Wie viel Medizin brauchen wir beim Sport?

Laktatmessung, Atemgasanalyse, Check-up: Die Sportmedizin bietet auch Freizeitsportlern längst eine professionelle Leistungsdiagnostik. Wann ist sie sinnvoll?

von Katja Töpfer, aktualisiert am 27.06.2016

Lauftraining: Viele Freizeitsportler gehen vorher zur Leistungsdiagnostik


Höher, schneller, weiter: So trainieren nicht nur Profis, auch viele Freizeitsportler wollen sich heute nicht mehr nur auf fleißiges Üben verlassen. Mit dem Ziel, die eigene Leistung zu puschen, zeichnen Läufer per Smartphone-App, elektronischem Tagebuch und Pulsuhr jeden gelaufenen Kilometer akribisch auf. Was für Hobbysportler heute Standard ist, war vor 20 Jahren Leistungssportlern vorbehalten. Doch als Anfang der achtziger Jahre die ersten Pulsuhren auf den Markt kamen, revolutionierte das die Trainingswissenschaft im Freizeitbereich. Inzwischen kann jeder Hobbyläufer modernste Leistungsdiagnostik nutzen und mithilfe der Analysen das eigene Training optimieren. Einige Untersuchungen gibt es ab 100 Euro. Lohnen solche Ausgaben?

Medizinischer Check-up: Die Basis für Einsteiger

Grundsätzlich empfehlen Sportmediziner allen Einsteigern und Wiedereinsteigern eine sportärztliche Vorsorgeuntersuchung. Sporttreibende ab 35 Jahren sollten sich auch danach in regelmäßigen Abständen durchchecken lassen, denn das Risiko für viele Krankheiten, insbesondere Volkskrankheiten, steigt mit dem Alter. Neben einer ausführlichen körperlichen Untersuchung und einem Bluttest gehören zu diesem Check ein Ruhe- sowie ein Belastungs-EKG. "So können wir Erkrankungen ausschließen, die beim Sport riskant sein könnten wie unerkannte Herzleiden oder Störungen der Schilddrüsenfunktion", erklärt Dr. Ursula Hildebrandt, Sportmedizinerin an der Sporthochschule Köln und der Universitätsklinik in Bonn. In einigen Fällen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Untersuchung. Private Zentren bieten darüber hinaus reine Leistungsanalysen an, die Freizeitsportler selbst bezahlen müssen.

Gängig sind die Atemgasanalyse, von Fachleuten Ergospirometrie genannt, und der Laktattest.

Ergospirometrie: Für den individuellen Trainingsplan

Bei der Ergospirometrie werden die Atemgase bei steigender Belastung analysiert. Vorher besprechen Sportwissenschaftler und Athlet die individuellen Ziele, für die später der Trainingsplan optimiert werden soll. Gewicht, Körperfettanteil und Ruhepuls des Sportler werden ermittelt. Dann geht es ab aufs Laufband oder Rad-Ergometer. Während des Tests erhöht sich alle zwei Minuten die Geschwindigkeit oder der Widerstand, so lange, bis dem Sportler die Puste ausgeht. Ein Computer zeichnet über eine Atemmaske die Anzahl der Atemzüge, das Atemvolumen, den aufgenommenen Sauerstoff und das ausgeatmete Kohlendioxid auf. Auch Herzfrequenz und Blutdruck werden erfasst.

Atemgase zeigen, bei welchem Tempo Fett verbrennt

Die Ergebnisse der Atemgasanalyse zeigen genau, bei welchem Tempo ein Läufer Fett verbrennt, bei welcher Geschwindigkeit er seine Leistung steigert oder sich überfordert. "Auf dieser Basis können wir sehr individuelle Empfehlungen für das Training geben", erklärt Sportwissenschaftler Philipp Keller, der in München ein Zentrum zur Leistungsdiagnostik betreibt. Überwiegend Fett verbrennen wir bei leichtem Ausdauertraining. Sobald wir uns zu sehr verausgaben, schaltet der Körper in den Kohlenhydratstoffwechsel um. Dann verbrennen wir zwar insgesamt mehr Kalorien, doch der Anteil der Fettverbrennung am gesamten Energieverbrauch sinkt. Wo genau diese Stoffwechselgrenze liegt, ist individuell verschieden – und entsprechend auch das Lauftempo für die optimale Ausbaute bei der Fettverbrennung. 

"Nach unserer Erfahrung laufen Freizeitläufer häufig viel zu schnell, wenn sie Fett verbrennen möchten", so Kellers Einschätzung. Das Training im Kohlenhydratstoffwechsel hat weitere Besonderheiten: Man wird rasch müde, braucht nach dem Sport länger, um sich zu erholen. Und: Die Kohlenhydratspeicher sind nach 60 bis 90 Minuten leer.

