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Innere Stärke: Tiefschläge überwinden

Manche Menschen überstehen Schicksalsschläge und Krisen besser als andere. Forscher wollen wissen, warum

von Julia Rudorf, 05.02.2019
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Optimistisch: Wer die Welt mit leicht rosaroter Brille betrachten kann, tut sich in Krisen leichter


Gerade erst war ihre Mutter gestorben. Sie hatte eine Trennung hinter sich, keinen Job, mit ihrem Baby lebte sie in einer Sozialwohnung. Manchmal wusste die junge Frau nicht, woher sie das Geld für Essen nehmen sollte. Immer wieder glitt sie ab in schwere Depressionen. Es sei die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. "Es fühlte sich an wie ein Versagen epischen Ausmaßes", sagte Joanne K. Rowling später. Sie ist die Schöpferin der bekannten Harry-Potter-Romane und inzwischen Milliardärin.

Was nach einem Märchen klingt, ist ein Phänomen, das die Wissenschaft schon lange beschäftigt. Wie gelingt es Menschen, schwierige Lebenslagen, persönliche Verluste und schwerste Ereignisse zu überstehen, ohne dauerhaften seelischen Schaden zu nehmen – während andere davon völlig aus der Bahn geworfen werden?

Resilienz: Mix aus Stabilität und Flexibilität

Forscher bezeichnen diese Fähigkeit als Resilienz. Der Begriff kommt ursprünglich eher aus dem Bereich von Physik und Materialkunde und steht dort für eine spezielle Mischung aus Stabilität und Flexibilität. So wie Bambus, der vom Sturm zwar zu Boden gedrückt wird, aber nicht zerbricht, sondern sich später wieder aufrichtet.

"Beim Menschen ist damit die Fähigkeit gemeint, die eigene psychische Gesundheit während oder nach widrigen Lebensumständen aufrechtzuerhalten", sagt Klaus Lieb, wissenschaftlicher Geschäftsführer am Deutschen Resilienz-Zentrum in Mainz. Seit 2014 gehen Mediziner, Hirnforscher, Biologen und Psychologen dort gemeinsam der Frage nach, was es mit dem Geheimnis der inneren Stärke auf sich hat.

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Alltagsbelastungen machen krank

Der Forschungsbereich ist seit einigen Jahren im Aufwind, überall auf der Welt. Millionen Dollar flossen in den USA in die Erforschung der Resilienz von Soldaten und Veteranen. In anderen Studien steht die seelische Widerstandskraft von Flüchtlingskindern, Überlebenden von Umweltkatastrophen oder Terroranschlägen im Fokus. Seit 2010 erschienen in wissenschaftlichen Fachzeitungen über 16 000 Artikel zu dem Thema.

In Mainz wird untersucht, was Menschen robuster mit den Belastungen des Alltags umgehen lässt – mit Krankheiten, Unfällen, Trennungen, Stress im Beruf. Denn mit all dem klarzukommen gelingt in Deutschland offenbar immer weniger Menschen. Nach einer Erhebung der DAK erreichte die Zahl der Fehltage wegen psychischer ­Erkrankungen 2016 einen historischen Höchststand. Depressionen, Belastungs- oder Anpassungsstörungen stellen damit den zweithäufigsten Grund dar, warum Menschen krankgeschrieben werden. Nur Rückenschmerzen sind häufiger.

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Stark trotz schlechtem Start

Doch was genau einen Menschen resilient macht und wie man diese Fähigkeit fördern kann, ist nicht so einfach auszumachen. Das zeichnete sich bereits in den frühen Studien der 1950er-Jahre ab. Damals begleitete die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner Kinder aus zerrütteten Familien über Jahrzehnte. Zwar wuchs rund ein Drittel von ihnen zu zufriedenen und gesunden Erwachsenen heran. Die Forscher mussten aber feststellen, dass deren Resilienz kein festes Persönlichkeitsmerkmal war. Die seelische Widerstandskraft hatte sich erst ent­wickelt, war das Ergebnis eines dynamischen Prozesses.

Später untersuchte die Wissenschaft, was diesen Resilienz-Prozess positiv beeinflussen könnte. Optimismus etwa oder emotionale Bindungen zu Freunden und Familie. Für sich alleine konnte allerdings keiner dieser Faktoren so recht überzeugen.

