in dem Glauben: Wenn ich mich nur genügend um meinen Partner kümmere, geht die Krankheit weg. Aber das ist ein Irrglaube.

Und dann?

Die Frau will die Sache selbst in die Hand nehmen und beginnt zu kontrollieren: Sie versteckt den Alkohol. Sie schüttet ihn weg. Sie schaut, dass der Partner nirgends was trinkt. Dann geht eine Eskalationsstufe los: Der Abhängige trinkt heimlich. Und der Co-Abhängige reagiert enttäuscht und verärgert.

Dann kommt die dritte Phase …

Der Co-Abhängige merkt: Ich hab es nicht im Griff. Ich bin hilflos. Ich bin ohnmächtig. Hier kippt das Ganze. Es folgt die Anklagephase. Der Angehörige fühlt sich enorm unter Druck, klagt an, reagiert nicht selten aggressiv. Es kommt häufig zu Streit. Irgendwann – wenn alles nicht hilft – zieht er sich zurück und lässt den Süchtigen allein, häufig auch im Stich.

Was wäre also die bessere Strategie, wenn man merkt, dass man nicht helfen kann?

Wichtig wäre es, die Erkrankung offen anzusprechen und zu sagen: Ich unterstütze dich, wenn du zu einem Spezialisten gehst und Hilfe annimmst. Ich kann die Verantwortung für deine Erkrankung nicht übernehmen. Du musst zum Arzt. Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, die man behandeln kann und muss.

Vielleicht vertuscht man als Angehöriger die Sucht aber auch, weil man sich schämt oder aus Angst, der andere könne seinen Job verlieren.

In Deutschland haben wir, Gott sei Dank, ein System, das Alkoholabhängigkeit als Krankheit anerkennt. Man kann sich krankschreiben lassen und in dieser Zeit eine Therapie machen. Es gibt ein sehr gutes Netz an ambulanten und stationären Einrichtungen für die Behandlung.

Erster Ansprechpartner sind der Hausarzt und die Suchtberatungsstellen.
Krankheit ist Privatsache – das geht den Arbeitgeber nichts an. Anders verhält es sich, wenn eine Person mit Alkohol am Arbeitsplatz auffällt. Dann gibt es üblicherweise Suchtvereinbarungen: Macht der Betroffene eine Therapie, wird ihm nicht gekündigt.

Was können Angehörige tun, wenn der Erkrankte sich weigert, professionelle Hilfe zu suchen?

Wenn der Suchtkranke es nicht schafft, zum Suchttherapeuten, zur Suchtberatung oder zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen, dann muss die Angehörige selbst es tun. Sie kann anbieten: Wir gehen gemeinsam zum Arzt, ich unterstütze dich bei der Behandlung. Falls der Abhängige sich weigert, muss sie für sich Hilfe suchen. Die Angehörige muss raus aus der Isolation, sich informieren. Das ist ganz wichtig.

Welche Unterstützung kann sie erwarten?

Angehörige sind in der Regel überfordert, verzweifelt und erschöpft. Sie waren lange gefangen in der Frage: Was kann ich für den Partner tun? Aus dieser Spirale müssen sie ausbrechen und sich fragen: Was brauche ich, damit es mir gut geht? Was kann ich für mich tun? Sie müssen wieder Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen, denn in gewisser Weise sind auch sie krank geworden. Sie müssen loslassen.

Den Partner also doch allein lassen?

Am Anfang sollte immer das Angebot stehen: Ich unterstütze dich bei der Therapie. Nimmt der Abhängige dieses Angebot an, können beide den Weg gemeinsam gehen. Lehnt er das Angebot ab, ist es wichtig, dass der Angehörige seinen eigenen Weg geht, unabhängig vom Partner – eben nicht co-abhängig.

Wichtig ist, dass der Co-Abhängige aus seiner Isolation herauskommt und seine sozialen Netzwerke reaktiviert. Sinngemäß bedeutet dies: Ich kümmere mich nicht mehr darum, ob du trinkst, das ist deine Verantwortung - ich lebe mein eigenes Leben. Ich habe soziale Kontakte, Freizeitaktivitäten und kümmere mich um mich selbst.

Was bedeutet das für den Suchtkranken?

Wenn der Süchtige sieht, mein Partner steigt aus dem System aus, dann ist das auch für ihn ein ganz wichtiger Schritt. Zum einen, weil er merkt: Ich habe nicht mehr die Hilfe, nicht mehr die Unterstützung. Ich bin allein. Zum anderen, weil er sieht: Veränderung ist möglich – meine Partnerin schafft es schließlich auch.

Hilfe finden: Angehörige von 
Alkoholkranken

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet auf ihrer Website kenn-dein-limit.de Informationen und zudem Kontakte zu Selbsthilfegruppen. Einfach den Begriff "Co-Abhängigkeit" in die Suchmaske eingeben.

Die Organisation Al-Anon ist eine weltweite Selbsthilfeorganisation von Angehörigen von Alkoholkranken: 
al-anon.de

Das Blaue Kreuz ist eine christliche Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten. Auf der Homepage findet sich unter anderem ein Test: Bin ich co-abhängig?
blaues-kreuz.de/de/sucht-und-abhaengigkeit/fuer-angehoerige/


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