Atemgasanalyse: Dann hat sie Sinn

Wenn trotz Joggen und Ernährungsumstellung die überflüssigen Kilos nicht schmelzen oder man in der Vorbereitung für einen Halbmarathon steckt, kann diese Untersuchung sinnvoll sein. Einige private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten für die Ergospirometrie. Diese liegen etwa zwischen 100 und 200 Euro. Wichtig: Der Sportler muss beim Test gesund sein. Bei Beschwerden oder Vorerkrankungen wie Herzkreislaufleiden ist immer zuerst eine sportmedizinischer Check-up nötig.

Auch Rebecca Arny, die im Jahr 2015 an einer Laufaktion der Apotheken Umschau teilnahm, hat eine Atemgasanalyse machen lassen. In der unten stehenden Grafik sehen Sie beispielhaft ihre Ergebnisse. Wenn Sie mit der Maus über eine der Kurven fahren, erhalten Sie dazu eine weitere Erläuterung.

Energie [kcal/h] 650600550500450400350300250200150100500 1009080706050403020100 Anteilige Energiebereitstellung [%]aus Fett- beziehungsweise Kohlenhydratstoffwechsel 4 5 6 7 8 9 10 11 Geschwindigkeit [km/h] Kalorienverbrauch [kcal/h] Anteil des Fettstoffwechsels am Gesamtenergieverbrauch (%) Anteil des Kohlenhydratstoffwechsels am Gesamtenergieverbrauch (%) Regeneration Grundlagentraining Aufbautraining Wettkampf- und Spitzenbereich

Rebecca Arnys persönliches Ziel ist es, eine Stunde am Stück zu laufen. Bevor sie die Atemgasanalyse vornehmen ließ, hatte sie schon sechs Wochen auf dieses Ziel hintrainiert. Die Auswertung des Tests zeigt, dass Arny recht fit ist. Bei dem Test erreichte sie eine Spitzengeschwindigkeit von 11 Stundenkilometern. Die Grafik zeigt, dass das Verhältnis aus Fettverbrennungsanteil und Gesamtkalorienverbrauch für sie bei einer Geschwindigkeit zwischen sechs und sieben Stundenkilometern besonders günstig ist. Dies wäre für sie ein idealer Trainingsbereich, um abzunehmen.

Doch Arnys Ziel ist es, Kondition aufzubauen. Hier ist ein Tempo zwischen sieben und 8,5 km/h für sie ideal. Im dunkelgelben Bereich steigt der Kalorienverbrauch bei ihr noch einmal deutlich an, weil Herz- und Atemfrequenz steil steigen (nicht in der Grafik gezeigt). Sie kommt an ihre Belastungsgrenze. Die Folge: Sie ermüdet bei diesem Tempo schnell.

Folgende Empfehlungen bekommt Arny für ihr Training: Sie sollte pro Woche dreimal eine halbe Stunde laufen. An zwei Tagen entscheidet sie sich für ein langsames, einheitliches Tempo mit maximal sieben Stundenkilometern. Um ihre Leistung langfristig zu steigern, baut sie während der dritten Trainingseinheit Intervalle mit einem etwas schnelleren Tempo bis maximal 8,5 km/h ein.

Laktatmessung: Prognose der Leistungsfähigkeit

Bei lockerem Sport reicht der eingeatmete Sauerstoff aus, um die Muskeln mit Energie zu versorgen. Sportwissenschaftler sprechen von einer "aeroben Belastung". Je härter das Training ist, desto mehr Energie müssen die Muskeln jedoch aus anderen Quellen ziehen. Eine davon ist Glukose: Laktat ist ein Salz der Milchsäure und entsteht beim Abbau von Glukose. Bis zu einer gewissen Grenze kann der Körper das Laktat während des Trainings schnell wieder abbauen, dann schnellt die Laktatkonzentration im Körper extrem hoch. Das ist die so genannte "anaerobe Schwelle". Ist diese überschritten, macht der Sportler schnell schlapp. Wann ein Sportler diese anaerobe Schwelle erreicht und welchen Puls er hier hat, liefert ebenfalls wichtige Informationen, mit denen man sein eigenes Training optimieren kann.

Für einen Laktat-Test steigt man wie bei der Atemgasanalyse aufs Laufband oder auf ein Fahrrad-Ergometer und erhöht die Intensität. Um die Bildung von Laktat im Blut zu messen, muss dem Sportler während des Tests bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten etwas Blut abgenommen werden. Dafür reicht ein kleiner Piks ins Ohr.

Was der Laktattest bringt

Eine Laktatuntersuchung liefert ähnliche Ergebnisse wie eine Atemgasanalyse. Laktat-Leistungstests bieten Sportärzte, Universitäten und private Institute an. Die Kosten von rund 150 Euro pro Test werden nicht von den Krankenkassen übernommen.