Situationen neutral zu bewerten soll helfen

Das Team in Mainz hat deshalb versucht, einen gemeinsamen Nenner für all die Einzelansätze zu finden. Ergebnis: die sogenannte Bewertungstheorie. Vereinfacht besagt diese: Ob ein Mensch zum Beispiel einen Hund als Bedrohung empfindet, hat wenig mit dem Hund zu tun – sondern damit, wie das Gehirn die Situation einschätzt und bewertet. Wer schon einmal von einem Hund gebissen wurde, wird sehr wahrscheinlich zu einer anderen Bewertung kommen als etwa jemand, der selbst ­einen Hund besitzt.

Mit Liebeskummer oder Stress, so die These, verhält es sich ähnlich. Bewertet das Gehirn solche Situationen neutral bis leicht positiv – egal ob bewusst oder unbewusst –, können die Krisen uns weniger anhaben. Weil der Körper nicht in Alarmbereitschaft versetzt werde, würde uns das resilienter machen. "Positive Appraisal Style Theory Of Resilience" (Pastor) nannten die Wissenschaftler ihr Modell.

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Psychologen: Innere Stärke ist erlernbar

Was damit konkret im Alltag gemeint ist, beschreibt Psychologin Dr. Isabella Helmreich gerne mit einem Beispiel aus dem Straßenverkehr. Werde man dort mal ungünstig eingeparkt, könne man sich entweder sehr aufregen und wütend auf den anderen Fahrer werden. "Sie könnten aber auch denken: Nicht so schlimm, das war vermutlich keine Absicht." Damit bleibe man eher Herr der Lage.

Oliver Tüscher, Professor für klinische Resilienzforschung am Mainzer Uniklinikum, hat die Bewertungstheorie mitentwickelt. Für den Experten für funktionelle Bildgebung in der Psychiatrie ist der Vorteil des Modells klar: "Es stellt das Gehirn und neurobiologische Prozesse in den Mittelpunkt – und die können wir untersuchen und messen." Auch für Nichtwissenschaftler enthalte es eine gute Nachricht: "Resilienz hat etwas mit Lernen zu tun – und das klappt nachweislich bis ins hohe Alter."

So wappnen Sie sich gegen Stress

Ausgewogene Kost für den Kopf

Ob sie mit ihrem Ansatz tatsächlich richtigliegen, untersuchen die Forscher jetzt an Personen aus allen Altersgruppen. An jungen Erwachsenen, die den Übergang ins Berufsleben vor sich haben, oder an sehr betagten Menschen. Im Alter verliert der Mensch vieles – umso spannender wäre es zu wissen, wie es manchen gelingt, die Verluste mit Resilienz auszugleichen.

In entsprechenden Studien konnte zum Beispiel nachgewiesen werden, dass eine starke Seele im Alter eng mit körperlicher Gesundheit zusammenhängt. "Das klingt vielleicht trivial, aber Bewegung und gesunde, ausgewogene Kost mit eher wenigen Kalorien sind auch für die Gehirnfunktionen und damit die psychische Gesundheit wichtig", sagt Tüscher.

Die Bewertungstheorie der Mainzer ist jedoch nicht unumstritten. Viele andere Forscher haben mit kritischen Anmerkungen darauf reagiert. Vor allem die Vorstellung, dass negative Situationen positiv umgedeutet werden müssten, sehen manche problematisch.

Die eigenen Grenzen kennen

Zum Beispiel die Psychologie-Professorin Alexandra Freund von der Universität Zürich: "Negative Emotionen dienen als Leitlinien für unser Verhalten. Sie sind ein Stoppsignal, das uns auffordert, unser Verhalten oder die Umwelt zu ändern." Würde man permanent versuchen, Probleme im Alltag, im Job oder mit dem Partner positiv umzudeuten, könnte das mitunter psychologische Probleme nicht verhindern – sondern verstärken. "Damit schränken wir unsere Entwicklung unter Umständen ein und machen auch in Zukunft dieselben negativen Erfahrungen wieder, statt deren Ursache zu beheben", glaubt die Expertin.

Dass ihr Konzept gesellschaftlich wichtige Fragen aufwirft, ist den Mainzer Wissenschaftlern durchaus bewusst. "Resilienz bedeutet ja nicht, dass die Verantwortung für den Erhalt der Gesundheit ausschließlich beim Einzelnen selbst liegt", sagt etwa Isabella Helmreich. Die Forscher beschäftigen sich deshalb unter anderem auch mit der Frage, welche Arbeitsbedingungen in Unternehmen resilientes Verhalten fördern. Wie ­etwa die eigenen Grenzen zu kennen und auch mal Nein zu sagen.