Sicher radfahren, auch mit E-Bikes

Beim Radeln defensiv fahren und Helm tragen – das schützt am besten. Warum man manchmal besser auf die Vorfahrt verzichtet und Elektroräder mit Vorsicht genießen sollte

von Wolfram Eberhardt, 05.09.2018
Fahrrad fahren

Riskantes Radeln: Im Stadtverkehr kommt es leicht zu unübersichtlichen Situationen


Wer viel Rad fährt, lebt gesund. Kaum jemand würde dem widersprechen. Radfahrer trainieren ihr Herz-Kreislauf-System, verbrennen überflüssige Kalorien und schonen dabei ihre Gelenke. "Bereits der Gesundheitsgewinn, wenn man beispielsweise jeden Tag zur Arbeit fährt, ist groß", erklärt Roland Huhn vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC).

Über 80.000 verletzte Radfahrer pro Jahr

Aber Radfahren birgt auch Risiken. Huhn: "Für den Radverkehr gibt es in Deutschland viel zu wenig Platz und geschützte Infrastruktur – das bringt ­­erhebliche Gefahren mit sich." Laut ­Statistischem Bundesamt wurden 2016 in Deutschland 81 272 Radfahrer bei Unfällen verletzt.

In rund Dreiviertel der Fälle kollidierten die Radler mit Pkws – dabei trug nur jeder vierte Radfahrer die Schuld an dem Zusammenstoß. Circa 15 000 verletzten sich schwer, 393 starben an den Unfallfolgen. Gerade ältere Radler sind stark gefährdet. Über die Hälfte der tödlich Verunglückten waren 65 Jahre oder älter.

Bei schweren Radunfällen sind Kopfverletzungen häufig

Forscher ermittelten anhand der Daten des deutschen TraumaRegisters, dass von 2817 schwer verletzten Radfahrern rund 70 Prozent Kopfverletzungen erlitten hatten. Für Dr. Christopher Spering, Sektionsleiter für Prävention der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, ein klares Signal, dass der Helm zum Fahrrad dazugehört. "Er schützt den Kopf, besonders beim Aufprall auf der Straße oder der Bordsteinkante", so der Unfallchirurg. Der Helm reduziere die Übertragung der Aufprall-Energie auf das verletz­­liche Gehirngewebe.

Unverständlich bleibt Spering, warum Eltern zwar gerne ihre Kinder zum Helmtragen animieren – selbst aber häufig keinen benutzen. Im Kindesalter würden zwar 75 Prozent noch einen Helm aufsetzen, bei den Erwachsenen reduziere sich die Quote auf gerade einmal 10 Prozent. Das schlechte Vorbild führt seiner Meinung dazu, dass auch Teenager den Helm weglassen.

Besonders eindringlich appelliert der Experte an ältere Menschen, nicht auf den Kopfschutz zu verzichten. Leicht könne es sonst bei einem Unfall zu ­­Blutungen im Gehirn kommen. "Das Risiko ist besonders groß, wenn jemand blutverdünnende Arzneimittel einnimmt."

Überraschung auf dem Gehweg

Aber nicht nur der Helm und ein korrekt ausgerüstetes Fahrrad mit Reflektoren und Licht schützen – entscheidend ist häufig das eigene Verhalten im Straßenverkehr. Manche Radfahrer beispielsweise weichen aus Angst vor dem Verkehr auf den Gehweg aus. "Das ist sehr riskant. Autofahrer, die aus Hauseinfahrten oder Tiefgaragen kommen, rechnen nicht mit Radlern auf Gehwegen", erklärt Huhn. Ebenso wenig mit solchen, die in falscher Richtung auf Radwegen unterwegs sind. Huhn: "Das sind häufige Unfallursachen."

Oft verhalten sich aber auch die Autofahrer falsch, indem sie den Schulterblick unterlassen oder Radler zu nah überholen. Viele Pkw- oder Lastwagenfahrer nehmen beim Rechtsabbiegen Radfahrern die Vorfahrt – mit fatalen Folgen. "Als Radfahrerin oder Radfahrer kann man leider nicht davon ausgehen, dass man wahrgenommen wird – und das Vorfahrtsrecht gewährt bekommt. Deshalb muss man neben abbiegenden Kraftfahrzeugen äußerste Vorsicht walten lassen", rät Huhn.

Im Zweifel besser auf die Vorfahrt verzichten

"Das A und O ist die Kommunikation mit dem anderen Verkehrsteilnehmer", sagt auch Unfallchirurg Spering. Biegt beispielsweise ein Lkw rechts ab und quert einen Radweg, ist meist kein Blickkontakt mit dem Fahrer möglich. "Dann lieber auf die Vorfahrt verzichten. Wer passiv fährt, schützt sich am besten." Gerade Unfälle mit Brummis verlaufen für Radfahrer oft tödlich.

Linksabbiegen ist ebenfalls nicht ungefährlich. Unsicheren Radfahrern rät Huhn zum indirekten Linksabbiegen. "Hierbei fährt man geradeaus über die Kreuzung und überquert dann im zweiten Schritt vom rechten Fahrbahnrand aus die Straße". Das ist allerdings nur möglich, wenn Ampeln den Verkehr an der Kreuzung regeln.

E-Bikes führen leicht zur Selbstüberschätzung

Inzwischen steigen auch Menschen im Alter zwischen 70 und 80 wieder aufs Rad. Vor allem Elektroräder bringen die Mobilität zurück. Mediziner Spering begrüßt das – warnt aber auch vor Selbstüberschätzung. Beschleunigt der E-Bike-Motor wie gewöhnlich auf 25 Kilometer pro Stunde, sei das manchmal zu viel. Den Motor lieber auf 15 km/h drosseln. "Wir alle wollen immer nur schnell unterwegs sein. Aber das ist im Alter nicht mehr der richtige Weg."

Tatsächlich nimmt die Zahl der tödlich verunglückten E-Bike-Fahrer zu, 2016 waren es bereits 60. Laut Huhn ein Resultat des steigenden Verkaufs von Elektrorädern. Aber auch er fände es wünschenswert, wenn sich Käufer besser mit dem Gefährt vertraut machen.

Fahrverhalten von E-Bikes in Ruhe testen

So sind die Räder schwerer, und die Bremsen greifen besser als bei Fahr­­rädern ohne Motor. "Hier gilt es genau zu dosieren, damit das Vorderrad nicht blockiert und man über den Lenker fliegt." Die Füße erst auf den Boden aufsetzen, wenn das E-Bike ganz zum Stillstand gekommen ist, da der Motor manchmal noch nachschiebt.

Huhn rät, das Fahrverhalten am Wochenende auf einem leeren Parkplatz zu testen, bevor man sich auf die Straße wagt. Denn auch für E-Bikes gilt: Fahrradfahren ist immer dann gesund, wenn kein Unfall passiert.