Fußball: Schaden Kopfbälle dem Gehirn?

Beim American Football stoßen Spieler heftig zusammen. Das erhöht wohl das Risiko für Hirnschäden. Forscher untersuchen, wie gefährlich Kopfbälle beim Fußball sind

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 14.06.2016
Schaden Kopfbälle dem Gehirn?

Wuchtiger Kopfball: Alltag bei Fußballspielen


Fußball und American Football unterscheiden sich grundlegend – auch wenn es um die Verletzungen geht, die Sportler davontragen. Bei American Football sind Zusammenstöße mit Freund und Feind programmiert und Schädelhirntraumen entsprechend häufig. Das soll das Risiko für eine chronische traumatische Enzephalopathie (CTE) erhöhen. Diese Gehirnerkrankung wird mit Symptomen wie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Depression, beeinträchtigtem Urteilsvermögen und Demenz in Verbindung gebracht. Einige Profis der North American Football League (NFL) sind daran erkrankt. Andere Profis der NFL haben wegen des Risikos bereits ihre Karriere beendet. Auch bei Eishockey, Rugby und bestimmten Kampfsportarten könnte die CTE eine Rolle spielen.

Bei Fußball gibt es keine derartigen Beobachtungen in diesem Ausmaß. Dennoch häufen sich die Hinweise, dass auch regelmäßige leichte Erschütterungen des Kopfes, wie Kopfbälle sie verursachen, auf Dauer dem Gehirn schaden könnten. Pro Fußballspiel machen Feldspieler im Durchschnitt sechs bis zwölf Kopfbälle. Im Laufe einer Profikarriere summiert sich das zu mehreren Tausend Kopfbällen. Welche Folgen hat das?

Studien deuten auf Auffälligkeiten im Gehirn hin

Forscher kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Professorin Inga Koerte von der Ludwig-Maximilians-Universität München publiziert seit fünf Jahren Studien zu dem Thema und forscht derzeit an der US-Universität Harvard. Um Fußballern in den Kopf zu sehen, verwendet die Forschungsgruppe von Koerte spezielle, sehr aufwendige Formen der Kernspintomografie (MRT). Deshalb sind bei den Studien die Fallzahlen eher klein, was die Aussagekraft einschränkt.

Beim Vergleich von zwölf aktiven Profifußballern mit einer Gruppe von Schwimmern fiel auf, dass es in der Fußballergruppe deutlich mehr Veränderungen in der weißen Substanz des Gehirns gab. Die weiße Substanz ist eine Art Netzwerk, welches die grauen Zellen des Gehirns miteinander verbindet. Was den gefundenen Veränderungen zugrunde liegt, weiß man nicht genau.

Eine zweite Untersuchung befasste sich mit fünfzehn ehemaligen Profispielern, die durchschnittlich 49 Jahre alt waren, und maß die Dicke der grauen Substanz ihrer Gehirne. Diese nimmt mit zunehmendem Alter grundsätzlich ab, aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich schnell. Bei den Ex-Profis verringerte sich die Dicke der grauen Substanz im Vergleich zu einer gleichaltrigen Kontrollgruppe aus Tänzern, Schwimmern und Tischtennisspielern mit zunehmendem Alter stärker, wobei der Torwart als Fußballer mit den wenigsten Kopfbällen noch die höchste Dicke aufwies. Generell beobachteten die Forscher eine deutliche Wechselbeziehung: Je mehr Kopfbälle die Spieler angegeben hatten, desto dünner war die graue Substanz.

Schlechtere Gedächtnisleistungen

Dieselben Ex-Profis und ihre Kontrollgruppe absolvierten auch neuropsychologische Tests. Unter anderem gab es eine Aufgabe, bei dem das Gedächtnis für Bilder gefordert war. Zwar lagen die Ergebnisse beider Gruppen im Normalbereich, aber die ehemaligen Fußballer waren langsamer und schnitten im direkten Vergleich signifikant schlechter ab. Es könnten allerdings auch andere Ereignisse als Kopfbälle die Ergebnisse erklären, zum Beispiel stärkere Gehirnerschütterungen durch Stürze auf den Kopf oder Zusammenstöße mit anderen Spielern, an die sich die Studienteilnehmer nicht mehr erinnern.

In einer weiteren Studie aus Texas sollten jugendliche Fußballspielerinnen direkt nach dem Training Denkaufgaben auf einem Tablet-Rechner lösen. Die Fußballerinnen waren umso langsamer, je mehr Kopfbälle sie davor absolviert hatten, je öfter sie pro Woche Fußball spielten und je mehr Jahre sie bereits spielten.

Erhöhte Entzündungsmarker im Gehirn

Wird durch wiederholte Erschütterungen des Kopfes auch der Stoffwechsel im Gehirn beeinflusst? Koerte und ihre Kollegen untersuchten zu dieser Frage elf ehemalige Fußballspieler mit einer speziellen Kernspinuntersuchung. Alle gaben an, dass sie nie eine Gehirnerschütterung oder eine stärkere Kopfverletzung erlitten hatten. Die Messungen stellten in den Köpfen der Fußballer erhöhte Konzentrationen von Gewebsmarkern fest, die auf anhaltende entzündliche Vorgänge im Nervengewebe hindeuten. Am geringsten waren wiederum die Werte bei den beiden Torhütern, die an der Studie teilnahmen.

Zwar befand sich die aktuelle geistige Fitness der untersuchten Sportler im Normalbereich. Laut Koerte könnten diese Ergebnisse allerdings erklären, weshalb manche Fußballspieler im erhöhten Lebensalter anfällig werden für neurologische Erkrankungen wie Parkinson und geistige Einschränkungen bis hin zur Demenz. Dass die gemessenen Unterschiede tatsächlich durch wiederholte Erschütterungen des Kopfes entstehen, ist allerdings noch nicht bewiesen. Vermutlich seien sie nur ein Risikofaktor von vielen, sagt Koerte.

Folgen für den Fußball?

Nachdem in den USA besorgte Eltern aufgrund von Studienergebnissen geklagt hatten, erließ der amerikanische Fußballverband 2015 neue Bestimmungen für Kinder und Jugendliche. Unter elf Jahren herrscht nun ein völliges Kopfballverbot für die jungen Kicker, und erst ab 14 Jahren dürfen im Fußballtraining Kopfbälle geübt werden. Koerte hält diese Altersgrenzen eher für willkürlich gewählt: "Zwar ist das sich entwickelnde Gehirn im Kindes- und Jugendalter besonders anfällig für äußere Einflüsse. Man kann allerdings nicht davon ausgehen, dass sich das ab dem Alter von 14 schlagartig ändern würde."

Um Kopfbälle generell im Fußball zu verbieten, hält die Forscherin die wissenschaftliche Grundlage noch für zu gering. Es gebe noch deutlich mehr Fragen als Antworten. Sie wünscht sich aber, dass auch in Deutschland die Problematik öffentlich diskutiert wird.